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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Kommunion – zwischen Oblate Night Show und Hostienrebellion

Die Kommunion ist für manche wohl so etwas wie die Verleihung des Glaubens-Bambi. Doch wenn der Club sowieso schon abnehmende Besucherzahlen hat, sollte das Erlebnis Kirche für potenzielle Neukunden nicht gleich mit einer Enttäuschung beginnen, findet unser Autor.

Von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über die Kommunion

Kommunion: Die Spielerfrau unter den kirchlichen Festen, findet Micky Beisenherz

Picture Alliance

Servicepersonal impft man noch heute ein, dass man in Gesellschaft tunlichst nicht über Sport, Politik oder Religion zu reden hat. Zu groß sei das Erregungspotenzial. Ich kann bestätigen: Dem ist wohl so. Ich tu es trotzdem. Irgendwelche Gefühle verletzt man immer. Und egal, ob WM, Europawahl oder Kommunion – überall sind sie, die Eventfans.

Als ein solcher muss ich mich wohl selbst begreifen, wenn ich als Verwandter das Clubhaus betrete von dem Verein, den ich nach wie vor großzügig alimentiere. Das klingt jetzt natürlich betont lässig. Tatsächlich geht schon eine ziemliche Macht aus von so einem Gotteshaus. Dem kann auch ich mich schwer entziehen. Habe als passives Mitglied ja selbst eine veritable Katholikenkarriere hinter mir. Plötzlich bin ich wieder acht Jahre alt. Leicht tapsig. Weniger leicht mopsig. Und definitiv schlechter frisiert als all die coolen kleinen Typen hier, die bereits jetzt so aussehen, als würden sie in wenigen Wochen das Siegtor für deinen Lieblingsverein schießen.

Ich hoffe kurz still, dass der Erste nach dem Erhalt der Hostie nicht gleich in eine ronaldoartige Jubelpose verfällt. (Oder vielleicht auch genau gerade das.) Denn deshalb sind alle heute hier. Nicht des Jubelns wegen. Es geht um die Kommunion. Oder wie man im Ruhrgebiet sagt: Kommion.

Die Kirche ist voll. Ich stehe vorne rechts. Hinter einer Säule. Scheißplätze. Nächstes Mal wieder Ostkurve. Bevor die Show beginnt, taucht ein Beamter mittleren Alters auf, der ohne ein Hallo die Anwesenden darauf hinweist, dass Fotos oder Filmaufnahmen untersagt sind. Dann wird noch irgendeine Kontonummer gesagt. Da wird einem doch gleich warm ums Herz. Kein Warm-upper. Keine Vorband. Erstmal die AGBs. Kommjohn.

Kommunion ist die Spielerfrau unter den kirchlichen Festen

Im Grunde genommen ein schönes Fest. Die Kirchen sind voll. Es ist Sonntag. Es ist Mai. Man hofft. Auf Gott. Auf schönes Wetter. Auf den Umtrunk im Garten danach. Auf den Gabentisch. Die Verwandten blicken andächtig und stolz auf den adretten Nachwuchs, der, sonst nicht gerade leise und zurückhaltend, jetzt überraschend brav auf dem Podest um den Pastor herum steht. Und darauf hofft, gleich etwas aufsagen zu dürfen. Manchmal sind es auch nur die Eltern, die es kaum abwarten können, dass Leah, Noah, Fynn, Leon oder Iron Maik eine Fürbitte zum Besten gibt. Dafür wurde im Härtefall gekämpft wie um Redezeit beim Kanzlerduell.

Für manche ist das hier wohl so etwas wie die Verleihung des Glaubens-Bambi. Show konnten sie ja immer schon, die Katholiken. Ich hab mich damals nicht drum gerissen, da vorne zu reden. (Unvorstellbar, ich weiß.) Trotzdem war es natürlich ein kleiner Meilenstein. Diese riesige Kerze tragen zu dürfen. Und diese Kutte. Diese Begeisterung der Leute. Schon schön. Vielleicht war ich in Gedanken auch schon bei den Geschenken. Es war ja wirklich eine unfassbare Menge Geld, die man bekommen hatte. Auf dem Dorf schenken einem ja sogar die Nachbarn, die weiter als drei Häuser weit weg wohnen etwas. Herrlich!

Ich bekam damals unter anderem ein He-Man-Hörspiel. "Höhle des Schreckens". Ob das als Kirchen-Allegorie gedacht war? Ich weiß es nicht. Irgendwann, die After-Show-Party im Elternhaus ist längst in vollem Gange, bist du wie ein Mini-Bohlen auf Autopilot nur noch mit Geld zählen beschäftigt, Jesus lediglich eine oblatendünne Erinnerung. Aber gut, sich zu ihm bekannt zu haben. Guter Mann! Man könnte, etwas weniger romantisch, auch sagen: Kommunion ist die Spielerfrau unter den kirchlichen Festen – wenn du nur möglichst glaubhaft Gefühle vortäuschst, kannst du eine Menge Geld machen.

Andererseits ist die Erstkommunion vermutlich der letzte Kirchgang, bei dem es gelingt, die jungen Menschen noch andächtig zusammenkriegen, bevor die Pubertät sie schon sehr bald in einen unkontrollierbaren Haufen Primaten verwandeln wird. Der Firmunterricht läuft dann schon bedeutend anders als der Kommunionsunterricht. Die Ablenkungen sind zahlreich und jeder zweite Gedanke berechtigt zu mindestens drei Straf-Vaterunser.

Ich erinnere mich, dass mir schon die endlos lange Zeit des monatelangen Kommunions-Briefings seltsam vorkam. Und der Pastor war auch nicht gerade ein Meister der Menschenführung – trotzdem habe ich mir im Beichtstuhl regelmäßig ein paar schlimme Dinge ("Ich war frech zu Mama" oder sowas) ausgedacht, damit ich nicht mit leeren Händen komme und er mir zumindest irgendwas erlassen kann.

There's no biz like Showbiz.

Zu meiner Firmung ist niemand von meiner Familie in der Kirche erschienen, sodass die Frau, die den Unterricht geleitet hatte, mich als Firmpatin begleiten musste. Nicht, dass meine Verwandten mich verstoßen hätten – sie haben es schlicht nicht gewusst. Ich hatte es ihnen nicht erzählt, da mir der ganze Firm-Vorgang sowie Kirchgänge als pubertierender 14-Jähriger absolut peinlich war. Das ist heute natürlich nicht mehr so.

Es ist sogar irgendwie ganz nett. Viele freundliche Gesichter. Ein paar darunter sogar gut angezogen. Bei mir steht meine kleine Tochter. Sie versteht mit drei Jahren noch nicht so richtig, was hier los ist, aber weiß zumindest, dass man nicht durch Zwischenrufe die Choreo vorne stören darf. Wir sind also in etwa auf einem Level. Es wird gesungen. Es wird gebetet. Und sogar ein wenig gegospelt. Die Stimmung ist gut. Alle sind gerne hier. Trotzdem guckt man ab und zu auf die Uhr. Gibt ja auch irgendwann Kaffee und Kuchen. Die Kinder erhalten stolz und verschämt lächelnd die Erstkommunion. Monate voller Unterricht und Kirchenbesuchen münden in einer Art bestandener Kirchenführerscheinprüfung. Geschafft.

Danach erhalten die übrigen Gemeindemitglieder ebenfalls die begehrte Oblate. Die reine Zuschauerrolle allerdings muss ich wohl verlassen, da meine Tochter mich erst fragt, was da gerade geschieht und sich nun auf einmal auch anstellen möchte. Warteschlangen, soviel weiß sie schon, verheißen meist etwas richtig Gutes. Naja.

Tja, warum eigentlich nicht. Ich entcoole mich also und tu ihr den Gefallen. Schließlich bin ich keine 14 mehr, sondern stolzer Vater und insofern eine wichtige Instanz, wenn es darum geht, dem Kind ein bisschen Tradition vorzuleben. Also spiele ich eine Vater-Kind-Situation nach, von der ich mir gerade gar nicht sicher bin, ob ich sie jemals selbst so erlebt habe. Nach fünf Minuten Anstehen sind wir an der Reihe, auch so einen Jesus-Oreo zu bekommen. Ich erkläre der Kleinen, wie man die Hände korrekt ineinander legt. Nicht ohne Stolz, dass ich diesen komplexen Vorgang überhaupt noch beherrsche. Als sie vor dem Pfarrer steht und brav eine Kuhle mit ihren kleinen Händchen bildet, blickt dieser sie gütig lächelnd an und erklärt ihr, dass sie leider noch zu klein sei. Heute nur für Stammgäste. Und Tüss. Mittelschwere Verstörung. Nanu. Wirklich? Nix?

Im selben Moment bekomme ich, hinter, über ihr als Member natürlich eine dieser Oblaten, nehme sie – und reiche sie direkt an meine Kleine weiter. Jetzt ist wiederum der Pastor verstört. Er insistiert - "Ja, aber eigentlich ist das nicht für...!" – und guckt mich an, als hätte ich gerade Micaela Schäfer in Dienstkleidung zum Altar geführt. Mit einem lapidaren "ja, komm, is' gut" winke ich ab, animiere meine Tochter zum Weitergehen und gehe mit ihr Richtung Bank, lasse den Kellner Gottes konsterniert stehen. Vermutlich musste er danach eh neu hochgefahren werden. Super Idee, MC Pope: Wenn der Club sowieso schon abnehmende Besucherzahlen hat, dann sorge ich dafür, dass für potenzielle Neukunden das Erlebnis Kirche gleich mal mit einer saftigen Enttäuschung beginnt, weil der Filialleiter dieser Systemgastronomie das nicht bonniert kriegt.

Ich wollte ja keine Revolte anzetteln

Meine positive Grundstimmung weicht einer kurzen Wutbürgerlichkeit ob des ungeheuerlichen Vorgangs. Meine Tochter hat mir die Hostie da schon längst zurück gegeben. Weniger, weil ihr ihre Nicht-Autorisierung bewusst geworden ist, sondern sie mit ihrem Süßigkeitenscannerblick schlicht kein positives Genusserlebnis auf sich zukommen sah. Soll der Alte das Ding doch essen.

Ich muss zugeben, dass mir in diesem Moment nicht ganz klar war, wie konfrontativ diese Hostienselbstermächtigung für gläubige Katholiken gewesen sein muss. Ich wollte ja keine Revolte anzetteln. Wir reden hier von einem Vorgang von 0,7 Sekunden.

Wer allerdings einen kompletten Synapsenschmorbrand kriegt, nur, weil ein Kind ungerechtfertigterweise in den Besitz dieses heiligen Esspapiers gerät, sollte beim nächsten Mal nicht allzu selbstgefällig Richtung Mekka zeigen. Alle Top Hits der Verwünschungscharts hab ich jetzt drauf. Will sagen: Die Schilderung dieses Regelbruchs brachte mir nicht nur Zuspruch ein. Das ist das Wesen von Regelbrüchen.

And here's the good news, Papst Franziskus: Selbst in Deutschland weiß die Kirche als Thema offensichtlich noch zu bewegen. Wenngleich ich mir nicht sicher bin, ob hier nur der Glaube an Gott verletzt wurde – oder an die teutonische Kernkompetenz, dass "es ja Regeln gibt, an die man sich halten muss". Bei vielen ist es vermutlich nur die Wut darauf, dass man sich selber monatelang zum Erhalt der begehrten Hostie durch den Unterricht quälen musste – "und dieser Lackaffe glaubt, seine kleine Prinzessin kann das Katholikenknäcke jetzt einfach mal eben so kriegen." Hier benimmt man sich! Erlebt man in dieser Vehemenz sonst nur, wenn man sich in die Fast Lane mogelt. Klar. Hausrecht. Fair enough. Your church, your rules. I get it.

Mag sein, dass ich Jesus' Hitsingle "Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!" falsch interpretiert habe und ich dem Irrglauben aufgesessen bin, der Empfang des Sakramentes geschehe eben: bedingungslos. Kommunion ist Leistungssport. Du absolvierst diverse Etappen und statt Urkunde gibt es halt die Ehrenoblate.

In meiner Welt habe ich wohl auf einen gütigen Pastor gehofft, der augenzwinkernd dem Kind eine Hostie in die Hand legt und –"wir haben beide nix gesehen" – das Programm weiter durchzieht. (Vermutlich schaue ich zuviel Werbung.) Öffentlich kann er das natürlich nicht tun, das ist mir klar. Sonst würde er die gesamte Vorstellung ad absurdum führen. Aber hey, so ein charmanter Bruch mit dem Regelwerk? Nicht drin. Schade. Ein "Sorry, aber ich habe meine Vorschriften" kommt mir persönlich ein bisschen zu weltlich daher, als dass ich mich in die Wunderwelt Jesu würde fallen lassen können. Zuviel Wasser in meinem Wein. Es langt nicht zum Rausch. Computer say No. Es bleibt wohl dabei: Glaube – schön, wenn man ihn leben kann. Die Institution Kirche und ihre Bedienungsanleitung allerdings wird für mich seltsam bleiben. Aber ich muss da ja auch nicht permanent hingehen. Bei Amnesty International hänge ich auch nicht ständig im Clubhaus rum, nur, weil ich da Beiträge zahle. Was stelle ich mich auch (da) an? Vermutlich spricht aus mir nur der Neid.

Als Evangelin wird meiner Tochter die Kommunion als schönes Fest, als letzte große Zelebration der Kindheit vor den Schrecken der Pubertät verwehrt bleiben. Dafür wird sie dann halt später als Konfirmandin reich. Und kann mit der ganzen Kohle womöglich auch schon Sinnvolleres anstellen denn als Achtjährige. Zum Beispiel ihren Vater zum Essen einladen. Den Mann, der sich damals vorm Altar so heldenhaft vor sie geworfen hat.

Amen.