HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Pokemoney for Nothing: Pikachu und die Karawane der Hirntoten

Derzeit zomben Menschen durch die Straßen und jagen kleine Monster - Pokémon Go sei Dank. Micky Beisenherz beleuchtet die positiven Seiten dieses Phänomens, sorgt sich aber ein wenig um die SPD.

Micky Beisenherz über Pokemon Go

Micky Beisenherz schreibt in seiner neuen Kolumne über Pokemon Go

"Wenn es beispielsweise sehr viele Quapsel in deiner Gegend gibt, aber du kein einziges Quaputzi finden kannst, dann solltest du viele Quapsel fangen, um eins davon zu einem Quaputzi zu entwickeln!"

Sollte dieser Satz für Sie nicht wie das Gefasel eines Geisteskranken klingen, sondern eine hilfreiche Information sein, so sind Sie bereits tiefer im aktuellen Hype eingesogen, als Ihrem Psychiater lieb sein dürfte.

Menschen zomben derzeit durch die Straßen, jagen kleine Monster und missachten dabei Restwürde sowie die StVo. Pokémon Go sei Dank! Es gab ja bislang eindeutig zu wenige Leute, die in Fußgängerzonen wie hirntot auf ihr Smartphone starren.

Die Pokemons sind los und starten ihren weltweiten Siegeszug. In England sind sie so beliebt, dass man eines sogar spontan zum Außenminister gemacht hat, und auch hierzulande posten Politiker in den sozialen Netzwerken ungehemmt, dass sie gerade einen "Glurak vor der SPD Regional-Geschäftsstelle gefunden" haben. Zweifelsohne der größte sozialdemokratische Erfolg der letzten zehn Jahre.

Independence Day. RTL Plus. Pokemon - in welchem Jahr bin ich eigentlich gerade? Fühlt sich wie 1996 an. Da erschienen die mutierten Digital-Nager zum ersten mal als Videospiel, zogen Tausende Sammelkarten und 17 (!!!!) Kinofilme nach sich. Lange schien es, dass wir das hinter uns gelassen hätten.

Jetzt aber kann man sich die Dinger auf das Smartphone laden und dreidimensional als eine Art Goleo-Caching durch Wälder, Felder oder Straßen jagen. Diese wirft man dann mit einem Ball ab, und ja: Das sieht genau so aus, wie es klingt.

Sicher, man könnte in der Zeit auch draußen Pfandflaschen sammeln oder mit der Zange Müll in Grünanlagen aufsammeln - aber wer will sich schon lächerlich machen. Die Metropolen sind voll von ominösen Gestalten, die es nach draußen treibt. Dort jagen sie bunte Monster, die nur sie sehen können. In Berlin nennt man das Görlitzer Park.

Es ist nicht alles schlecht an diesem Hype

Rotten von jungen Leute tuppern sich bei lebendigem Leib ein, starren auf ihr Smartphone, hechten einem unsichtbaren Streichelzoo nach, um, ja, was genau nochmal zu erreichen? Zumindest zünden sie keine Flüchtlingsheime an. Ist doch auch schön.

Es sind Bilder, die einen daran glauben lassen, dass das mit der Präsidentschaft von Trump gar nicht soooo unwahrscheinlich ist, die Menschheit vor die Hunde geht und, ja, das vielleicht auch irgendwie gar nicht so schlimm ist. Wenn Manfred Spitzer nachts schweißgebadet aufwacht, hat er genau diese Szenen geträumt.

Selbst in Super- oder Technikfachmärkten kann man sich anschicken, Pikachu und Co. zu fangen - was einfacher sein dürfte, als dort mal einen Mitarbeiter zu fassen zu kriegen. Dabei sind die virtuellen Waidmänner beim Jagen des Pixelwildes in der Regel so konzentriert, dass sie wie MONbies durch die Gegend wanken, den Verkehr lahmlegen, vor Autos rennen - oder den Eingang vom Vapiano in Kiel blockieren. Es ist also nicht alles schlecht an diesem Hype.

Pokemon Go wurde häufiger gesucht als Porno

In den USA gibt es bereits riesige Warntafeln, die daran erinnern: "Don't Pokemon and drive". Die sind sicherlich nicht zufällig da aufgestellt worden. Charles Darwin gefällt das. Auch in Deutschland warnt der ADAC. Das tut er aber eigentlich immer. Wenn er nicht gerade zusammengemauschelte Rankings dementiert. Der TÜV Rheinland und Claudia Roth dürften sich zeitnah mitsorgen.

Gestern waren wir noch alle -sons, heute schon -mons! Im Grunde genommen ist es wie vor zehntausend Jahren: Die Frau bleibt zuhause, während das Männchen Pokemons jagen geht.

Das ist aber tatsächlich das Einzige, was das lendenschwache Geschlecht derzeit noch zu interessieren scheint. Laut Google wurde in den letzten Tagen "Pokemon" häufiger gesucht als "Porno". Wir sterben aus. Und das völlig zu Recht. Eine Karawane der Unterkoitierten schiebt durch Deutschland und tindert sich ein paar Monster zusammen. Was ist denn da los? Früher haben diese Irren noch wie ganz normale Leute vorm Apple Store campiert!

Echte Alternative zum Salafismus 

Immerhin muss man positiv konstatieren, dass mit der japanischen Meerschweinchen-Jagd für unbeschlafene Männerrudel jetzt eine echte Alternative zum Salafismus da ist. Auch Silvesternächte am Kölner Hauptbahnhof könnten mit der entsprechenden App zu einer Art Keuschheits-Flashmob mutieren, wenn statt Uschi aus Würselen plötzlich der simulierte Steiß von Pummeluff angetwerkt wird. Ein Ende der Sedierungs-Applikation ist nicht absehbar. Zumal sie umsonst ist. Lediglich die entsprechenden Aufbaupräparate kosten Geld.

Klar, man könnte jetzt als Eltern sagen: "Früher hätte ich den Speckegel schon operativ von der Couch entfernen müssen - jetzt kommt der Bengel wenigstens mal freiwillig an die frische Luft! Das ist gesund!" Sicher. Aber halt eben nur, bis er volle Lotte gegen einen fahrenden Audi Q7 rennt, weil er vor der SPD-Zentrale einen Glurak entdeckt hat." Tamagotcha!

Wie gefährlich solche Spiele für die Gesundheit sind, weiß ich selbst noch aus eigener Erfahrung. Habe ich über das stundenlange Snake-Spielen mit dem Nokia 5110 auf der Toilette doch oftmals das Abführen vergessen.

"Glurak zurück in die Heimat!"

Glurak. Klingt das nicht verdächtig türkisch? Ja, hat Beatrix von Storch denn noch gar nix dazu getwittert? "Glurak zurück in die Heimat!", oder so. Irgendein CSU-Hinterbänkler dürfte bald die Helmpflicht fordern, wenn Elmar Fudd in Trekkingsandalen die Daddelfauna jagt. Während CSU-Mastino Markus Söder schon darüber nachdenkt, die begehrte App auf allen Smartphones der Flüchtlinge zu installieren, um sie mit geschickt platzierten Pokemons zurück über die Balkan-Route zu locken.

Niemand kann voraussagen, wie der Trend um die Mons of Anarchy weitergeht. Entweder sie werden unser Stadtbild nachhaltig verändern - oder es geht ihnen wie absurde Fantasieprodukte à la Bubble Tea oder Piraten-Partei.

Wenn dieser Hype allerdings bedeutet, dass junge Leute in den Fußgängerzonen gezielt und euphorisiert auf komische Figuren zugehen, sehe ich zumindest für die Info-Stände der SPD eine goldene Zukunft. Vielleicht könnte man sie ja auch gleich mit einem dort wartenden Pikachu in die Wahlkabine lotsen.

Allerdings stellt sich dann doch die Frage: Gibt es Pokémon Go im Wahljahr 2017 noch? Oder die SPD? Und wie viele Punkte gibt es eigentlich, wenn man Sigmar Gabriel abwirft?

Themen in diesem Artikel