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Und im Jahrmarkt ist Himmel?: Letztes deutsches Nomadenvolk: Das lebenslange Abenteuer der Schausteller

Kann es sein, dass auf dem Rummel der Typ am meisten Spaß hat, der in der Geisterbahn Leute erschreckt? Nele Justus hat beim letzten deutschen Nomadenvolk als Schaustellerin angeheuert.

Von Nele Justus

Ein Arbeitspensum von 13, 14 Stunden am Tag sind für Schausteller die Norm. Ganz schön anstrengend.

Ein Arbeitspensum von 13, 14 Stunden am Tag sind für Schausteller die Norm. Ganz schön anstrengend.

"Du brauchst mehr Blut", sagt Alexander Burghard. Er sitzt mir gegenüber und inspiziert fachmännisch mein Gesicht. "Die Wunde muss noch plastischer werden", meint er. Und er muss es wissen. Seit 19 Jahren tourt er mit dem Ghost durch Deutschland, dem Geisterdschungel mit Live-Erschreckern. Heute macht er mich zum Zombie. Mit einem Fliegenschwamm aus dem Baumarkt tupfe ich mir das Kunstblut in die aufgemalte Wunde, dunkelrot und zähflüssig, in der Mitte schön dick. Noch ein paar Spritzer mit dem Pinsel, schon wirkt Burghard deutlich zufriedener. "Jawoll. Da kommen wir der Sache schon näher."

Ein lebenslanges Abenteuer

Alexander Burghard, 33, ist ein durchweg entspannter Typ. Ruhige Stimme, breites Grinsen, kein Gehabe. Er ist ein Macher. Keiner, der dumm rumsabbelt. Er ist Unternehmer, Mechaniker, Buchhalter, Marketingmann – alles in einem. Mit zehn wusste er schon: sein, das ist sein Ding. Sein Vater war Schausteller, sein Opa auch. Seine Schwester und seine Cousins sind auch alle Schausteller geworden. Ach ja, und dann wäre da noch seine Frau. Die kommt natürlich auch aus einer Schaustellerfamilie. "Wir werden mit der Reise groß, das liegt in unseren Genen."

Jedes Jahr ist er von März bis Ende De­zember mit seiner Familie unterwegs. Fast jede Woche in einer neuen Stadt. Ein lebenslanges Abenteuer. Und ein ­Leben voller Arbeit. Acht-Stunden-Tage kennen Schausteller nicht. 12, 13, 14 Stunden sind die Norm. Das ist ein Pensum wie das eines Unternehmensberaters. Am Wochenende? Hochbetrieb! "Feierabend gibt es bei uns nicht", sagt Burghard. "Fehlt aber auch nicht."

Faszination Schaustellerleben: Der größte Abenteuerspielplatz der Welt
Der Meister des Schreckens aka Alexander Burghard höchstpersönlich in seiner Ticketbox

Der Meister des Schreckens aka Alexander Burghard höchstpersönlich in seiner Ticketbox

Über einen Wasserparcours führt er mich an meinen neuen Arbeitsplatz. Ein abgetrennter Fuß baumelt im Eingang. Nervenaufreibende Musik, so wie in Hitchcocks "Psycho", dröhnt aus den Lautsprechern und stimmt einen ein auf das, was kommt: Gänsehaut. Und Herzrasen. Drinnen laufen wir durch einen Ekelparcours, ein Geisterlabyrinth, bei dem durch Infrarotlicht-Schranken gruselige Figuren von der Decke krachen. "Alles Kinderkram", rede ich mir ein und springe dem Fotografen im nächsten ­Moment fast auf den Arm, als eine Faust mit lautem Knall an die Scheibe direkt neben mein Gesicht schlägt. Das war Mike. Der arbeitet schon seit sieben Jahren für Burghard und sieht selbst ohne Schminke angsteinflößend aus: Er hat große Augen, einen schiefen Mund und eine Nase, die mit Sicherheit mal eine Faust bei einer Schlägerei abgekriegt hat. "Mike, zeig der Nele mal die besten Stellen zum Erschrecken", sagt Burghard. Er muss wieder an die Kasse.

Und schon beginnt der ganz große Spaß. Ich verstecke mich, lauere den Besuchern auf und springe wie eine Verrückte auf sie zu, wenn sie es am wenigsten erwarten. Ich brülle, klappere mit Eisenstangen und lasse mal so richtig den Zombie raus. Das ist der Hammer! So gut, dass ich kurz überlege, meinen Job bei JWD zu kündigen. Aufgerissene Augen, vor Schreck verzerrte Münder, die sind nur der Anfang. Am besten ist es, wenn die Teenager so laut kreischen, dass es in meinen Ohren klingelt. Da geht nichts drüber.

"Ähhm, Herr Burghard, darf ich im nächsten Jahr wiederkommen?"

Der wohl beste Abenteuerspielplatz der Welt

Beim Dieckmann heuere ich als Nächstes an. "Den Dieckmann" kennen alle auf dem . Er zählt zu einer Schaustellerfamilie, die seit sechs Generationen Kinderkarussells und Autoscooter betreibt. Die lange Tradition zeigt sich bereits im Namen. Hans-Heinrich heißt Dieckmann mit Vor­namen. Kurz Hansi. So wie sein Vater und Großvater. Auch seinen Sohn hat er so genannt.

Wie die meisten seiner Kollegen ist auch er auf dem Rummel groß ge­worden, dem wohl besten Abenteuerspielplatz der Welt. Die laute Musik, das Gebimmel, die Ansagen, das ist der Soundtrack seines Lebens. "Ich weiß noch, solange die Musik lief, habe ich als Kind geschlafen wie ein Stein. Sobald sie ausging, wurde ich wach. Da fehlte was." Mit zwölf konnte er blind einen Autoscooter aufbauen, mit 16, sobald er einen eingeschränkten Führerschein hatte, ist er mit dem Fahrgeschäft durch Deutschland gefahren, war sein eigener Chef, hatte Angestellte, bezahlte Rechnungen. Das ganze Pipapo. "Du musst mit Leib und Seele dabei sein", sagt er. "Sonst kann du den Job nicht machen."

Im Januar und Februar macht er halblang. So wie die meisten Schausteller. Dann wartet er seine beiden Fahrgeschäfte, kümmert sich um die Orga, solche Sachen. "Wenn ich im März wieder den Wohnwagen an die Zugmaschine hänge, geht mein Herz auf. Dann geht die Reise endlich wieder los." Stillstand lässt sich nur schwer aushalten für die modernen Nomaden.

Anti-Terror-Maßnahmen erschweren das Geschäft

Das Geschäft ist in den vergangenen Jahren schwieriger geworden. Die Standgebühren sind gestiegen, weil Grund­kosten für Infrastruktur und Anti-Terror-Maßnahmen enorm zugenommen haben. Außerdem sind kleinere Volksfeste weggebrochen. Amüsieren kann man sich heute schließlich fast überall. Und das Geld sitzt bei den Kunden auch nicht mehr so locker. Das alles steigert den Druck, in kurzer Zeit Geld zu verdienen. Platzgarantien gibt es für Schausteller nicht. Sie müssen sich jedes Jahr aufs Neue bewerben. Egal, wie häufig sie schon auf einem Jahrmarkt waren. "Ich haue etwa 30 bis 40 Bewerbungen raus", sagt Dieckmann, während er in seinem Kassenhäuschen sitzt und Chips verkauft. Eine Fahrt für drei Euro. Aber ­bisher läuft es für ihn. "Die Marktmeister kennen mich, die wissen, dass wir ständig dranbleiben." Das ist das, was zählt. Etwa 18 Veranstaltungen besucht er im Jahr. Der Autoscooter hat eben immer Hochkonjunktur.

Tagsüber drehen die Familien am Stardust ihre Runden. Abends hängen hier die Jugendlichen ab. "Gab’s schon mal Stress?", frage ich. "Nee, die sind eigentlich ganz friedlich." Auch mit Betrunkenen hat er wenig Ärger. "Kotzen tun die höchstens nebenan", sagt er mit einem Grinsen und zeigt auf das Blackout, wo die Besucher gerade kopfüber hängen und schreien, als wäre es ihr letzter Tag. "Und wenn es doch mal Probleme geben sollte, sind da die Kollegen: Ein Post in unsere Whatsapp-Gruppe, und schon stehen hier innerhalb von zwei Minuten hundert Mann." So ist das eben unter Schaustellern. Sie halten zusammen.

"Hier arbeiten alle hart"

"Das passt ja, du kommst, und wir haben einen Kurzschluss", sagt Hubert Rasch, 51, am nächsten Mittag. Er drückt mir eine Bäckerjacke in die Hand und zischt wieder ab, eine neue Sicherung suchen. Er setzt sie ein, und schon gehen mit einem Brummen die Lichter wieder an. "Ich bin hier das Mädchen für alles", sagt Rasch. Er ist schon seit zwei Stunden in seiner gläsernen Backerei "Mein Naschwerk", um den Teig für die Berliner, Zuckerkringel und das Schmalzgebäck anzurühren. Der geht jetzt in der Knetmaschine. Rechts davon die Überreste: Paletten voll leerer Eierschalen. "So 700 bis 1000 Stück brau­chen wir pro Woche", je nach Jahreszeit und Wetter. "Regen ist unser größtes Risiko." Auf manchen Veranstaltungen steht er nur für ein langes Wochenende. "Wenn es dann wie aus Kübeln gießt, wissen wir, dass wir schon fürs Aufbauen draufzahlen." Aber Vertrag ist Vertrag. Und aufs Jahr gesehen gleicht sich das meistens aus. In einer Mordsgeschwindigkeit sticht er runde Teile aus und füllt sie mit einer selbst gemachten Apfelmasse. "Die müssen jetzt in die Fritteuse", sagt er und drückt mir das fertige ­Tablett in die Hand. "Zügig, damit sie alle gleichmäßig braun werden. Und aufpassen! Das Öl ist 175 Grad heiß."

Mit einem Spachtel und etwas Schwung versuche ich, die Apfel­taschen abzuheben und langsam ins Fett gleiten zu lassen, ohne sie dabei grob zu verunstalten. Das klappt nur bedingt. "Ich mach mal schnell den Rest", sagt Rasch. Nach ein paar Minuten zieht er sie auf einem Netz aus der Fritteuse und lässt sie abtropfen. "Jetzt ab in den Zuckerguss und das Fett abtupfen. Dann bleiben sie schön fluffig und saugen sich nicht voll." Das kriege ich hin. Nur das Rausholen ­gestaltet sich schwierig. Die weichen Teile darf man nicht zu doll drücken. Die wollen mit Liebe behandelt werden. Also noch einmal mit Gefühl.

Wenn Rasch neben mir arbeitet, geht das zack, zack, zack. Seit 35 Jahren steht er in der Bäckerstube. Angefangen hat er mit einer kleinen Bäckerei. Die hat er selbst zusammengebaut. Mittlerweile hat er aufgestockt. Seine gläserne Bäckerei geht über zwei Etagen, nebendran steht sein Café. "Man braucht ein attraktives Konzept, sonst wird das nichts", sagt er. Gibt‘s denn keine Neider, wenn der Laden immer größer wird? "So was wie Futterneid haben wir hier nicht", wehrt Rasch ab. "Hier arbeiten alle hart."

Als wir die Auslage eingeräumt haben, frage ich ihn: "Herr Rasch, ­haben Sie schon mal jemanden anlernen müssen, der so gar kein Talent hat?" "Das passiert sehr selten", sagt er. "Aber wenn, dann muss man getrennte Wege gehen." Mein Stichwort. "Magst du noch was mitnehmen?", fragt er mich. Jajaja! Mit einer Mar­zipantasche mache ich mich auf den Heimweg. Die ist noch lauwarm, eine göttliche Kombi aus Fett, Zucker und ein bisschen Salz. Leider geil.

Diese Geschichte stammt aus der aktuellen Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu finden auch hier.