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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Lasst Christmas – Weihnachten 2020

Micky Beisenherz
Dieses Jahr heißt es: Lasst Christmas
© Picture Alliance
Die Neuinfektionen sind auf einem Höchststand. Die Grenzen dicht. Weihnachten während Corona ist anders. "Driving home for Christmas" geradezu ein Aufruf zum zivilen Ungehorsam. 

"Das sieht leider nicht gut aus." Besser als Christian Drosten kann man ein Jahr nicht zusammen fassen. Es ist der Morgen vor Heiligabend, links neben mir baut meine Tochter gerade eine pelzige Otterfamilie in die Bibi & Tina-Welt ein, und wäre da nicht gerade die aktuelle Inzidenzlage im Fernsehen, es wäre doch ein ganz normaler Vorweihnachtstag. Ich schalte um von n-tv zum KiKa. Der Kumpel vom Drachen Kokosnuss ist knallrot.

Die Neuinfektionen sind auf einem Höchststand

Da hätte ich auch gleich auf der Corona-Karte von Sachsen bleiben können. Drosten erklärt der "Bild"-Zeitung Corona. Es ist ernster, als wir alle annahmen. Markus Lanz hat sein Studio abgeschlossen. Karl Lauterbach ist auf dem Weg nach Bethlehem. Das doppelte Happy Birthday beim morgigen Händewaschen gilt dem Jesuskind. Die Gotteshäuser bleiben geöffnet. Das leuchtet nicht allen ein. Die Bistümer wehren sich gegen den Lockdown.

Was ein wenig verwundert - haben Kirchenobere doch sonst wenig Probleme damit, Dinge unter Verschluss zu halten. Und Armin Laschet? Hätte er je eine Siegesserie gehabt, sie wäre längst gerissen wie Schutzkittel von van Laack. Früher hat Gott den hinterletzten Stall in Bethlehem besucht. Heute muss man sich schon im größten, schrillsten Bling-Bling-Bunker der Stadt versammeln, dass er weiß, wo er seine Schäfchen findet. So allmächtig klingt das nicht.

Die Neuinfektionen sind auf einem Höchststand. Die Grenzen dicht. Der Einzige, der an Weihnachten noch durch den europäischen Luftraum darf, hat einen Schlitten und neun Rentiere. Wie sind wir hier eigentlich gelandet. Corona war ja noch ganz lustig, als im März alle auf den Balkonen standen, euphorisch die Systemrelevanten und vielmehr noch sich selbst beklatschten. Wie Logen in einem Opernhaus, in dem die ganze Zeit Solidaritätsarien geschmettert wurden. Außerdem ist das Sunrise-Avenue-Konzert abgesagt, und irgendwo muss die Energie doch hin. Dummerweise mussten alle schnell erkennen, dass so eine Pandemie länger als drei Wochen dauert, und dann waren viele auch enttäuscht von Corona.

Goldene Zeiten für Sozialphobiker

Weihnachten 2020. Goldene Zeiten für Sozialphobiker, die immer schon nach einer guten Ausrede gesucht hatten, einer Party lieber fern zu bleiben. Viele fragen sich, ob das wirklich so ein guter Deal ist: Wochenlang auf Partys, Kultur und gemeinsame Essen verzichten, nur, um sich an Weihnachten von Tante Marion fragen zu lassen, warum man noch keinen Mann abgekriegt hat und dass das mit Kindern ja auch langsam eng würde.

Heiligabend verbringe ich seit 43 Jahren in meinem Elternhaus im Ruhrgebiet, wo vier Generationen unter einem Dach leben. War das immer ein nachahmenswertes, sizilianisches Wohnkonzept von für Germanen geradezu erschütternder Herzlichkeit, kommt ein Besuch dort in diesem Jahr schon der Clankriminalität gleich. Es war aber zuletzt auch immer mehr ein grenzpanisches Abarbeiten von Link-Listen und Amazon-Warenkörben, bei dem niemand den ersten Schritt tun wollte, zu sagen: Jetzt lassen wir das bleiben. Wir können uns das doch alles das ganze Jahr selber kaufen, Herrgott.

DAFÜR die Gesundheit aufs Spiel setzen? Wäre da nicht die Liebe zueinander, es wäre den ganzen Aufwand nicht wert. Andererseits: Würde ich Omma ankündigen, sie an Heiligabend nicht zu besuchen, um sie zu schützen, würde sie mir wohl androhen, "ich geb dir gleich wat mit dem Basketballknüppel". Was alten Leuten neben Gesundheit vor allem fehlt, ist Zuneigung. Grausam, was da in einzelnen Wohnungen und Heimen geschieht.

Isolieren. Testen. Lüften

Infektionsschutzhaft. Es ist kompliziert. Ist das alles eine Scheiße. Isolieren. Testen. Lüften - statt Weihrauch, Gold und Myrrhe. Wer heute noch in Aktien von Thermounterwäscheherstellern investiert, dürfte am Ende der Pandemie Milliardär sein. Ob Jeff Bezos geflucht hat, als er von dem rettenden Impfstoff hörte? "Driving home for Christmas" - in diesem Jahr fast ein aufrührerischer Aufruf zum zivilen Ungehorsam. "Lasst Christmas", so schallt es von überall her. "Should I stay or should I go".

In der 2020er Version der Weihnachtsgeschichte müssten Caspar, Melchior und Balthazar Hölzchen ziehen, wer hindarf, und dieser Opa aus der EDEKA-Reklame könnte sich tot stellen wie er will - er müsste alleine bleiben, weil Söder es getwittert hat. Raclette-Pfännchen verwechseln wird dieses Jahr ein sicherheitsrelevantes Thema. Und an Silvester auf dem Balkon stehen und sich um null Uhr das neue Jahr als weißes Blatt Papier, als zurück gestellten Tacho vorstellen ist noch naiver als es ohnehin schon ist. Nach Klatschen ist längst keinem mehr zumute. Merkel, zieh die Spritze auf, ich will wieder in die Kneipe!

Was für ein absurdes Jahr. Was für eine irre Volte, dass ausgerechnet das verhasste Coronavirus den kaum beliebteren Donald Trump schlussendlich erledigt zu haben scheint. Gut, es ist auch das Jahr, in dem Virologen zu Stars und Wissenschaftler Milliardäre werden. Start making clever People famous. Wir hatten schon dümmere Epochen. Andererseits: Wo doch das komplette Jahr unter dem Motto "warum die und nicht wir" steht, wär es doch gelacht, wenn sich nicht die gesamte Nation komplett entzweien würde: Die einen, die sich ungerecht behandeln fühlen, weil sie diesen verdammten Impfstoff noch nicht bekommen. Die anderen, die sich ungerecht behandelt fühlen, weil sie diesen verdammten Impfstoff bekommen sollen.

Es gab nie weniger Wir als in diesem Jahr

Vor Kurzem hatte ich meinen ersten Corona-Test. Mit dem Stäbchen, das sie mir durch die Nase bis direkt ins Gehirn gerammt haben ist wohl auch klar, dass Koksen für mich wohl nix mehr werden wird. Hoffentlich ist das alles vorbei. Und damit auch diese ganzen fürchterlichen Begriffe:

Brennglas. Coronabedingt. "Korbpflicht"! Und vor allem dieses peinliche "Wir". Was das mit "uns als Gesellschaft" macht. Was für ein Hohn. Es gab nie weniger Wir als in diesem Jahr. Schwärmt der eine noch von der Mariekondohaftigkeit der Pandemie, in der man das Innere aufräumt und endlich mal ganz entschleunigt diverse Bücher liest, wartet eine Tür weiter schon das pure Elend und hinter der Hausnummer die Dunkelziffer. Ach, was rede ich.

Sogar unter demselben Dach klafft diese entsetzliche Lücke: Während ich "coronabedingte" Einbrüche durch alternative Geschäftsmodelle ausgleichen konnte, hockt meine Frau seit April als Kurzarbeiterin auf der Couch und hofft, 2021 als Lufthansa-Mitarbeiterin demnächst mal wieder fliegen zu dürfen. Oder wenigstens noch einen Job zu haben. Ein Dasein wie früher, in dem der Beruf auch eine Lebensphilosophie war. Und nun droht, zurück gebaut zu werden.

Wenn Sven Plöger in Talkshows sitzt und davon schwärmt, dass es doch toll wäre, wenn bald fast gar nicht mehr geflogen würde, klingt sie auf der Couch fast wie Julian Reichelt, wenn Drosten spricht. Ein Wir - aber als Wunsch und weniger als gesellschaftliche Zustandsbeschreibung. Absurd, aber: Die Weihnachtsmärkte fehlen mir. Hingehen würde ich natürlich nie, aber als festliches Grundrauschen sind sie nur schwer ersetzbar. Wenn der Fernseher kaputt ist, fehlt einem Kai Pflaume im Hintergrund ja plötzlich auch.

Morgen ist Heiligabend - und viele von uns blicken wie damals the artist formerly known as Jungfrau Maria im Stall gebannt auf einen Teststreifen - und hoffen auf so eine Art Wunder der Weihnacht.

Merry Christmas.


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