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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Grillparty auf dem Vulkan - über die Schwierigkeit, richtig zu leben

Micky Beisenherz
© Dieter Braun/stern
Ist schon schön, Ende September in der warmen Sonne zu liegen und mit dem Oldtimer herumzucruisen. Und doch ist da ein ungutes Gefühl.
Von Micky Beisenherz

Wenn man Ende September noch in der Elbe baden kann, ist das zunächst einmal eine feine Sache. Ich bin Jahrgang 1977 und so geprägt, dass Begriffe wie "Rekordsommer" für mich einen guten Klang haben.

Trotzdem beschleicht mich das Gefühl, dass meine Freude über 27 Grad im Herbst so eine Art Grillparty auf dem Vulkan ist: Du schwenkst gut gelaunt die Wurst über dem Krater, während es unter dir schon drohend grollt. Alles nicht gut.

Nun hat der Mensch das Problem, dass er recht bequem ist und sich nur sehr langsam verändert. Und dass die Erde augenscheinlich ein etwas anderes Tempo hat. Spätestens wenn du dir im November beim Abbaden einen Sonnenbrand holst, merkst du, dass es diesen ominösen Klimawandel womöglich tatsächlich gibt. Auch wenn ich kein Hysteriker bin, aber eben auch kein Ignorant, komme ich ins Grübeln.

Ich esse kaum Fleisch, vergrabe keine Batterien im Wald und liebe die Natur. Allerdings bin ich auch ein großer Fan des Automobils, zumindest alter Fahrzeuge. Porsche. ­Datsun. Mercedes 500 SEC – herrliche Oldtimer!

Schrödingers Auto: zwischen alten Meistern und Altmetall

Mental bin ich schon seit einiger Zeit darauf eingestellt, dass diese antiken Fahrzeuge nicht die optimale Wertanlage sein könnten. Mit der Mona Lisa kann man nicht um die Eisdiele fahren, sie hängt dafür nicht so sehr an politischen Veränderungen. Ändert sich die Gesetzeslage in Sachen Verbrennungsmotor, wird aus den alten Meistern binnen weniger Wochen: Altmetall.

Bleibt nur das Fahrvergnügen, aber auch da gibt es Abstriche. Vor ein paar Jahren war man mit so einem Wagen noch ausnahmslos cool. Jetzt gerät man imagemäßig in Gefilde, die sonst Elfenbeinjägern und Clemens Tönnies vorbehalten waren. Mit einem alten V8er Range Rover Classic durch die City fahren – da kannst du auch gleich ein paar Veganern auf einem Elefantenfuß Chicken Nuggets servieren.

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Wann wurde es plötzlich so unlässig, Auto zu fahren? Als jemand, der so sozialisiert wurde, dass zu jeder guten Fernsehserie immer auch ein cooles Auto gehörte – das war so bei "Miami Vice", "Magnum", "Knight Rider", "Starsky & Hutch", "Stingray", selbst bei "Dallas" –, muss ich nun den Schalter umlegen.

Ich werde die Liebe zur automobilen Kunst wohl ausschleichen müssen. Wie so häufig wird das Leben zur Abwägungssache, zur Mischkalkulation. Wie gut kann ich sein, und wie viel Verantwortungslosigkeit will ich mir leisten?

"Die ganzen Autos brauchst du doch nicht"

Ich besitze eine Bahncard 100, weil längere Strecken mit der Bahn am entspanntesten zu fahren sind. Tatsächlich ist das einzige Argument gegen die Bahn: die Deutsche Bahn.

Überdies fahre ich gern Fahrrad, und wann immer ich mich damit durch die viel zu volle City bewege, bin ich total begeistert über diese elegante Art der Parkplatzsuch- und Stauvermeidung. Es sei denn, das Wetter schlägt um. Dann muss das Kfz her, weil ich überhaupt keinen Bock habe, wie ein nasser Retriever an der Kita meiner fünfjährigen Tochter anzukommen.

Am Ende wird es sowieso genau diese kleine Person sein, die mir die ganze Blechverehrung austreibt. Schon heute guckt sie mich aus dem Kindersitz streng an: "Die ganzen Autos brauchst du doch nicht."

Nur noch wenige Jahre, und ich werde an die schöne Zeit im Auto denken und U-Bahn fahren – zu der Scheune vor den Toren der Stadt, in der meine unverkäufliche Vergangenheit wie in einem Benziner-Louvre zum Streicheln und Erinnern vor sich hingammelt.

Erschienen in stern 40/2020

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