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Podcast des Jahres "Wind of Change" war der Soundtrack zum Ende des Kalten Krieges. Hat die CIA den Song geschrieben?

Klaus Meine, Sänger der Scorpions
Klaus Meine, Sänger der Scorpions, bei einem Konzert der Band in Kiew im November 2019
© Aleksandr Gusev/ / Picture Alliance
Als der Eiserne Vorhang fällt, landen die Scorpions mit "Wind of Change" einen der meistverkauften Hits aller Zeiten. Aber ist das Stück womöglich ein Coup des amerikanischen Geheimdienstes, der damit den westlichen "Way of Life" in Russland populär machen wollte? Ein großartiger Podcast ging 2020 dieser Verschwörungstheorie nach.

"I follow the Moskva, down to Gorky Park", singt Klaus Meine, "listening to the wind of change." Die Inspiration zu den ersten Zeilen von "Wind of Change" kam dem Sänger der Scorpions, der sich bis dahin eigentlich nicht als Songwriter hervorgetan hatte, auf einer Bootstour über besagten Moskauer Fluss im August 1989. Damals befanden sich die Scorpions im Rahmen des "Moscow Music Peace Festival" in der russischen Hauptstadt, wo die Hannoveraner Hardrocker zusammen mit anderen Vertretern des sogenannten "Hair Metal" wie Bon Jovi oder Mötley Crüe auftraten.

Zurück in der Heimat schrieb Meine die Hymne mit der charakteristischen Flachpfeifmelodie und dem Text über Hoffnung und Freiheit fertig: eine Ballade und ein völlig untypischer Scorpions-Song, der sich trotzdem – oder gerade deshalb – anschickte, mit über 14 Millionen Kopien weltweit eine der meistverkauften Singles aller Zeiten und die inoffizielle Hymne zum Ende des Kalten Krieges zu werden.

Soweit die Legende über den Ursprung des Hits, wie sie Meine seither in mehreren Interviews zum Besten gab.

Es gibt da aber noch eine andere Theorie, besser gesagt: eine Verschwörungstheorie. Die besagt, dass nicht Meine oder die Scorpions, sondern die CIA den Song geschrieben hat beziehungsweise hat schreiben lassen, um auf dem Höhepunkt der Perestroika den westlichen "Way of Life" in der zerfallenden Sowjetunion populär zu machen. Der US-Journalist Patrick Radden Keefe, Autor und Reporter des "New Yorker" und damit eigentlich dem Klamauk unverdächtig, hat die Geschichte gehört von einem Freund, der sie von einem Bekannten gehört hat, der früher für die CIA gearbeitet hat. Wie man von solchen Verschwörungstheorien halt hört.

"Wind of Change": TV-Adaption des Podcasts ist bereits verkauft

Aber der Freund hat Keefe in der Vergangenheit schon häufiger Hinweise gegeben, aus denen am Ende große Reportagen wurden, und Keefe hat ein Faible für Stories, die so abseitig klingen, dass an ihnen etwas dran sein muss. Also geht Keefe der abenteuerlichen These nach und nimmt den Hörer seines Podcast, der natürlich den Titel "Wind of Change" trägt, in acht Episoden mit auf eine Recherche, deren Filmrechte inzwischen für eine TV-Adaption an den Streamingdienst Hulu verkauft wurden.

Wir begleiten den Reporter von CIA-Hauptquartier in Langley über Kiew bis nach Burgwedel – und langsam, aber gewaltig, entspinnt sich hier tatsächlich eine große Geschichte über die Machenschaften der Geheimdienste, über Fakten und Fake News, und über das gar nicht mal so unwahrscheinliche Zusammenspiel von Politik und Popkultur.

Wir hören vom Leben des Scorpions-Managers Doc McGhee, der im Rahmen der größten Drogenrazzia der US-Geschichte beim Schmuggeln erwischt wurde und deshalb – vielleicht – das eingangs erwähnte "Moscow Music Peace Festival" veranstalten musste. Wir hören von der großen amerikanischen Jazzsängerin Nina Simone, die 1961 auf einer Tour durch Nigeria vom Geheimdienst als kulturelle Botschafterin benutzt wurde, ohne bis zu ihrem Tod je davon zu erfahren. Wir hören Ex-Geheimdienstler mit verzerrter Stimme und russische Rockfans. Und am Ende, in der letzten von acht Episoden, sitzen wir mit Keefe und Klaus Meine in einem Hotel namens "Kokenhof" im tiefsten Niedersachsen. Spätestens an dieser Stelle verschwimmt die Grenze zwischen "Wind of Change" und einem Spionageroman von, sagen wir, 1983 zur Unkenntlichkeit.

Auf seiner Reise kommen Keefe – und dem Hörer – immer wieder neue Fragen: Haben ein paar umtriebige Agenten allen Ernstes den Eisernen Vorhang heruntersingen lassen? Wie albern ist das Leitmotiv dieser Reportage eigentlich wirklich? Hätte der Journalist den Sänger nicht gleich in der ersten Folge zur Rede stellen müssen oder funktioniert exzellentes Storytelling (und nichts anderes bietet dieser Podcast) eben auch im seriösen Journalismus so eben gerade nicht? Und macht sich Keefe mit seiner Erkundung des Propagandaapparats der CIA nicht selbst zum nützlichen Idioten des amerikanischen Geheimdienstes? Oder gar des russischen?

Drahtseilakt zwischen Tatsache und Verschwörung

Auf diesem Drahtseilakt zwischen Wahrheit und Vermutung, zwischen Tatsache und Verschwörung, der dann doch aktueller kaum sein könnte, wird einem zwischendurch schon mal schwindlig. Keefe kann ganz schön nerven mit seiner ziemlich gestrigen, aber unverhohlenen Bewunderung für alles Amerikanische. Seinen Patriotismus und die Freude über den Zufall, dass er in ebenjener Zeit aufgewachsen ist, als die USA noch glaubten, den Rest der westlichen Welt wahlweise zu retten oder zu maßregeln, weil sich der Rest der Welt von ihnen nur allzu gerne retten oder maßregeln ließ, kann Keefe kaum verbergen.

Aber andererseits passt diese Verklärung zum Podcast und seinem historischen Kontext. Sie ändert auch nichts an der sich langsam steigernden Spannung, die trotz teilweise enormer Umwege bei der Recherche nur selten nachlässt, oder an der fesselnden Erzählung von der Macht der Musik. Und ganz zum Schluss, als Keefe ihn mit der These konfrontiert, sein Opus Magnum gar nicht selbst erschaffen zu haben, ihm also quasi das künstlerische Copyright für seinen Jahrhunderterfolg abspricht, steht die Reaktion des Klaus Meine, die der Hörer zu diesem Zeitpunkt längst nägelkauend herbeisehnt: Wird er wütend? Fühlt er sich ertappt? Hält er sich die Ohren zu und fängt an, das berühmte Intro seines Songs zu pfeifen?

Nur soviel sei verraten: Meine, dieses Rock'n'Roll-Relikt der alten Bundesrepublik mit seiner Lederjacke, der Pilotenbrille und der Harley-Davidson-Kappe, ausgerechnet dieser Meine also, wird einem hier plötzlich so sympathisch, wie man es nicht für möglich gehalten hätte. Vielleicht, aber nur vielleicht, ist das am Ende sogar das Unwahrscheinlichste an "Wind of Change".


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