HOME

Arcade Fire: Großes Gefühlskino in Orchesterstärke

Opulente Chöre treffen auf massive Gitarrenwände, Disco-Beats reiben sich an epische Rockhymnen: Mit ihrer energetischen Musik sind Arcade Fire die Band der Stunde.

Natürlich, die großen Erfolgsgeschichten der Popmusik kamen immer wieder aus London und New York. Aber es gab eben auch den Liverpool-Boom im Zuge der Beatles, den Seattle-Hype nach Nirvana und das Detroit-Wunder der White Stripes zuletzt. Im Moment stehen die Wetten an den internationalen Trendbörsen ganz gut, dass Montreal im kanadischen Quebec das nächste große Ding werden kann. Liberal, frankophon, Fluchtpunkt für die verlorenen Kinder Amerikas.

Im US- Magazin "Spin" hat die Metropole schon den Ritterschlag der Rock-Szene erhalten: "Offiziell cool". Die Beschreibung gilt Bands wie Godspeed You Black Emperor!, The Dears, Les Georges Leningrad, Wolf Parade und vor allen Dingen Arcade Fire. Die Shows der Band von Win Butler und Regine Chassagne lockten schon Pop-Größen wie David Bowie und David Byrne in Konzertarenen. Ihr Debüt-Album "Funeral", mit einem halben Jahr Verspätung jetzt auch in Deutschland erschienen, ist gleich Platte des Monats in zwei großen deutschen Popmagazinen geworden, "Musikexpress" und "Spex".

Verstorbenen Vorfahren gewidmet

Chassagne und Butler leben nicht nur zusammen, im August letzten Jahres haben sie geheiratet. Kurz darauf erschien in Kanada und den USA "Funeral" - und erntete in kurzer Zeit mehr Bewunderung als der komplette Indierock-Jahrgang 2004. In Amerika wurden die Kanadier dann schnell "Americas hottest band". Was auch deshalb etwas deplaziert wirkte, weil Arcade Fire ihr wunderschönes Album lauter verstorbenen Vorfahren gewidmet hatten.

An die Beerdigung von Regine Chassagnes Großmutter erinnert sich Win Butler, ehemaliger Religionswissenschaftler. "Als sie starb, habe ich zum ersten Mal einen Großteil ihrer Familie getroffen. Sie kamen aus New York, meine Eltern waren auch angereist, die beiden Familien lernten sich kennen. Menschen aus New York, Florida und Haiti treffen sich nicht alle Tage. So auch beim Begräbnis meines Großvaters Alvino. Der soziale Charakter eines Begräbnisses war interessant für mich im Kontext unserer Platte, das Begräbnis mehr ein Treffpunkt, weniger ein Ort der Düsternis."

Extreme prallen aufeinander

In den Songs der Montrealer gibt es Begegnungen manchmal extremer Art: Hysterische Chöre klettern massive Gitarrenwände hoch, ein Disco-Beat verschluckt eine epische Hymne. Das fünfminütige "Wake Up" reiht sich wie ein Sammelstück in die große Gefühlsverführung, wie ein Broadway-Potpourri, das zufällig in die Hände von ein paar Indie-Rockern geraten ist, die gleich einen Schwung Chorknaben mit ins Studio gebracht haben. Musik zum Haareraufen, Wundern, Träumen, Jubeln - Jubeln vor allem. Manche dieser Lieder sind Studien des Verlusts, in anderen wird ein rauschendes Fest des Lebens gefeiert: "Funeral" gibt der Popmusik ein Gefühl von Drama und Verschwendung zurück aufgenommen von einem Verein in Orchestergröße, der sich um die sechsköpfige Kerngruppe formiert.

So machen sie's live: Unten fährt ein Bass die Hauptstraßen des Indie-Rock entlang, Akkordeon und Violine kommen obendrauf, Piano und Gitarren sorgen für die rasanten Kurven und Win Butler triumphiert in seinem David-Byrne-war-ein-nervöser-junger-Mann-Spiel. Jedes Mal, wenn er mit Band in New York auftritt, erzählt Butler dem Publikum: "Das ist das erste Mal, dass wir in New York sind". Das Publikum freut sich über die Flunkerei und der Mann am Mikrofon hat noch einen drauf: "Hi, we're the flavor of the month."

Musikalischer Großvater

So nimmt man den Medien den Hype-Wind aus den Segeln. Über die begeisterten Kritiken und den plötzlichen Erfolg wollen Arcade Fire sich nicht definieren. "Wir wollen weiter unseren Weg verfolgen, als ob es das Rieseninteresse an unser Band nicht gäbe", sagt Butler. "Mein Großvater machte Musik, seit er 17 war - bis zu seinem Tod im Alter von 95. Er hatte ein sicheres Auskommen, ohne einem großen Plan zu folgen. Es ging mal gut, mal schlechter."

Bescheidenheit ist selten falsch, man kann sich den Großvater aber auch so vorstellen: Alvino Rey war ein populärer Big-Band-Chef in den 30er und 40er Jahren. Er spielte später mit Easy-Listening-Größen wie Esquivel, hatte einige US-Top-Hits mit der Vokal-Gruppe The King Sisters.

"Big-Band-Musik mit einem primitiven Vocoder-Effekt"

Zur Erfindung der Pedal Steel Gitarre soll er so allerhand beigetragen haben, und auf dem Song "My Buddy", den Arcade Fire gecovert haben, ist eine solche auch zu hören. "Big-Band-Musik mit einem primitiven Vocoder-Effekt, klingt sehr weit weg. Alvino erzählt etwas, seine Stimme kommt durch die Gitarre. Und die Pedal Steel singt. In dem Song geht es um eine Frau, die ihren Liebhaber vermisst, der in den Krieg zieht."

Inzwischen haben Regine und Win einen richtigen Proberaum für all die Instrumente. Und ständig sind sie unterwegs in der Welt, um sich und ihre Musik bestaunen und bejubeln zu lassen.

Tourdaten:

17.05. Köln (Gebäude 9)
18.05. Hamburg (Knust)
19.05. Berlin (Maria)
22.05. München (Feierwerk)

Frank Sawatzki /AP / AP