VG-Wort Pixel

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Deutschland Viruswunderland – zwischen Lockern und Boostern

Micky Beisenherz
Lange Impfschlangen vor der Elbphilharmonie in Hamburg
© Picture Alliance
Deutschland teilt sich auf in Ungeimpfte, Geimpfte und Weggeschickte. Schuld sind wieder mal widersprüchliche Botschaften, 180 Grad-Wenden und eine bummelige Bräsigkeit, dass das Label "Verschlepperbande" fast noch unzureichend ist.

"Du kannst die Maske gerne abnehmen. Wir haben hier 2G." Noch vor kurzer Zeit hätte ich vermutlich begeistert den Mundschutz weggerissen und wäre los spaziert. Bin ja geimpft. Dass ich in dem Studio eher befremdet geguckt habe, zeigt, welche Dynamik dieses Infektionsgeschehen hat.

Kilometerlange Impfschlangen 

Waren wir nicht gerade noch virologisch gestochen scharf, voller Antikörper, nicht infektiös und überhaupt? Stattdessen die ernüchternde Erkenntnis: Durch unsere Adern fließt eine dünne Immunsuppe, wer Glück hat, hat jetzt einen guten Draht zu seinem Hausarzt oder einen halben Tag Zeit, um sich in einer der kilometerlangen Impfschlangen anzustellen.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.

Dort wartet man dann entweder gerade so lange, bis die sechs Monate bis zur Impferlaubnis durch sind – oder man wird wie unlängst in Hamburg weggeschickt, weil Pressestelle und Amt vergessen hatten, dass da – ups! – heute geimpft werden sollte. Wie viele Menschen beim Warten in der Schlange an Altersschwäche verstorben sind, ist nicht überliefert.

Hamburg ist natürlich exemplarisch für ein Deutschland, das sich aufteilt in Ungeimpfte, Geimpfte und Weggeschickte. Und wie zu Beginn der Pandemie liegt der Fehler zuvorderst in der Kommunikation. Widersprüchliche Botschaften, 180 Grad-Wenden und eine bummelige Bräsigkeit, dass das Label "Verschlepperbande" fast noch unzureichend ist. Ein bisschen mehr regieren als reagieren wäre schon schön. Anstatt uns zwei mehr oder weniger auffällige Oppositionen zu leisten. Ist ja nicht so, als gäbe es keine Wissenschaftler, die frühzeitig gewarnt hätten.

Und selbst, wenn man als Politiker:in heillos überdrostet ist, kann man immer noch ins Ausland schauen und gucken, wie die es (früher) gemacht haben. Würde mich als Verantwortlicher sehr nerven, wenn ich andauernd davon reden würde, "unbedingt vor die Welle kommen" zu müssen und jeder weiß: Du hast keinen Jet Ski. Nicht einmal ein Bügelbrett. Was erwartet uns jetzt?

Die Infektionslage verheißt nichts Gutes

Der Lockdown (bei dem ich mitunter den Eindruck habe, dass so manche die Forderung danach bereits im Juli getippt haben und froh sind, es endlich twittern zu können)? Geht es nur noch so? Und was bedeutet das eigentlich für die Motivation, sich impfen zu lassen, wenn am Ende doch wieder alle zuhause sitzen müssen? Die Infektionslage verheißt nichts Gutes.

Wenn es so weiter geht, dann kann der Weihnachtsmann demnächst auf seinem Schlitten gleich noch Onkel Bernd von der St. Johannes-Klinik rüber ins nächste Bundesland auf die Intensivstation fliegen. Während sich noch alle fragen, ob die nächste Schließungswelle wohl Wellenbrecher-, Brücken- oder Power-Lockdown heißen wird, appelliert der tapfere Bundespräsident an die Nation, möglichst freiwillig Kontakte zu beschränken. Derweil sind 50.000 Menschen im Stadion in Köln. Bilder, die viele Menschen so erregt haben, dass in der Beurteilung wieder verlässlich jedes Maß verrutscht ist.

Diese Leute, die da so ohne Abstand und Maske zusammen standen, hatten aber gewiss nicht vor, die eigene Oma zu töten, die COVID-Résistance zu gründen, noch sind sie die Taliban. Sie waren dort, weil: Es erlaubt war. Ein Verhalten als ein Relikt aus der Zeit, als die Bevölkerung sich guten Glaubens in einem Rahmen bewegen konnte, den die Politik vorgegeben hatte, weil sie eben wusste, was gut und richtig für uns ist. Was rechtens ist, ist aber nicht zwingend richtig. So gibt es nicht nur ein Politik-, sondern auch ein Gesellschaftsversagen. Das eher leise, nachlässig-arglose.

Der Riss läuft nicht durch die Mitte der Gesellschaft

Und das laute wie das, der komplett verschraubten Minderheit, auf deren Belange viel zu lange zu Lasten der ungleich größeren Mehrheit Rücksicht genommen wurde. Der Riss läuft ja nicht durch die Mitte der Gesellschaft, sondern an deren Rand entlang. Nunmehr aber wirkt das Virus (Hallo, Omikron!) deutlich anpassungsfähiger an sich verändernde Situationen als die Regierenden.

In diesem "Instrumentenkasten", so fürchte ich zunehmend, befindet sich maximal eine verbogene Zange, ein stumpfes Skalpell und, Logo, ein Hammer. Instrumentenkasten. Eigenverantwortung. Freiheit. Brennglas. Kraftanstrengung. Marathon. Spaltung. Solidarität. Belastungsgrenze. Flickenteppich. Diskriminierung. Appell. Panne. Wir werden bald eine neue Sprache lernen müssen. Die alte ist leider komplett kontaminiert. Der rasende Anstieg der Neuinfektionen scheint gebremst.

Was vermutlich in erster Linie daran liegen dürfte, dass viele Menschen sich freiwillig beschränken, Feiern absagen, Konzerte, Restaurantbesuche. Die Vorsicht ist zurück. Die Angst. Die Angst vor dem Virus, die Angst vor der Schließung, die Angst davor, den Kindern wieder all das zumuten zu müssen, von dem wir glaubten, es hinter uns zu haben. Ja, hatte man uns denn nicht versprochen, mit dem "Impfangebot für alle" sei der ganze Horror vorbei?! Gut, man konnte nicht ahnen, dass ein knappes Drittel der Deutschen zu faul oder intellektuell zu verheddert sein würde, dieses (oft weißgott nicht niedrigschwellige) Angebot auch anzunehmen.

Ohne das Schließen der Impflücke wird es nichts

Ebenfalls war nicht sofort absehbar, dass unser Immunprofil so schnell runtergefahren sein würde, sodass eine regelmäßige Erneuerung der Impf-Plakette unumgänglich scheint. Und das, aber ja doch, verpflichtend. Das sieht z.B. Jens Spahn kritisch: "Wir brechen diese Welle ja nicht mit einer verpflichtenden Impfung. Die käme viel zu spät die Wirkung." Das stimmt natürlich. Aber für die Wellen fünf bis neun wäre das doch ganz schön.  

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Deutschland Viruswunderland – zwischen Lockern und Boostern

Es hilft ja nichts. Ohne das Schließen der Impflücken werden wir nicht "mit dem Virus leben" können, aus dieser Krankheit tatsächlich die hässliche Schwester der Grippe machen. Überdies auf 2G setzen, da, wo praktisch und finanziell umsetzbar besser sogar 2G+. Nein, dieser Winter verheißt nichts Gutes. Die neue Staffel "Tiger King" ist Mist, Heizen ist teuer, und da ist die bange Gewissheit, dass wir die Sommer bis auf Weiteres als einen Gruß aus der Küche werden begreifen müssen.

Ein Geschmack von Freiheit, der uns noch sachte auf dem Gaumen liegt, wenn es langsam wieder zurück in die einsamen Stuben geht. Aber sehen Sie es positiv: Sie werden dieser Tage viele neue Leute kennenlernen – wenn sie zwischen dem zweiten und dem vierten Advent für ihre Impfungen anstehen, können sie Rezepte und Geschenkideen austauschen.

Möglicherweise sind sie sogar rechtzeitig zum Fest wieder zuhause. Ho ho ho.

Mehr zum Thema

Newsticker