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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Hurra, Sie leben noch!

Und das ist nicht selbstverständlich, denn gerade liegen die trübsinnigsten Tage des Jahres hinter Ihnen. Aber von nun an geht es aufwärts!

Von Micky Beisenherz

Der Deutsche gilt im Allgemeinen nicht als Weltmeister im Gönnen. Deshalb könnte es Sie bekümmern, wenn ich Ihnen sage: Ich sitze gerade in der Sonne, in Australien. (Im Rahmen einer Produktion, in der Deutschland zwölf Aufbackprominenten durchaus viel gönnt, allerdings nur von dem, was man selbst für sich nicht braucht und das RTL netterweise über denen auskübelt.) Allerdings habe ich auch gute Nachrichten für Sie: Sie leben noch!

Et voilà: Wir haben einen ziemlich mies gelaunten Menschen!

Das ist nicht selbstverständlich und insofern sehr schön, als Sie die kritischen Tage hinter sich gebracht haben. Damit meine ich jetzt nicht die aus der o.b.-Werbung, sondern den Mount Everest der Betrübnis, und der türmt sich Mitte Januar. Dann ist die Unzufriedenheit am größten, die Selbstmordrate am höchsten. Ein kalendarischer Stolperstein, der manchen nicht mehr hat aufstehen lassen.

Als schlimmster Tag des Jahres gilt gemeinhin der dritte Montag im Januar, der sogenannte Blue Monday. Hier summieren sich offenbar diverse Faktoren. Ein Psychologe namens Cliff Arnall fasste dies vor ein paar Jahren in einer Formel zusammen: [W + (D-d)] x TQ ÷ [M x Na] (W) steht für das Wetter, dazu kommen die Schulden (D). Davon ziehen wir das Januar-Gehalt (d) ab, nehmen es mal mit der Zeit seit Weihnachten (T), potenziert mit der Zeit, in der die guten Vorsätze gescheitert sind (Q), teilen es durch die Motivation (M) mal dem Gefühl, etwas unternehmen (Na) zu müssen. Et voilà: Wir haben einen ziemlich mies gelaunten Menschen!

Ich selbst nehme lieber 17 Nachtschichten am Stück in Australien in Kauf, als mich dem deutschen Winter auszusetzen.

Zugegeben, die Wissenschaft hält nicht viel von der Gleichung, gefühlt aber – und wir leben in Zeiten, in denen gefühlte Wahrheiten Präsidentschaftswahlen entscheiden können – stimmt sie.

Ich selbst nehme lieber 17 Nachtschichten am Stück in Australien in Kauf, als mich dem deutschen Winter auszusetzen. Bin ich nämlich am 6. Februar zurück, habe ich einen Gut- beziehungsweise Schlechtteil des Winters verpasst und muss nur noch rund drei Wochen Februar absitzen.

Wein? Ja, klar. Du trinkst schon wieder Alkohol.

Machen wir uns nichts vor: Sobald die letzten Silvesterknaller weggefegt sind, beginnt für den Deutschen eine seeeehr lange Zeit der Winterhaft, bevor man mit dem meteorologischen Frühlingsbeginn Anfang März zumindest ein Grundrecht auf die ersten schönen Tage einfordern darf. Ein nichtsnutziger Monat wie der November kann zumindest noch als Wartezimmer zur Weihnacht gesehen werden, während der Januar ... eben. Da ist nichts. Es sei denn, man hat ein Faible für Orkantiefs und Grippewellen. Urlaub ist auch nicht drin. Man hat sich ja mit den Weihnachtsgeschenken finanziell komplett überhoben, während die Geschenke, die man selbst bekommen hat wie zum Beispiel der Kochkurs, horrende Folgekosten für Messer- oder Topfsets nach sich ziehen, will man das neue Hobby mit dem Ehrgeiz der guten Vorsatzerfüllung seriös angehen. Auch wenn man sich dabei erwischt, wie man das japanische Sushimesser nach drei Gläsern Wein einfach nur mal probehalber an die eigene Pulsader legt. Wein? Ja, klar. Du trinkst schon wieder Alkohol. Kein Gott der Welt kann einem Abstinenz abnötigen, wenn das bedeutet, den Januar und den Februar nüchtern zu erleben!

Aber sehen Sie’s positiv: Statt drinnen zu netflixen, könnten Sie auch Postbote sein. Oder Martin Schulz.

Und am 8. Februar ist Karneval! Spätestens wenn Sie Bilder davon im TV sehen, wissen Sie: Es kann immer noch schlimmer kommen. Und das ist immer noch das Tröstlichste von allem.


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