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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Verzeihen Sie Jens Spahn, aber...

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist der Gradmesser, wann unsere Vergebungskompetenz endgültig im Grenzbereich angekommen ist – meint stern-Kolumnist Micky Beisenherz
© Christoph Soeder / DPA
Es klang neujahrsansprachlich-weise, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte: "Wir werden einander viel verzeihen müssen." Stimmt – aber auch nicht alles. 
Von Micky Beisenherz

"Wir werden einander viel verzeihen müssen." Ein Satz, an den ich dieser Tage wieder häufiger gedacht habe. Ausgesprochen hatte ihn Jens Spahn im Frühjahr 2020, und es klang neujahrsansprachlich-weise. Passend zu einem, der sich im Laufe des Vorjahres zu jemandem entwickeln sollte, dessen gesamter Habitus und Wirken gut in den Regierungssessel zu passen schien.

Wir wussten ja nicht, wie viel "viel" sein würde. Und das wir das alles immer wieder nur ein und derselben Person würden verzeihen sollen. "Wir", das Personalpronomen der 1. Person Plural. Es wird immer gerne genommen, um der Verantwortungsdiffusion sprachlich ein Gesicht zu geben. Eine Nebelkerze auf der Torte des Versagens.

"Wir alle haben das Virus unterschätzt."

"Wir waren zu sorglos."

Da, wo ein "Ich" stehen müsste, nehmen Scheiternde gerne ein "wir", als Geiseln für die eigene Therapiegruppe. Spahn ist der Gradmesser, wann unsere Vergebungskompetenz endgültig im Grenzbereich angekommen ist. Wann unsere Nerven reißen wie zu teuer eingekaufte Billigmasken. Dabei hatte doch alles so harmlos angefangen.

Es war das Frühjahr 2018, Jens Spahn war nur ein nerviger Emporkömmling, der sich durch Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik profilierte. Also band die Kanzlerin diesen Merz 3.0 mit ins Kabinett ein, auf dass er im Amt so mit Akten geschüttet werde, bis ihm die Puste für derlei Frechheiten ausgehen und er bestenfalls noch die Notfallpfeife pusten würde. Spahn hatte vermutlich andere Pläne. Hey, Gesundheitsminister, das reißt man auf einer Backe ab. Das nimmt man so mit, da fällt man nicht weiter auf. So wie Rösler, Bahr oder dieser eine mit der Mecki-Frisur, dem Merkel mal auf der Bühne das Fähnchen abgenommen hatte. Eine Art verkehrsberuhigte Zone auf dem direkten Weg ins Kanzleramt.

Was soll da schon groß schiefgehen? Die Antwort: so ziemlich alles.

Rücktritte sind in der Union so geläufig wie eine Gratisleistung

Nein, Angela Merkel hatte diese Pandemie nicht geplant. Aber da, wo sich bei allen der Dresscode untenrum verändert hatte, hat's dem Kennedy aus Borken mal so richtig die Hosen runter gerissen. Dabei fing es sogar ganz gut an. Der, der dessen Gang immer zu sagen scheint, "Lassen Sie mich durch, es geht um Europa", konnte sich einfach gut verkaufen. Holperfreie Interviews fürs ausländische Fernsehen, klare Ansprache und eine Attitüde, die wenig Selbstzweifel erkennen ließ.

Möglicherweise lag es auch nur am Umfeld. Wer sich häufiger an der Seite von Armin Laschet zeigt, gerät schnell in den Verdacht, souverän und kompetent zu sein. Corona war für uns alle neu, aufregend, erschreckend. Wir wussten ja nix und wer nur überzeugend genug downlockte, der hatte unser Vertrauen. Bis in den Dezember ging das so. Zu diesem Zeitpunkt waren nicht wenige überzeugt, wäre Spahn aus dem Tandem mit Laschet ausgeschert – er wäre glatt Parteivorsitzender geworden. Und Kanzler gleich mit.

Er selbst wohl auch. Weswegen er im Vorfeld des CDU-Parteitages schon mal hatte ausloten lassen, wie groß denn wohl seine Chancen aufs Kanzleramt wären. Das muss er heute nicht mehr. Diese Tage scheinen Lichtjahre und Millionen von Steuergeldern her. Der, dessen Ehrgeiz immer ein wenig von hinten gegen die Augen zu drücken scheint, kann nunmehr froh sein, sein Amt bis zum Ende der Legislatur ausüben zu können. Gleichwohl, Rücktritte sind in der Union so geläufig wie eine Gratisleistung. Angebracht wär es wohl.

Das kann ich schon aus persönlicher Sicht verlangen, da sein Versagen bei der Impfstoffbeschaffung und das Missmanagement der Verteilung der kümmerlichen Mengen mit dafür verantwortlich waren, dass ich nicht rechtzeitig geimpft wurde, bevor ich mir im Mai (!) 2021 dann doch noch das Virus eingefangen hatte. Der körperliche Schaden hält sich zum Glück in Grenzen. Den finanziellen Schaden wiederum könnte ich ausgleichen, indem ich morgen ein Testzentrum aufmache. So wie es derzeit wohl jeder drittklassige Hühnerbrater macht, der sich Dank Spahns beschissfreundlicher Abrechnungsstrategie gerade einen Porsche Cayenne zusammen popelt.

Für den geschäftsfreudigen Teil der Gesellschaft hat Spahn aus der Pandemie eine Art Oprah-Winfrey-Show gemacht, in der er wahllos millionenschwere Aufträge verteilt hatte. Noch heute sitzen Apotheker oder CSU-Abgeordnete lachend in der neuen Ferienwohnung, kaum fassend, wie viel Glück sie mit diesem spendablen Kerl gehabt haben. Dass man das Wort "Masken" nicht mehr sagen kann, ohne im Kopf automatisch "-Affäre" anzufügen, das geht maßgeblich mit auf sein Konto. Volkssport Selbstbereicherung. Klepidemie.

Derweil dürfen sich ab sofort Erwachsene mit Teenagern in der Schlange vorm Impfzentrum um die immer noch zu knappe Menge an Vakzinen prügeln wie Kai Pflaume vorm Sneaker Store. Es ist zum Heulen.

"Für die langt es ja", oder was?

War Corona anfangs noch so etwas wie ein roter Teppich für Entscheider-Simulanten, nimmt der Münsterländer die Pandemie mehr und mehr als Majestätsbeleidigung hin. Seine Vita hat längst einen schweren Verlauf. Karrieristisches Long Covid. Dachten wir, der Tiefpunkt sei bereits erreicht, als die Kanzlerin ihm in einem Akt öffentlicher Kastration ausgerechnet Premiumversager Andi Scheuer zum gemeinsamen Herumeseln als Trümmertandem in der "Taskforce Testlogistik" zur Seite gestellt hatte, kommt beim journalistischen Abhusten nun wirklich ALLES raus.

Der Superspender-Event aus dem Oktober 2020, das gemeinsame Essen mit den spendierfreudigen Anonymen, an dessen Ende sich ausgerechnet der Gesundheitsminister selbst mit Corona infizierte. Die entsetzliche Impfung- und Testlogistik. Bis hin zu der wirklich schäbigen Episode aus dem Frühjahr 2020, als Spahn in China für eine Milliarde Euro unbrauchbare Masken gekauft hatte und in dem Moment, als klar war, dass die Dinger womöglich nix taugen vorschlug: Dann lass die doch Obdachlosen, Hartz-IV-Empfängern oder Behinderten geben!

"Für die langt es ja."

Nun hatte man eh schon das Gefühl, dass die Marie Antoinette aus dem Münsterland wenig für andere übrig hatte als für Jens Spahn – aber so deutlich hätte man es auch nicht zeigen müssen. Masken werden nicht brauchbarer, je wertloser einem die Menschen erscheinen, an die man sie verteilt. Dass es nicht so kam, da muss man sich beim Arbeits-und Sozialminister Hubertus Heil bedanken, der als Schmerzensmann der Sozialdemokratie in seiner uneitlen Drohnenhaftigkeit fast wie ein Gegenentwurf zu seinem Kollegen aus dem Gesundheitsministerium wirkt.

Dass der Rücktritt von Jens Spahn mittlerweile überfälliger scheint als der vom vergleichsweise harmlosen Scheuer sagt viel über das entsetzliche Kabinett Merkel aus. Wird natürlich nicht passieren. Schön aber wäre es, wenn der Mann aus Ahaus nach dem September denselben Weg nehmen würde wie Rösler, Bahr oder dieser Typ mit dem Fähnchen.

Ja, wir werden nach der Pandemie einander viel verzeihen müssen. Aber auch nicht alles.


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