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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Das große Bundesligähnen - warum ich den Fußball nicht vermissen werde

Am Samstag geht eine unfassbar langweilige Bundesliga-Saison zu Ende. Spannend wurde es nur, wenn Hoeneß sich in Liechtenstein um Kopf und Kragen geredet hat oder Tuchel und Watzke aus Dortmund den Denver Clan gemacht haben.

Von Micky Beisenherz

Bundesliga

Micky Beisenherz zieht seine Bilanz der Bundesliga-Saison.

Diese Fresse werde ich niemals vergessen. Das Gesicht von Walter Matthau als Mister Wilson in "Dennis", der, die Superpflanze jahrelang hegend, auf den großen Moment spektakulären Erblühens wartet - und diese wenigen Sekunden purer Schönheit schlicht verpasst. Was folgt, ist ein Blick wie ein geschmolzenes Wellblechdach.

So ähnlich geht es mir mittlerweile mit der Bundesliga, die ihre ganze Strahlkraft eigentlich nur noch wenige Momente vor Schluss zeigt, um einen dann in eine lange Phase der Leere zu entlassen.

Dabei geht es wohlgemerkt nicht im Geringsten darum, wer denn wohl noch Meister werden könnte, nein. Der deutsche Ligabetrieb ist wie Tinder: Spannend wird's nur untenrum. Das ist ein wenig schade und vergällt mir die Freude an diesem einst so großen Sport. Die Bayern sind mittlerweile zum fünften Mal Meister am Stück und selbst die hartgesottensten Fans wirken dabei angeödeter als Musicaldarsteller auf der AIDA. 

Was wenig verwundert. Kriegen sie doch erstmals Puls, wenn es im April im Pokal, wichtiger aber in der Champions League, um die großen Spiele geht. Wenn die dann verloren gehen, mag man sich selbst als BVB-Fan kaum noch beömmeln.

Schließlich ist man ja irgendwie mit schuld daran. Die anderen 17 Vereine sind einfach kein guter Sparringspartner, um international auf den Punkt fit zu sein. Es ist so schade. Spätestens, wenn du RB Leipzig die Daumen drückst, weißt du, dass gerade etwas gewaltig schief läuft.

Niemand will mehr Meister werden. Oder sie sind schlicht zu blöde. Dortmund lassen wir mal deshalb außen vor, da sie in dieser Saison mit einer Busladung voller Teenies eine Übergangssaison haben und das Jahr davor mit 78 Punkten einfach mal eine Meistersaison hingelegt hatten. Dummerweise gewannen die Bayern in dem Jahr so ziemlich alles, und das war es dann.

Schalke. Der HSV des Westens

Den Bayern ist aber nicht alles anzulasten. Warum zum Geier kriegen es wirtschaftlich und infrastrukturell gut aufgestellte Clubs wie zum Beispiel Gladbach, Wolfsburg oder Leverkusen nicht hin, wenigstens bis zum 10. Spieltag mal so zu tun, als könne man Meister werden.

Gut, Leverkusen, okay. Was willst du von einem Verein erwarten, der sich "Vizekusen" als Marke schützen lässt? Was ist mit Schalke? Hervorragende Jugendabteilung, tolle, naja, sagen wir mal begeisterungsfähige Fans und eine Kohle, von der rumänische Lohnsklaven in Schlachtbetrieben nur träumen können. Am Ende reicht es nicht einmal für die Europa League. Schalke. Der HSV des Westens.

Der HSV des Nordens wiederum ist - der HSV. Der Untote. The Walking Dead. So wenig totzukriegen wie "Dinner for One" - nur, dass man da über Blinde und Stolpern noch lachen konnte. Es ist ein Elend. Wenn man bedenkt, welche Möglichkeiten dieser Verein hat.


Die Schwäche der Liga wird in Hertha BSC gemessen

Da sich im Aufsichtsrat und auf der Vorstandsebene alle nur dafür zu interessieren scheinen, in ihrem Golf- Flight am Wochenende damit prahlen zu können, dass der Verein, hätten sie alleine was zu sagen, ja ganz anders dastünde, herrscht auf allen Ebenen eine Grundwurstigkeit, die sich bis in den letzten Stutzen niederschlägt. Selbst Uwe Seeler macht sich langsam Sorgen.

Am tragischsten ist natürlich Milliardär Kühne, an dessen Tropf man finanziell schon lange hängt. Ohne ihn wär man pleite. Mit ihm ist man so träge und unkreativ, dass es einen graust. Schlimmer die Millionen verprasst hat nur Lotto Lothar. Sollten die Hanseaten wirklich absteigen (was so wahrscheinlich klingt wie eine saubere Aktion eines VW Managers), kann man die Zeittafel im Stadion noch als Schuldenuhr benutzen. 

Also, was geht? Der Kampf um die Europa League? Lächerlich! So sehr ich es den Kölnern gönne, und das tue ich wirklich, dürfte das eigentlich kein Thema für sie sein. Genauso wenig wie für den Fünftplatzierten aus Berlin. Die Schwäche der Liga wird in Hertha BSC gemessen.

Nord gegen Elend

Wenn zwischen Patz 7 und Platz 15 gerade einmal neun Punkte liegen, dann ist das schlichtweg ein Armutszeugnis und lässt wenig Hoffnung aufkommen bei dem Gedanken, dass der 6. der Bundesliga in der Europa-League auf sein Äquivalent aus England, Spanien oder Italien trifft.

Und weil das Wetter in Deutschland so lange kalt und scheiße ist, fangen die meisten Profis auch erst im Mai an, mit Lust Fußball zu spielen. Bedeutet in diesem Jahr: Erst am 33. Spieltag. Toll.

Bleibt nur noch der Abstiegskampf, oder in diesem Falle: Die Schlacht darum, nicht in die Relegation zu müssen: HSV gegen Wolfsburg. Oder, wie es der geschätzte Kollege Lucas Vogelsang ausdrückt: Nord gegen Elend.

Tuchel und Watzke machten aus Dortmund den Denver Clan

Dafür klemme ich mir dann tatsächlich den Stadionbesuch in Dortmund und gucke die Konferenz bei meinem Bruder in der Gartenhütte. Was aber bleibt, ist das Gefühl, dass mir die Bundesliga nix mehr zu geben hat.

Wenn es überhaupt mal spannend war, dann hat Hoeneß sich in Liechtenstein um Kopf und Kragen geredet oder Tuchel und Watzke haben aus Dortmund spontan den Denver Clan gemacht. Um mich an solchen Sachen zu erfreuen, brauch ich aber nicht den Sky-Decoder anzuwerfen. Geschweige denn, ins Stadion zu gehen. Dafür reicht mir Facebook.

Eigentlich traurig.

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