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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Als ich ein Kirmes-König war

Der Rummel ist ein Ort wunderbarer Erinnerungen - an eine Zeit, zu der man noch klein war und ein Plastikskelett mit Glitzeraugen das Größte.

Wenn du um das Kinderfahrgeschäft herumrennst und dem planlosen Kind im Cockpit zubrüllst, es solle doch endlich "den Hebel ziehen", dann weißt du: Alle Geschichten über Väter und Kirmes sind wahr.

Aber du hast es der Tochter versprochen. Also gehst du hin

Ich wohne 300 Meter entfernt vom Hamburger Dom. Dieser ist jetzt nicht wie in Köln ein christliches Symbol, sondern als Rummel ein zutiefst weltliches. Was dir spätestens dann bewusst wird, wenn du ausgerechnet am Familientag dorthin gehst. Genau wie Hunderttausende andere, denen hühnerhofartiges Gedränge ebenso egal zu sein scheint wie korrekte Rechtschreibung bei Tätowierungen auf dem Unterarm. Oder am Hals. Aber du hast es der Tochter versprochen. Also gehst du hin.

Jetzt hat so ein Kind auf dem Rummel keine emotionale Fressbremse, was bedeutet: Eine Abwägung à la "Ich habe jetzt schon fünf Fahrten hier drauf gemacht, da muss ich nicht noch acht auf dem nächsten" findet nicht statt. Die Vernunft hat Pause - und das ist auch gut so.

"Ist das geil hier, oder was?!"

 Es ist amüsant zu beobachten, wie die eigene Tochter mit fast vier so ein Kettenkarussell schon wesentlich routinierter angeht als noch vor einem Jahr. Damals blickte sie ihren Mitfahrer, den kleinen Kalle, immer wieder über die Schulter fassungslos an, als wollte sie sagen: "Ist das geil hier, oder was?!“ Jetzt sitzt sie in Käpt'n Jimmys Piratenschiff, den Hebel in der linken Hand, den rechten Arm lässig angewinkelt über der Außenwand, und fährt mit dem Ding provozierend langsam hoch und runter. Ich war kaum anders, als ich in meinem Heimatdorf im Ruhrgebiet als kleiner Junge über den Rummelplatz irrlichterte, die Taschen voller D-Mark und das kleine Gehirn voller Pläne, was damit wohl anzufangen sei. Schon damals drängten sich um den Autoscooter-Floor die unterschiedlichsten Gruppierungen: Links, da waren die "Rocker“, Heavy-Metal-Fans, die heute entweder Alkoholiker sind oder Informatiker oder beides. Rechts, da lehnten "die Türken“ an der Reling. Und gegenüber, da waren die, die eigentlich nur darauf warten mussten, von einer der beiden Gangs was auf die Fresse zu kriegen. Zu den Klängen von Duran Duran. Ich selbst war selig. Hatte ich doch beim Fadenziehen einen kostbaren Preis erbeuten können: eines von diesen Skeletten mit falschen Edelsteinen in den Augenhöhlen, die man sich als Anhänger an den Schlüsselbund macht. Der Klappergeselle blickte übrigens deutlich freundlicher als der Besitzer des Stands, an dem ich ihn mir erzogen hatte – ein unfassbar mies gelaunter alter Mann, bei dem wir uns schon als Kinder fragten, warum so jemand von Berufs wegen mit Menschen zu tun hat.

Man darf bei Schaustellern eh nicht allzu viel über die Personalabteilung nachdenken. So habe ich mit Blick auf Achterbahn, Wilde Maus oder Freefall Tower im Grunde genommen weniger Angst vor den Fahrgeschäften als vor denjenigen, die sie aufgebaut haben. Aber was rede ich: Den größten Schrecken habe immer noch ich selbst verbreitet.

Das war mit sieben, und geplant war es nicht. Die Gewehre an den Schießbuden sind bekanntlich so verzogen wie Kinder im Prenzlauer Berg. Dummerweise löste sich beim Laden ein Schuss, sodass ich unabsichtlich die Leuchtstoffröhre an der Schießbudendecke zerlegte.

Ich bin Jahre nicht mehr zur Kirmes gegangen. Jetzt bin ich zurück.

Und ich habe die Königin des Entenangelns dabei. Die können sich auf was gefasst machen.