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Reportage der Woche

Zu Besuch auf dem Hamburger Dom: Zehn Schulwechsel in einem Jahr: Wie es ist, als Schaustellerkind aufzuwachsen

Sie ziehen von Kirmes zu Kirmes, leben im Wohnwagen und besuchen manchmal monatlich eine neue Schule. Das macht es schwer, Anschluss zu finden. Gegen einen geregelten Alltag würden sie ihr Leben auf Rädern aber trotzdem nicht tauschen wollen. Ortsbesuch bei Schülern auf dem Hamburger Dom.

Emma und Romy auf den Schulstühlen

Emma, 11, und Romy, 9, sind Großcousinen. Beide gehen nach der Schule in den Schulwagen, um ihre Hausaufgaben zu machen.

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Es ist ein kühler und grauer Morgen auf dem Hamburger Dom, dem großen Volksfest der Hansestadt. Leise rangieren die Lieferwagen, irgendwo brummt eine Kehrmaschine. Noch hat der alltägliche Trubel nicht begonnen. Noch ist kein wildes Geschrei von den Achterbahnen zu hören. Noch übertönt keine laute Musik die kreischenden Möwen. Doch während geschlossene Schießbuden und Süßwarenstände den Anschein einer verlassenen Stadt vermitteln, kommt hinter den Kulissen Leben in das kleine Dorf der Schausteller.

Hamburger Dom: Ein Dorf inmitten einer Stadt

Die letzten Besucher mögen nach einem Abend zwischen Zuckerwatte und Geisterbahn erst nachts wieder nach Hause gegangen sein, aber für die Kinder der Schausteller beginnt der Tag genauso früh wie überall anders in der Republik. Anthony sagt, sein Wecker klingelt in der Dom-Zeit gegen acht Uhr. Anthony ist acht Jahre alt, er geht in die dritte Klasse und seine Eltern ziehen mit einem Kinderfahrgeschäft und Mandelbuden quer durchs Land. Für ihn und seine Familie sind Jahrmärkte das Zuhause, denn sie sind immer unterwegs. Hamburg, Hannover, München. "Ich finde es cool rumzureisen, so sehe ich immer neue Städte", erzählt Anthony mächtig stolz. Aber Anthony muss eben auch in die Schule gehen, und weil er viel umzieht, hat er schon etliche Schulen besucht. 

Während sich andere Kinder nichts Schlimmeres als einen Schulwechsel vorstellen können, nimmt Anthony es gelassen: "Ich bin nicht nervös, ich finde ja immer wieder neue Freunde." Die Schule in Hamburg besucht er zweimal im Jahr. Beim ersten Mal war es schwierig, beim zweiten Mal wusste er dann schon, wen er kennt. Für die anderen Kinder ist Anthony als Domkind besonders interessant. Sie wollen wissen, woher er kommt und was seine Eltern für Geschäfte haben.

Anthony träumt davon, später einmal Schausteller zu werden und unterwegs zu sein. Gleichzeitig will er aber auch ein festes Geschäft betreiben. "Um ein sicheres Einkommen zu haben", erklärt er. Und der 8-Jährige wirkt dabei auf einmal sehr erwachsen.

Leere Straße vom Dom

Erst um 15 Uhr Nachmittags macht der Dom auf – davor erinnern die Gassen an eine verlassene Stadt

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Jemand der einen Einblick geben kann, was die Kinder erwartet und warum sie bereits in jungem Alter schon sehr selbstständig sein müssen, ist Jerome Harder. Er ist wie Anthony einer der Einwohner dieser kleinen Stadt aus Wohnwagen und Campingmobilen. "Hier leben fast 1000 Menschen auf dem Feld. Hier kennt man sich. Hier zieht man zusammen von Ort zu Ort", beschreibt er noch schnell das Leben hier im Camp bevor er zu dem kommt, was ihm wichtig ist: Bildung. Harder setzt sich dafür ein, dass die Kinder nach der Schule Hausaufgabenhilfe bekommen. Ergänzendes Lernen, wie er es nennt. Harder selbst ist Schausteller und Vater. Die Arbeit mit den Kindern macht er ehrenamtlich, er sagt, es ist ihm wichtig, dass sie zusätzlich gefördert und betreut werden.

Die Kinder müssen im Alltag selbstständiger sein, als viele ihrer Altersgenossen, das kann Harder ganz gut skizzieren, er kennt das Schaustellerleben bestens. Die Eltern arbeiten abends, meist bis in die Nacht. Da stellen sich viele Kinder ihre Wecker selbst, stehen eigenständig auf, schmieren sich ihre Pausenbrote und machen sich auf den Weg in die Schule. Am Nachmittag, zurück am Dom, geht es dann zunächst zur Hausaufgabenhilfe. Erst danach beginnt das Leben, von dem sicher einige Kinder träumen: sich mit Freunden treffen, über den Jahrmarkt stromern und einen Abend voll mit Karusellfahrten, Achterbahn und Süßwaren genießen.

Wohnmobile so groß wie Wohnungen

In dem kleinen Dorf aus Campingwagen steht auch das mobile Zuhause von Emma und ihrer Familie. Emma kennt den Schausteller-Alltag gut. Sie ist elf Jahre alt, bringt sich am Abend oft selbst ins Bett und ist auf Reisen, seit sie denken kann. Das Wohnmobil haben sie immer dabei: 60 Quadratmeter groß, gemütlich und besser ausgestattet als manch eine Wohnung. Badewanne, Toilette, Waschmaschine – es gibt alles, was dazugehört, nur eben auf Rädern. "Die erste Frage ist immer, ob wir denn eigentlich Dusche und Toilette haben. Wenn sie unsere Wägen dann sehen, fallen sie meist aus allen Wolken", erklärt Harder lachend. Emma hat, wie die meisten Schaustellerkinder auch, ihren eigenen Campingwagen. Ein Kinderzimmer, oder besser eine Kinderwohnung, ganz für sich allein. Und natürlich  habe sie auch Internet, sagt sie stolz, sogar einen Gigacube mit 200 Gigabyte Datenvolumen.

Obwohl die Familien momentan auf dem Dom leben, haben sie auch alle einen festen Wohnort. Denn die Saison der Schausteller dauert von Ende März bis Anfang Dezember. Dazwischen ist Winterpause, in der die meisten dauerhaft zu Hause quartieren. Ohne einen festen Wohnsitz könne man heutzutage gar kein Gewerbe mehr ausüben, erklärt Harder – allein schon aus gesetzlichen Gründen.

Im Sommer unterwegs, im Winter zuhause

Mal hier wohnen, mal dort, das bringt vor allem bei der Schule Probleme mit sich. Anthony, Emma und viele andere Schaustellerkinder können nicht einfach jeden Tag in dieselbe Schule gehen. Aber natürlich müssen sie in die Schule gehen. Schulpflicht gilt auch für sie.

Also müssen sie sich permanent umstellen. Während der Schausteller-Saison besucht ein Großteil der Kinder wechselnde Schulen, sogenannte Stützpunktschulen. In der Winterpause gehen sie auf die Stammschule, eine Schule, die sich in ihrem Wohnbezirk befindet. "Zeugnisse gibt es von den Stammschulen. Außerdem hat jedes Kind ein Schultagebuch, damit die Lehrer an den Stützpunktschulen wissen, auf welchem Stand das Kind ist", erklärt Sebastian Päprer. Ihm gehört die "Hamburger Zuckerhütte" auf dem Dom. Von den Schülern wird er nur Onkel Basti genannt, auch er setzt sich wie Harder nebenher für das ergänzende Lernen der Kinder ein. Damit Schulleistungen nahtlos übergeben werden können,0 gibt es das Schultagebuch. Es soll den Lehrern helfen, dort anzuknüpfen, wo in der vorherigen Schule aufgehört wurde. Die Stammschulen machen dann aus allen Berichten das Endzeugnis der Kinder.

Ein langer Weg in die Schule

Es gibt auch Ausnahmen, das müssen wir hier kurz zwischenschieben: Einige Kinder gehen das ganze Jahr über auf ihre Stammschule. Das geht allerdings nur, wenn sie das Glück haben, aus der näheren Umgebung der Jahrmärkte zu kommen. Dass Schausteller-Eltern dafür morgens schon mal eine Stunde Fahrt auf sich nehmen, ist nicht ungewöhnlich, bestätigt auch Harder. Er selbst fährt seine Kinder jeden Tag 40 Minuten hin und zurück. 

Auf ihre Stammschulen gehen können nur die wenigsten Kinder. Viele müssen auf ihren Touren häufiger die Schule wechseln. So geht es Anthony und so geht es auch Joelle. Sie ist zwölf und geht in die fünfte Klasse. Schüchtern spielt sie mit ihren langen Haaren, während sie ihre Hausaufgaben macht. "Wie oft ich die Schule schon gewechselt habe, weiß ich gar nicht. Ziemlich oft", erzählt sie. Zehnmal im Jahr mindestens. Ihre Stammschule besucht sie hingegen nur selten. Während des Doms geht sie sogar gar nicht zur Schule. In dieser Zeit bekommt sie lediglich Material aus der Heimat und muss es selbst bearbeiten. Neue Freunde zu finden war für Joelle in der Grundschule noch leichter als jetzt, auf einer größeren Schule. "Das ist manchmal ganz schön aufregend und manchmal, wenn ich nur drei Tage zur Schule gehe, auch ganz schön schwierig", gibt sie zu. Bei der Frage, was sie später mal werden will, ist auch sie sich trotzdem sicher: Schaustellerin oder Schauspielerin.   

Ergänzendes Lernen im Schulwagen

Eine Sonderstellung haben die Schaustellerkinder in den Schulen selten. Um Klassenarbeiten, Gruppenarbeit, Hausaufgaben kommen auch sie nicht herum. Häufig kommen dann noch die Aufgaben der Stammschule dazu – eine ganze Menge für die Schüler, findet Sebastian Päprer. Damit das Lernen auch nach der Schule funktioniert, bekommen die Kinder Unterstützung: Im sogenannten Schulwagen, einem zum Klassenzimmer umfunktionierten Campingwagen, gibt es Hilfe mit den Hausaufgaben. Der Wagen gehört dem Schaustellerverband, der ihn für die Zeit des Doms zur Verfügung stellt. Er hat einen eigenen Stellplatz auf dem Feld zwischen Wohnwagen und Campingmobilen. Die Väter, Päprer und Harder, sind es, die den Wagen auf den Platz fahren müssen. Sie wissen: Ohne die zusätzliche Unterstützung beim Lernen haben die Kinder kaum eine Chance in der Schule mitzukommen.

Schulwagen und Riesenrad

In Mitten der Wohnmobile steht der Schulwagen. Er wird vom Schausteller Verband Hamburg zur Verfügung gestellt

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16 Schüler haben im Schulwagen Platz und können dort von 14 bis 18 Uhr ihre Hausaufgaben machen. "Auch für uns als Eltern ist es eine Erleichterung, denn wir sind unheimlich ans Geschäft gebunden und es ist gut zu wissen, dass unsere Kinder dort anständig betreut werden", sagt Jerome Harder. Neben pädagogischen Hilfskräften, die das Lernwerk zur Verfügung stellt, werden die Kinder dort auch von Bereichslehrern unterstützt. 

Als Bereichslehrerin zuständig für Kinder reisender Eltern

Eine dieser Bereichslehrerinnen ist Frau Tormin. Sie sucht die Stützpunktschulen aus und kündigt die Kinder dort an. Zusätzlich kommt sie bis zu dreimal die Woche am Nachmittag in den Schulwagen, um dort mit den reisenden Kinder zu lernen. Sie ist eine der drei Bereichsleitungen im Raum Hamburg. "Es macht wahnsinnig Spaß und ich freue mich, wenn die Kinder scharenweise ankommen", erzählt sie. Die ersten stehen teilweise schon eine halbe Stunde vor dem Öffnen des Wagens vor der Tür. Sie haben Lust zu lernen und wollen ihre Freunde treffen. Manchmal, sagt sie lachend, seien es schon fast zu viele Kinder auf einmal. Dann ist es eher wie simultanes Schachspielen: Alle haben unterschiedliches Material, sind unterschiedlich weit und unterschiedlich alt. Toll ist es aber trotzdem, findet sie, denn sie weiß: "Hier kann ich richtig helfen."

Im Schulwagen ist es laut und wuselig, bis die Kinder ermahnt werden. Beste Freunde sollen sich auseinander setzen und jeder soll sich auf seine Aufgaben konzentrieren. Englisch, Deutsch, Mathe. "Jetzt mal Ruhe und jeder geht wieder an seinen Platz", weist Frau Tormin die Kinder mehrmals zurecht. Wie in der Schule eben – nur in klein. Um 16 Uhr kommen die Großen, dann geht es etwas konzentrierter zu.

Leerer Schulbus mit Stühlen und Ausstattung

Es gibt eine Toilette, eine Zentralheizung und eine Klimaanlage. Mit einer Trennwand kann der Wagen in zwei Klassenzimmer geteilt werden.

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"Integration findet als erstes auf der Kirmes statt"

Wie selbstständig die Schaustellerkinder sind, überrascht Tormin immer wieder aufs Neue. Während andere lange brauchen, um sich an Neues zu gewöhnen, ziehen sie es meist an einem Tag durch. "Unsere Kinder sind den Schausteller-Rhythmus gewöhnt und wissen, dass wir Eltern oft eine lange Nacht hatten. Also fangen sie früh an, selbst zu handeln. Sie sind wahre Integrationswunder", erklärt auch Harder. Denn das ist es, was die Kinder schnell mit auf den Weg bekommen: lernen, mit Menschen und Situationen aller Art umzugehen. "Wir haben immer gesagt: Integration passiert als erstes auf dem Kirmesplatz", fügt er schmunzelnd hinzu.

Neue Schulen, neue Leute, immer wieder neu anpassen. So selbstständig die meisten von ihnen auch sind – Anschluss zu finden, ist trotzdem nicht immer leicht. Auch Harder kennt das noch von früher: "Es gab Cliquen an den Schulen und wenn man allein ankam, war das ein doofes Gefühl." Auch bei den Schaustellerkindern gibt es Momente, in denen sie sich an einer fremden Schule nicht wohl fühlen. Momente, in denen sie sich wünschen, auf eine feste Schule gehen zu können.

Schaustellerkinder bleiben oft unter sich

Kein Wunder also, dass Anthonys, Joelles und Emmas beste Freunde letztendlich doch meist Schaustellerkinder sind. "Sie sind viel unter sich. Spielen auf dem Platz zusammen, kennen sich von klein auf oder sind verwandt", erklärt Harder. So offen sie auch sind, am Ende bleiben sie doch meist in ihrer eigenen Welt.

Ständiges Schulewechseln und reisen ist anstrengend. Den Schausteller-Alltag auf dem Feld genießen die Kinder aber trotzdem. Wild toben sie nachmittags über den Dom, werfen Dosen und fahren Achterbahn – alles ohne zu bezahlen. Wie oft sie schon gefahren sind? Das können sie nicht sagen, irgendwann haben sie aufgehört zu zählen. "Wir dürfen alles umsonst machen, außer Essen. Da muss man schon verwandt sein", sagt Emma. Daraufhin zählt die neunjährige Romy, Emmas Großcousine, stolz die verschiedenen Gurkensorten vom Stand ihrer Eltern auf. Denn davon dürfen Emma und Romy so viele haben, wie sie wollen. Schausteller wollen die beiden nur vielleicht werden. "Meine Eltern wollen, dass ich erst mal einen anderen Beruf lerne", erklärt Romy.

Für die meisten steht fest: Sie werden Schausteller 

Harder erinnert sich, dass es früher gar keine Frage war: Schaustellerkinder übernehmen später einmal das Geschäft der Eltern. Heute wird das Ganze etwas differenzierter gesehen. Sie sollen möglichst lange zur Schule gehen, eine Ausbildung machen und sich Optionen offen halten. Vom Hauptschulabschluss bis hin zum Abitur haben er und Päprer schon viele Kinder auf ihrem Weg begleitet.

Und doch steht für die meisten längst fest: Früher oder später wollen sie in die Fußstapfen der Eltern treten. Kein Feuerwehrmann und kein Polizist. Nein, sie wollen Schausteller werden, denn damit sind sie aufgewachsen. Ein Knochenjob mit Arbeit rund um die Uhr und doch ein Beruf, auf den die Kinder stolz sind. "Wir haben ein freies Leben, ein tolles Leben und die Chance viel Neues zu sehen. Wenn der Tag rum ist und man so viele Leute hat Lachen sehen, dann vergisst man all die Arbeit und ist wieder mit vollem Herz und Idealismus dabei", sagt Harder und lächelt. Und trotzdem weiß auch er: Bildung ist heute wichtiger denn je. Schausteller, sagt er, könne man schließlich später immer noch werden. 

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