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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Angela Merkel hat ein paarmal gezittert. So what?

Die Bundeskanzlerin zittert und in einschlägigen Kommentarspalten geht es zu wie im Paviangehege, findet Micky Beisenherz. Er ist sicher: Bei Merkels Pensum wären die meisten ihrer Kritiker längst weggeklappt. 

Micky Merkel
Picture Alliance / stern

Gut, sicher.

Man könnte jetzt sagen, dass dieser Text sich nicht gehört.

Weil man öffentlich nicht über das Zittern von Angela Merkel sprechen oder schreiben darf.

Das ist natürlich Unsinn. Natürlich darf man.

Die Frau ist die bekannteste Deutsche, deutsche Regierungschefin und eine der wichtigsten Personen der Welt. So zu tun, als sei ein simples wat haste denn?" ein Ausdruck absoluter Verkommenheit ist schlichtweg verlogen.

Es ist menschlich, da kurz aufzumerken.

Die Frage ist ja weniger, ob man darf, sondern wie man sich dem Thema nähert.

Man kann es mit seriöser Berichterstattung versuchen.

Oder wie zum Beispiel die "Bild", die sich förmlich hineingeilte in das Thema und selbst in ihrer Historie neue Lowlights setzte zwischen "wie lange noch?" und "tapfere Angela Merkel".

Wobei man wissen muss, dass das Wort "tapfer" in solchen Zusammenhängen immer nur als Synonym für "hilflos" oder "unfähig" verwendet wird.

Ein vergifteter Zuspruch, der denjenigen Futter geben soll, die schon lange der Ansicht sind , dass dieses Zittern Ausdruck einer allgemeinen Instabilität des Landes sei und Merkel ja eh weg müsse.

Dass nicht noch die Richter-Skala bemüht wurde, ist alles.

Springer-Mariachronist Franz-Josef Wagner sorgte sich förmlich um Kopf und Kragen, indem er erst an die "zitternde Kanzlerin" und am nächsten Tag gleich noch an die "sitzende Kanzlerin" schrieb, was den Schluss nahe legt, dass er gerade an einer Trilogie arbeitet und wir uns am Montag auf die "liegende Kanzlerin – Judgement Day" freuen können.

Was in einschlägigen Kommentarspalten los gewesen ist, kann sich jeder vorstellen, der mal ein Paviangehege besucht hat.

Hat da jemand Hetzjagd gesagt?

Alles eine schäbige Form politischen Destabilisierungsjournalismus, flankiert von Figuren wie dem zunehmend seltsamen (ja, er ist noch steigerungsfähig) Hans-Georg Maaßen, der öffentlich befand, dass "Der Gesundheitszustand eines Regierungschefs keine Privatsache" sei. "Die Menschen in Deutschland haben ein Recht zu erfahren, ob der Regierungschef gesundheitlich noch in der Lage ist, sein Amt mit ganzer Kraft auszuüben."

Wie lange man zumindest bei mangelnder geistiger Gesundheit im Amt bleiben kann, hat der Verfassungsschutz spektakulär belegt, möchte man da antworten.

Nicht zuletzt auch Dank seiner Führung zählt die Behörde neben der Bundeswehr zu den größten Peinlichkeiten des Landes.

Abgesehen davon, dass meines Wissens nach "der Regierungschef" in Deutschland weiblich ist, ist dieses Anrecht auf Information des Bürgers grundsätzlich nicht falsch.

Allerdings insinuiert seine Bemerkung, dass es für den Bürger begründeten Verdacht zur Sorge um den Gesundheitszustand der Kanzlerin gäbe, und für diese Annahme gibt es schlichtweg keine Grundlage.

Hat da jemand Hetzjagd gesagt?

Andere wären lange weggeklappt

Angela Merkel hat ein paarmal gezittert. So what?

Willy Brandt hatte Depressionen, Helmut Schmidt war annähernd hundertmal bewusstlos, von den Cholesterinwerten Helmut Kohls ganz zu schweigen.

Auch die Kanzlertauglichkeit eines Wolfgang Schäuble würde niemand ernsthaft in Frage stellen.

Ja, auch eine Regierungsschefin hat das Anrecht, sich über ihre private Verfasstheit auszuschweigen.

Solange es keine signifikanten Anzeichen von Geschäftsschädigung gibt.

Da interessiert es mich herzlich wenig, ob Merkel bei der Hymne steht oder sitzt.

Im Gegenteil: Bei dem Programm, das die Frau seit 14 Jahren stemmt, sehen Sie mich mehr als erstaunt, dass sie lediglich ab und an mal ein wenig zittert.

Die meisten Kommentatoren wären schon lange weggeklappt.

Mich eingeschlossen.