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Ströbeles Treffen mit Snowden: Liebe Grüße aus Moskau

Ein 74-jähriger Politik-Dinosaurier kommt noch mal groß raus: Christian Ströbele bringt einen Brief von Edward Snowden nach Berlin - und Eindrücke vom Gespräch mit dem meistgesuchten Mann der Welt.

Von Hans Peter Schütz, Berlin

Was für ein Rummel! In der Bundespressekonferenz herrscht ein Medienansturm, als ob die Bundeskanzlerin selbst zur Erklärung ihres Rücktritts erwartet würde. Wo im Berliner Politikbetrieb Regierungssprecher Steffen Seibert sonst wöchentlich dreimal vor zwei Dutzend Journalisten politisches Blabla zu verkünden pflegt, ist der Teufel los: Zwei Dutzend TV-Kameras und ein Heer von Fotografen drängen sich mit den Hauptstadt-Korrespodenten im bis auf den letzten Platz besetzten Sitzungssaal.

So, als würde in einer Staatskrise ein Heilsbringer empfangen, der die Republik aus tiefer Krise rettet. Doch dann kommt lediglich Hans Christian Ströbele, der 74 Jahre alte Polit-Oldie der Grünen, der bei der Bundestagswahl mal wieder seinen Berliner Wahlkreis in Kreuzberg direkt erobert hat. Eigentlich ist er bereits ein Stück deutscher Politikgeschichte, aktiv schon vor den Terrorzeiten der Roten Armee Fraktion in den Siebzigern, ein Rechtsanwalt, der einst die Radikalen verteidigt hatte und heute mit den Grünen im Bundestag in der Opposition sitzt.

Zurück vom meistgesuchten Mann der Welt

Doch hier und heute ist es seine große Stunde vor der Hauptstadtpresse, die den Mann mit dem roten Schal jetzt hochachtungsvoll bestaunt. Und der mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme gesteht: "So einen Rummel habe ich bisher noch nicht erlebt!" Die Fotografen schreien wild, als er am Tisch vor der Pressemeute Platz nimmt. "Herr Ströbele, schauen Sie nach links!", schreit die Hälfte. "Nach rechts, nach rechts", kommandiert die andere. Ströbeles Augen strahlen.

Denn Ströbele hat einen politischen Coup gelandet, den man eher von Kanzleramtsminister Ronald Pofalla erwartet hätte, der für Bundeskanzlerin Angela Merkel eigentlich die Fäden der deutschen Geheimdienstaffäre hätte entwirren müssen: Ströbele ist zu dieser Stunde zurück von einem Rendezvous mit dem meistgesuchten Mann der Welt - von einem Gespräch mit dem Whistleblower Edward Snowden irgendwo in Moskau. Wo er ihn getroffen hat, der die weltweiten Schnüffeleien seines ehemaligen Arbeitsgebers NSA ans Licht gebracht hat, verrät Ströbele natürlich mit keiner Silbe. Auch über den genauen Inhalt seines Gesprächs nicht, bei dem noch zwei Journalisten anwesend waren.

Das iPhone "Five irgendwas" blieb im Hotel

Sein Handy habe er im Safe seines Hotel eingeschlossen, ehe er zum Treffen mit dem Ex-US-Geheimdienstmann aufbrach. "Ich hatte die Hoffnung, dass ich es hinterher wiederkriege und zwischendurch nicht benutzt worden ist." Man hätte ihn ja sonst orten oder gar abhören können bei der rund dreistündigen Unterhaltung mit Snowden. Und während er darüber pauschal berichtet, klingelt plötzlich ein Telefon in der Bundespressekonferenz. Es ist Ströbeles Handy. Er fummelt es heraus, ein neues iPhone oder - nach Ströbeles Worten - ein "wie heißt das, Five irgendwas" und fragt die Journalisten vor sich: "Kennt hier einer die Nummer der Kanzlerin?" Just in dieser Sekunde war er gefragt worden, ob sich Merkel wegen seines Snowden-Meetings schon bei ihm gemeldet habe. Es könne aber auch ein Anruf eines neugierigen Geheimdienstes gewesen sein. "Ich geh' mal davon aus, die interessieren sich alle für mich."

In der Sache hält sich Ströbele bedeckt, schließlich ist er ein guter Rechtsanwalt. Über seinen Gesprächspartner berichtet er lediglich, er sei "ein junger Mann, kerngesund und gut drauf". Fast ein halbes Jahr hat sich der Grünen-Politiker um das Treffen mit Snowden bemüht. Er selbst habe sich gefragt, warum die deutschen Geheimdienste Snowden nicht befragt hätten? Als nichts geschah, habe er sich gesagt: "Da muss ich selbst ran." Seit Juni habe er auf gepackten Koffern gesessen, sein Sommerurlaub sei dafür ausgefallen. Bei Bundestagspräsident Norbert Lammert habe er sogar Antrag auf eine Dienstreise nach Moskau gestellt. "Aber leider wurde die abgelehnt."

Snowden fordert Asyl in Deutschland

Als die Einladung von Snowden dann doch kam, nahm er den ehemaligen "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo mit, denn sein Englisch sei zu schlecht, um locker über den NSA-Skandal zu plaudern. Immerhin habe das Gespräch einen "hohen Unterhaltungswert gehabt". Der Amerikaner habe ihm verraten, dass die Gründe für seine Offenlegung der Geheimdienstaffäre "sehr, sehr ernst" gewesen seien. Jederzeit sei ihm "das große Risiko bewusst gewesen", das in seiner Aktion stecke.

Snowden hat sich nach Ströbeles Worten nicht als Anti-Amerikaner dargestellt. Am liebsten wolle der Whistleblower vor dem US-Kongress die Fakten der Geheimdienst-Spitzelei selbst erklären und die Schwere dieser Straftaten erläutern, "damit das amerikanische Volk keine Schaden nimmt". Für Ströbele ist Snowden jemand, der in der Geheimdienstbranche sowohl als Agent, als auch als Administrator gearbeitet habe. Er könne Dokumente erklären und interpretieren, "wie dies eben nur ein NSA-Mann kann".

Ströbeles Kernbotschaft ist klar: Snowden habe ein Jahr Asyl in Russland. Er könne sich aber, habe ihm der Amerikaner versichert, auch vorstellen, nach Deutschland zu kommen - sofern er dort Asyl und ein Aufenthaltsrecht bekomme. Auch in Moskau stehe er zu einem Gespräch mit dem Untersuchungsausschuss bereit, wenn dies von deutscher Seite gewünscht sei.

Brief an Merkel, Seitenhieb auf Claudia Roth

In dem Brief , den Ströbele für Snowden nach Berlin für Merkel, Pofalla und den Generalbundesanwalt mitgebracht hat, stehen bemerkenswerte Sätze: "Ich bin ermutigt von der Resonanz auf mein politisches Handeln, sowohl in den USA als auch anderswo. Im Zuge meiner Beschäftigung in diesen Einrichtungen (der NSA, Anm. d. Red.) wurde ich Zeuge systematischer Gesetzesverstöße meiner Regierung, die mich aus moralischer Pflicht zum Handeln veranlassten." Er rechtfertigt sich mit dem Satz: "Die Wahrheit auszusprechen ist kein Verbrechen." Er freue sich daher auf ein Gespräch "mit Ihnen in Ihrem Land".

Redet Ströbele beim Verlesen dieser Frage mit der Kanzlerin? Er sei bereit, sagt er ironisch, aber er wüsste nicht, "dass sie meine Handynummer hat". Schließlich müsse man Snowden dankbar sein, habe er doch dafür gesorgt, dass die Welt von der Spionage der NSA erfahren hat. Mehr erzählt Ströbele nicht. Kein Wort, wo er ihn getroffen hat, auf welchen Wegen er zu ihm gekommen ist.

Ströbele hält es für wahrscheinlich, dass neben der Kanzlerin auch andere deutsche Spitzenpolitiker von den Amerikanern abgehört wurden. Wer? Könnten die NSA auch bei der bisherigen Grünen-Bundesvorsitzenden Claudia Roth gelauscht haben? Da möchte Ströbele, der oft genug unter der Parteichefin gelitten hat, nicht diplomatisch schummeln: Ich glaube, da würden mir schon andere Politiker einfallen."