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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Ein Schimmer am Rande der Gesellschaft

Micky Beisenherz
Micky Beisenherz schreibt in seiner Kolumne über die Begegnung mit einem Obdachlosen.
© M. Beisenherz
Die Winterzeit ist besonders hart für Obdachlose. Die Corona-Pandemie kommt erschwerend hinzu. Micky Beisenherz schreibt über die Begegnung mit einem Mann, die ihn nachdenklich gestimmt hat.

Ich komme regelmäßig bei ihm vorbei. Auf dem Weg zum Supermarkt, meinem Kaffeeladen oder dem netten Reisebüro, die immer meine Post annehmen, wenn der DHL-Bote nach dem vierten Päckchen entnervt ächzend aufgibt.

Sein Spot ist vor der Sparkasse. Gleich gegenüber dem Großneumarkt, wo die Leute im Viertel Fisch kaufen, Gemüse oder teure Gebinde. Er lebt buchstäblich am Rande der Gesellschaft.

Micky Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier

Mein Name ist Micky Beisenherz. In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen. Ich bin ein multimedialer (Ein-)gemischtwarenladen. Autor (Extra3, Dschungelcamp), Moderator (ZDF, NDR, ProSieben, ntv), Podcast-Host ("Apokalypse und Filterkaffee"), Gelegenheitskarikaturist. Es gibt Dinge, die mir auffallen. Mich teilweise sogar aufregen. Und da ständig die Impulskontrolle klemmt, müssen sie wohl raus. Mein religiöses Symbol ist das Fadenkreuz. Die Rasierklinge ist mein Dancefloor. Und soeben juckt es wieder in den Füßen.

Damals war sein Platz direkt neben der Tür zum Vorraum der Bank. So konnte er sich schnell erheben, um der Kundschaft zu assistieren, falls die Karte mal wieder klemmte und die Tür sich nicht öffnen ließ. Allein aus Dankbarkeit kramte man umgehend in den Taschen nach Kleingeld, fühlte man sich hier doch gleich wie am Eingang vom vier Jahreszeiten hofiert.

Jetzt, da – vermutlich infektionsschutzbedingt – der Geldautomat außen in die Wand eingelassen ist, ist dieser Service nicht mehr nötig und er zwei Meter weiter gerückt unter das Vordach.

Da sitzt er dann auf einem kleinen Holzstuhl. Wie ein Boxtrainer auf seinem Schemel in der Ringecke, darauf wartend, dass sein Schützling die Runde übersteht. Nur, dass hier ein ganz anderer Kampf stattfindet. Mit seiner bulligen Statur, der breiten Nase und der Glatze unter der Wollmütze sieht er aus wie einer, der in Guy Ritchie-Filmen dann auftaucht, wenn bei anderen das Geld knapp wird. Die freundlichen knappen Sätze, die er einem zuwirft, klingen osteuropäisch. "Hallo, Chef!"

"Links Gucci, rechts Armani"

Wer ist er? Oder besser – wer war er? War er Hafenarbeiter, bevor seine "Stelle abgebaut" wurde? Womöglich aber auch Percussionist in der Bukarester Philharmonie. Vielleicht doch ein Architekt aus Kairo, der hier sein Glück suchte? Weniger der Akzent als vielmehr die Gegenwart verrät einiges über ihn. Er hat Freude an schönen Dingen. Seine zwei Quadratmeter umsäumen Blumengebinde in billigen Plastiktöpfen. Wie ein Zaun um sein kleines Reich.

Er streckt die kräftigen Arme aus, deutet auf die Sträuße vor ihm,  "links Gucci, rechts Armani" und lacht über die kleine Extravaganz, die sein Leben bereichert. Zu Gucci und Armani gesellen sich nunmehr viele kleine Lichter. Kerzen, Teelichter, ein gutes Dutzend kleinerer Flammen, die ihn einrahmen.

Menschen kommen vorbei und stecken ihm ein wenig Geld zu. Manche bringen ihm einen Kaffee vorbei. Schwarz. Andere setzen sich dazu und unterhalten sich mit ihm. Es lässt sich nicht genau sagen, ob es eine Schicksalsgemeinschaft ist, die beiden anderen auch auf der Straße leben oder nach einem kleinen Plausch zurück in ihre gut geheizten Wohnungen dürfen.

Während er sich auf sein Feldbett gleich hinter dem Hocker legt. Er den Reißverschluss von der Zeltkonstruktion über ihm zuzieht. Blickt er manchmal nachts aus dem kleinen Fenster durch den Zeltstoff auf die Lichter um seine Parzelle? Auf die Girlande, die er nun angebracht hat zwischen den Betonsäulen unter dem Vordach? Hier lebt ein Mensch.

Es ist Nachmittag, und es wird schon wieder dunkel. Mit dem Blick von jemandem, der einer sinnstiftenden Tätigkeit nachgeht, fummelt er eifrig Batterien in den Boden elektrischer Lichter. Dem eisigen Wind haben die Flammen der Stumpenkerzen nicht mehr standgehalten. Ein paar Tage werden die Batterien wohl halten.

Ist es schicklich den Eindruck zu haben, dass er zufrieden ist? Er klagt nie. Über Geld freut er sich. Kaffee. Kerzen. Die Schönheit, hier auf Kniehöhe der anderen.

P.S.: Foto mit Erlaubnis des Protagonisten gemacht

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