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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Kevin allein im Willy-Brandt-Haus – Danke Robin Hoodie

Kevin Kühnert hat in seiner Funktion als Chef der Jusos nicht nur das Recht, sondern fast die Verpflichtung, ein bisschen sozialistisch vor sich hinzuträumen, findet unser Autor.

Von Micky Beisenherz

Kevin Kühnert

Die Debatte um Kevin Kühnerts Aussagen hat gezeigt: Die SPD ist noch nicht tot

DPA

Die gute Nachricht zuerst: Die SPD ist noch nicht tot. Wie sonst soll man die kollektive Aufregung deuten, die die Aussagen von Kevin Kühnert ausgelöst haben?

Nur zur Erinnerung: Kühnert ist nicht etwa Bundeskanzler, sondern Chef der Jusos und hat in dieser Funktion nicht nur das Recht, sondern fast schon die Verpflichtung, ein bisschen sozialistisch vor sich hinzuträumen. Wer soll es denn sonst machen, wenn nicht er?

"Enteignung von Immobilienbesitzern!"

"Kollektivierung von BMW!"

Kevin Kühnert träumt sozialistisch vor sich hin

Klar, das ist natürlich ein Hammer. Oder ein Zirkel. Oder beides? Die Konservativen haben natürlich gleich eine mittelschwere Schaumparty vorm Mund und summen grimmig die Internationale. "Da will wohl einer die DDR zurück, was?! Und wir wissen ja, wie das gelaufen ist!" Rechts der Mitte war man sich nicht mehr sicher, über welchen deutschen Vornamen man sich mehr aufregen sollte: Kevin – oder Mohammed?

Bei den Genossen sorgen diese Töne so kurz vor der Europawahl ebenfalls für wenig Begeisterung. Klar, mit so einem Linkspartei-Sound vergrault man viele potenzielle Wähler, die…

…vermutlich eh nicht vorhatten, SPD zu wählen.

Johannes Kahrs, für rhetorische Perlen so bekannt wie der Regierungsflieger für pünktliche Starts, entblödete sich dann auch nicht, dem Hoodie-Marxisten zu unterstellen, irgendwas Falsches geraucht zu haben. Der Präsident des SPD-Wirtschaftsforums, Michael Frenzel, forderte sogar dessen Parteiausschluss. Die meisten jedenfalls kamen kaum mit der Distanzierung hinterher. Man könnte sagen: Es palmert gerade heftig. Wenngleich der Vergleich natürlich ein wenig hinkt.

Boris Palmer nehme ich nicht einmal den Rassisten ab. Den narzisstisch gestörten Gernegroß sehr wohl. Kühnert wiederum scheint es tatsächlich um die Sache zu gehen. Was nicht bedeutet, dass er richtig liegt mit seinen Visonen.

Speziell die BMW-Episode kommt mir reichlich realitätsfern vor. (Vielleicht doch lieber erstmal die Bahn wieder verstaatlichen?) Und wenn das Wort "Enteignung" noch ein bisschen öfter fällt, hat es noch echte Chancen, das Jugendwort 2019 zu werden. Es gärt in Deutschland. Selten sah man die Konservativen so nervös wie zur Zeit. Greta, die Gelbwesten, Kühnert. Ist es alles wirklich nur blanker Wahnsinn?

Twitter-Reaktionen auf Kühnerts Sozialismus-Thesen: "Lenin, Stalin, Kevin. Wir erkennen ein Muster."

Wer, wenn nicht der junge Flügel der SPD hat die Aufgabe, den Menschen und das Gemeinwohl mit einer gewissen Kompromisslosigkeit in den Fokus seiner Betrachtung zu rücken und der Wirtschaft zu sagen: "Wir haben euch im Blick, ihr Arschgeigen. Dieser kapitalistische Amoklauf endet jetzt." Die Wirtschaft hat ja nun hinlänglich bewiesen, dass ihr so etwas wie Klima oder Gemeinwohl reichlich egal ist. So sehr es die Aufgabe eines Unions-Jugendlichen wie Philipp Amthor ist, früh zu vergreisen, so sehr muss ein Kühnert den Sozen-Hool geben. Sicherlich ist es ein radikaler Gedanke, dass Wohnraum nur zum Eigenbedarf da sein darf, anstatt (den Großkonzernen) als Investitionsobjekt zu dienen. Aber diese Fiktion ist doch wohl kaum perverser als die Realität – die erstaunlicherweise deutlich weniger Empörung auslöst als das Interview von Kapuzen-Kevin. Ihn jetzt zu einem Lenin, der in den Körper von Mario Götze gefahren ist, zu machen, ist zu einfach.

Nur, dass wir uns nicht missverstehen: Wählen würde ich jemanden mit solchen Ansichten eher nicht – aber als Yang zum Yin der Lindners dieser politischen Landschaft finde ich den Sound ganz gesund. Wo wir eh gerade schon bei der Autoindustrie waren:

Betrachtet man die kuehnertschen Entwürfe wie einen Fahrzeug-Prototypen (Huhu, Ulf Poschardt!), so lehrt die Erfahrung, dass niemals das absurd geschwungene Denkmodell "in den Handel kommt", sondern die gemeinverträgliche Variante, ja, der Kompromiss.

Und der kann nur entstehen, wenn Menschen sich nicht scheuen, sich durch gewagte Vorstöße zum Idioten zu machen.

Von daher:

Danke, Kevin.

Video: Barley: Juso-Chef spitzt zu, praktische Politik machen wir