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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Zwischenhoch

Der Januar ist der Monat des Fastens. Des Hantelnstemmens. Der Sit-ups. Der Hoffnung. Aber der Januar hat nur 31 Tage.

Wahrscheinlich sind Sie kaum in der Lage, dieses Heft hier hochzuheben. Wegen des Muskelkaters. Vielleicht auch wegen akuter Mangelernährung. Vermutlich ist es sogar beides.

Denn die Enttäuschung darüber, dass das neue Jahr nach dem Wegfegen der Knallerreste so wenig Innovatives parat hält, lässt der Deutsche ab dem 2. Januar ja gern an seinem wehrlosen Körper aus.

Ich für meinen Teil bin seit über 25 Jahren regelmäßig im Fitnessstudio.

Was naheliegt – ist hier doch am leichtesten eine nachhaltige Veränderung zu erreichen. Spontan in eine höhere Gehaltsklasse aufsteigen? Unmöglich.

Sich in einem anderen Job noch einmal neu beweisen? Zu viel Aufwand.

Sich von der Partnerin trennen? „Das erlaubt die mir nicht!“

Also muss der arme Körper ran. Schließlich haben Fernsehgrößen wie Detlef D! Soost, Daniel Aminati und Charlotte Würdig gezeigt, dass „Body Transformation wirklich funktioniert!“.

Leider haben sie dabei verschwiegen, dass sie entweder a) viel Tagesfreizeit zum Joggen oder b) die Genetik eines Spartaners haben, während sich der Ottonormalstoffwechsler mit seiner Resterampen-DNA in der äußerst knappen Freizeit ins Fitnessstudio quälen muss.

Ich für meinen Teil bin seit über 25 Jahren regelmäßig im Fitnessstudio. Deshalb muss ich jeden Januar aufs Neue miterleben, wie sich eine Woge aus guter Hoffnung über die Trainingsfläche ergießt.

"Der Norbert hat so schön abgenommen"

 Die Gyms sind plötzlich voll, wie es die Kühlschränke all der Neumitglieder im Dezember noch waren. Dort, wo ich üblicherweise meine Hanteleien verrichte, belegen gute Vorsätze in Spandex die Flachbänke und Zugtürme. Und das ist ärgerlich. Denn die machen das ja mit Vorsatz!

Andererseits: Ein Teil von mir leidet auch mit, wenn sich mehrere Dutzend Menschen anschicken, mit ruckartigen, fast anormalen Bewegungen möglichst viele Muskeln und Sehnen in ihrem Körper zu zerreißen. Böse Zungen behaupten, man könne sich die Wartezeit vor einem Gerät mit einer Liveaufführung von „Ups, die Pannenshow“ verkürzen, aber Sie wissen: Ich würde so etwas nie denken. Geschweige denn schreiben.

All das, was man dieser Tage in Fitnessstudios sieht, wirkt wie ein letzter, verzweifelter Flirt mit grausam fordernden Geräten – auf den für ein Gutteil der Verzagten ab Februar die Rückkehr zu Thermomix und Netflix folgen wird. Lediglich ein kleiner Prozentsatz der einst Motivierten bleibt den Schwellkörperwelten erhalten. Das sind dann diejenigen, über die man bei den ersten Familienfeiern im März Dinge sagt wie: „Der Norbert hat so schön abgenommen.“

Die restlichen finden sich damit ab, dass ein Kai Pflaume für sie wohl immer ein figürlicher Sehnsuchtsort bleiben wird – dafür ist man „immerhin noch nicht so dick wie der Schanze“!

Schade eigentlich.

Für viele wäre es gut, die körperliche Neuausrichtung etwas behutsamer anzugehen. Denn so ein Leben komplett ohne Butter, Croissant und Alkohol? Bitte! Vergessen Sie nicht: Der Januar ist der beschissenste Monat des Jahres – warum wollen Sie ausgerechnet den nüchtern und ohne Ersatzbefriedigung erleben?

Gehen Sie es langsam an. Und nicht zu fundamentalistisch. Wenn der Körper Ihr Kapital ist, müssen Sie ihn langfristig auf der (Flach-)Bank liegen lassen. Sonst haben Sie mit Ihrer Diät Ende Januar höchstens 31 Tage verloren. Und drei bis vier Freunde.

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