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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Ostern 2020: Dieses Jahr ist alles anders

Eiersuchen ohne Omma, Kaffeetrinken ohne Gäste, fünf Wochen zu Hause in Herne statt fünf Tage auf Sylt – dieses Jahr ist alles anders. 

Von Micky Beisenherz

Ostern 2020

Stell dir vor, es ist Ostern, und das, was am besten versteckt ist – ist die Oma.

Auch das größte christliche Fest fällt in diesem Jahr ein bisschen anders aus als sonst. Nach wie vor gilt das Gebot, sich zum Wohle der Alten und Schwächeren voneinander fern zu halten, und das fällt zu Ostern auch deshalb so schwer, weil dieses Frühlingsfest für viele traditionell die erste große Feier seit Weihnachten ist.

"Eier suchen, Corona finden?"

Man hat sich ein gutes Vierteljahr voneinander erholt und ausreichend Kraft getankt, um zwischen Narzissen und Filterkaffee auf gelben Tischdecken einen schönen Eiertanz zu zelebrieren. Gütige Großeltern gucken den Kleinen dabei zu, wie sie liebevoll bemalte Eier aus dem Rhododendron fischen – oder eine neue Playstation, denn auch bei diesem Fest neigen inzwischen alle zu einer dramatischen Überschenkung.

Aber wie gesagt: nicht in diesem Jahr. Abgesagt. Gibt nix. Wer will das auch: Eier suchen, Corona finden?

Und es ist ja sowieso der ganze Kalender hin. Allein schon deshalb, weil Ostern fast überall eine Woche nach Ferienbeginn ansteht. Nun gibt es in diesem Jahr zwar Ferien – aber die sind nur theroretisch. In der Praxis zieht sich der Stress einfach durch. Denn das, was man sich in einer netten Ferienwohnung in Holland noch ganz romantisch vorstellt – als Familie für 14 Tage auf 80 Quadratmetern abgammeln – ist für fünf verpflichtende Wochen auf 67 Quadratmetern in Herne schon bedeutend weniger amüsant. Man verbringt jeden neuen Tag mit exakt den Menschen, die man schon zwei Wochen zuvor mit dem Monopoly-Spielbrett erschlagen wollte. Andere, die man vielleicht lieber sehen würde, die soll man ja nicht treffen.

Die Gesellschaft beiläufig bekannter Menschen ist wie Geld: Man hält sie nur dann nicht für wichtig, wenn man viel davon hat. Aber selbst der Papst hat Osterversammlungen abgesagt, und das will was heißen. Stattdessen betet Franziskus gegen Corona und blickt dabei auf einen leeren Petersplatz. Wie er da so allein steht auf dem Balkon, wirkt er wie ein Oppa, der darauf wartet, dass ein netter junger Nachbar vorbei kommt und ihn fragt, ob er ihm nicht ein paar Rollen Klopapier mitbringen könne.

Wenn die kleine Sophie in diesem Jahr noch ein bisschen österliches Feeling mit Omma haben will, sollte sich Großmama beim Facetimen besser via Insta-Filter ein paar Hasenohren draufpixeln. Mehr ist nicht drin.

Der obligatorische Holland-Urlaub muss ausfallen

Wegfahren natürlich auch nicht. Mein Bruder und seine Familie wollten, um sich vom urlaubstechnischen Thomas-Cook-Desaster im vorigen Jahr zu erholen, ab Karfreitag nach Sylt. Dicht. Zumindest die Sylter haben mal Ruhe vor den Touristen. Es sei ihnen gegönnt. Aber meiner Familie wünsche ich künftig ein glücklicheres Händchen bei der Ferienplanung.

Ich für meinen Teil verbinde mit Ostern traditionell einen Trip nach Holland. Ostern-Frühling-Holland. Für mich immer schon eins.

Aber die Holländer werden dieses Jahr ohne meine aufreizende Frühlingsmode auskommen müssen. Es ist alles eine, zumindest von der Sonne gut ausgeleuchtete, Tristesse.

So müssen wir als gefühlte Hausarrestler am Ostersonntag vielleicht ganz besonders an Jesus denken: Der hat es immerhin geschafft, nach Tagen der Einsamkeit schlussendlich einen riesigen Stein vor seiner Höhle beiseitezuräumen und wieder rauszukommen. Und der war vorher sogar tot!

Gemessen daran ist der Zustand, in dem die meisten von uns sich befinden, doch eigentlich noch ganz okay, oder?

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