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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Oh, wie schön riecht Panama

Micky Beisenherz
© Illustration: Dieter Braun/stern
Es sieht düster aus für den Osterurlaub. Zum Glück können wir problemlos in die Prä-Corona-Zeit zurückreisen. Wie? Nase auf!
Von Micky Beisenherz

Kinder sind herrlich unverstellt im Ausdruck ihrer Emotionen. So leidenschaftlich, wie ein Kind sein Gesicht verziehen kann, kennt man es nur aus diesem alten Karneval-Video, in dem Angela Merkel von einer Prinzengarde zum Mitschunkeln gezwungen wird und aus ihrem Herzen keine Höhnergrube zu machen vermag.

Ähnlich unwillig, ihre Gefühle zu verbergen, war auch meine Tochter, als sie mich unlängst ins "Frischeparadies" begleitete, einen eher nicht als Discounter verschrienen Supermarkt im Hamburger Hafen. Auf Höhe der Fischtheke litt sie mit beeindruckender Offenherzigkeit vor sich hin. Aus Aromagründen.

Wer könnte es ihr verdenken? Gerüche bestimmen unser Leben. Das, was wir in jungen Jahren von der Welt über die Nase erfahren, prägt uns für immer. In beide Richtungen. Erst vor wenigen Tagen offenbarte mir selbige Tochter, dass sie den Geruch von Benzin liebe. Mir ging das Herz auf. Als Spross eines Handwerkerhaushaltes bin ich mit dem unwiderstehlichen Odeur von Öl, Schmiere und noch halb feuchtem Beton aufgewachsen.

Wir alle verfügen über diese Zeitmaschine, direkt im Gesicht. Nichts katapultiert uns schneller um Jahrzehnte zurück. In eine Zeit, in der die Welt noch leicht und unbeschwert war. Geh ich an dem räudigsten Tümpel vorbei und rieche Algen, bin ich wieder acht und nahe dem Ruderboot am Pönitzer See. Der Popcornstand am Altonaer Bahnhof beamt mich zurück auf die kleine Kirmes in meinem Heimatdorf. Dahin, wo ich beim Nachladen des Gewehrs versehentlich die Neonröhre der Schießbude zerschossen und Standverbot bekommen hatte.

Vor ein paar Monaten berichtete mir meine Frau, dass sie bei einer beruflichen Reise in Panama beim Benutzen des Hotel-Shampoos zufällig auf einen vertrauten Duft stieß. Das Aroma der Kindheit, wenn ihre "Maman" ihr nach dem Schwimmtraining im Hagener Hallenbad den kleinen Kopf einschäumte. Die Augen rot vom Chlor. Die Erschöpfung. Die Geborgenheit. Die Kopfmassage mit dem heimeligen Duft. Und plötzlich ist es wieder 1989. In einem Badezimmer in Mittelamerika.

Glück kann man einatmen

Dabei muss es nicht einmal Wohlgeruch sein. Im letzten Sommer, es war vermutlich in Berlin, zog mich die Melange aus heißem Asphalt, Müll und dem frisch verdampften Wasser des tapfer sprühenden Stadtreinigungswägelchens hinüber in die so geliebten spanischen Urlaubsorte, wenn Palma oder selbst Barcelona sich mittags langsam in den Tag hineinhieven.

Es gibt so viele dieser Geruchslesezeichen: ein heißer Tag in New York, die geruchs­gesättigten Straßen Neu Delhis, ja die 72 Quadratmeter begehbarer Eichenschrank, Marke "Tabac Original", von Onkel Jochen, das ranzige Lederjackenaroma von Secondhandläden, das subtropisch-frisch florale vom Blumengeschäft gleich neben dem Friedhof und nicht zuletzt dieser schokoladige Duft der Kaffeerösterei, vor der ich so oft und gern stehe.

Wir können unserem Geist Nasenflügel verleihen und ja, Glück kann man einatmen. Auch in einem Jahr, in dem das Einatmen nur zögerlich betrieben wird.

Gehen wir raus und riechen den Frühling! Sommer. Blumen. Osterwiese. Das Recht auf ein kurzes Kindsein.

Glücklicherweise war meine Frau damals so schlau, ein Foto des Hotelduschgels zu machen. Jetzt haben wir es kistenweise zu Hause.

Oh, wie schön riecht Panama.

Einmal volltanken, bitte.


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