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Bob Dylan: Ein Männer-Mythos mit Literaturnobelpreis

Auch mit Literaturnobelpreis bleibt Bob Dylan, was er ist: eine Mundharmonika spielende Legende. Wir werden ihn nie ganz begreifen, aber immer verehren. Männer-Mythos eben. Ein Annäherungsversuch.

Von Ulrike Posche

Bob Dylan

Bob Dylan tritt am 3. Juni 1984 bei einem Open-Air-Konzert im Olympiastadion in München auf.

Es ist im Grunde simpel. Wer Männer verstehen will, muss Bob Dylan hören. Denn Bob Dylan ist, was Männer sein wollen. Unberechenbar, eigen, unabhängig. Forever Young, und wenn nötig, selbstgerecht. Sie wollen alberne Hüte aufsetzen wie er und Hemden mit scheußlichen Kragen tragen. Sie imitieren seinen Puffgänger-Bart. Sie wollen Holz hacken, Whiskey trinken und einfach mal nix reden müssen. Ain't talkin', just walkin'. Sie legen in stimmungsvollen Momenten Love Sick auf, obwohl Bob Dylan das schwerblütige Lied vor Jahren der Unterwäsche-Marke Victoria's Secret für einen Werbespot schenkte und entweihte. Ein Film, in dem er sogar selbst erschien und mit bösem Blick durch weiße BHs blitzte. Bob darf das!

I'm sick of love. Es ist manchmal schwer, Männer zu verstehen. Noch schwerer ist es aber, das Männerphänomen Bob Dylan zu begreifen. Doch Liebe verzeiht viel.

Bob Dylan auf der Bühne

Robert Allen Zimmerman, der Meistersänger und Balladenmeister aus Hibbing, Minnesota, nannte sich mit 18 Bob Dylan und veränderte mit 20 schon die Welt. Er brauchte dafür nur seine Locken, die sinnliche Oberlippe, eine Mundharmonika, eine Gitarre, die Gabe, Lieder zu texten, die einem nie mehr aus dem Kopf gehen - und ein grandioses Missverständnis. Dylan überglänzte zeitlebens der große Irrtum, er sei ein Rebell, ein Klampfist der Love&-Peace-Generation, ein Protestsänger. Nur weil Friedensbewegte von Anbeginn seine Klageweisen auf der Plastik-Kazoo beim Kirchentag tröteten oder beim Sommerfest der DKP. Er hat sie schon so oft getäuscht, seine Fans!

Man denkt, zum Beispiel, Woodstock 1969: Joan Baez, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Bob Dylan. Aber Dylan spielte gar nicht mit. Er traf sich ohnehin lieber mit Sinatra. "Ich träumte von einem Job von neun bis fünf", schreibt er in seinen Erinnerungen, von "einem Haus in einer baumbestandenen Straße mit weißem Lattenzaun und rosa Rosen im Garten" . Im Grunde seines Herzens nämlich war Bob Dylan immer ein Spießer wie du und ich mit rosafarbenen Spießerträumen hinterm weißen Lattenzaun. Wenn er genug Holz gehackt hatte, ging er durch das Spielzeug, das seine Kinder im Garten vergessen hatten, ins Haus und schüttete etwas Whiskey in die Sauce, die auf dem Herd simmerte. Das war es auch schon an Exzess, an Anarchie. "Und Bob ist dein Onkel", sagen Engländer gern resümierend: so viel dazu.

Bob Dylan wollte nie der "Oberpopanz der Rebellion" sein

"Ich hatte die Schnauze voll davon, dass man alles Mögliche in meine Texte hineingeheimnisste, dass ich zum Oberpopanz der Rebellion ernannt worden war", schreibt er in seinen Erinnerungen. "Es ging mir auf die Nerven. Ich war nicht der Grüßaugust irgendeiner Generation." Damals spielte der Wiener Radio-DJ André Heller Sad-Eyed Lady Of The Lowlands in voller Länge. Und als sich Hunderte beim Sender beschwerten, spielte er es gleich danach noch einmal. Und in der nächsten Sendung und immer wieder. Das Stück dauert quälende zwölf Minuten und enthält ein fast zwei Minuten langes Mundharmonika-Solo. Tu felix Austria!

Dylan, der Nachfahre jüdischer Einwanderer aus Odessa, ging nach Jerusalem und tat zur Verblüffung seiner Anhänger, als wäre er Zionist geworden. Lange her. Viele Leben, viele Lieben, die Sad-Eyed Lady ist Geschichte, die Romance In Durango und die mit Joan Baez. Der Mafioso Joey ist over, der Boxer Hurricane. Der Sänger wurde mit den Jahren düsterer und eigensinniger. Nur in seinen Konzerten, so schien es, fand Dylan noch Shelter From The Storm. Inzwischen ist er beinahe ein Greis, ein alter Hobo mit zerlebter Visage und Menjoubart. Im Oktober will er mit Paul McCartney, den Stones, The Who, Neil Young und Roger Waters ein gemeinsames Konzert in der Wüste geben. Bitte merken: Coachella Festival, Indio, Kalifornien!

Wir dachten, der Poet wäre auch sich selbst manchmal ein Mirakel, doch er arbeitet offenbar schlicht nach dem Lustprinzip. Wollte er uns mit Platten, die wir nicht verstanden, und Auftritten, die uns irritierten, ernüchtern? Here comes Santa Claus! Das Konzert 1997 vor Papst Johannes Paul! Papstbeobachter säuselten damals: "Es war ein Treffen der Giganten und der Augenblick unvergesslich, als der große Rebell Dylan sich vor den Zuschauern und danach mit einem tiefen Diener vor dem Nachfolger Petri verbeugte." Giganten! War das Rebellenblut auf einmal holy?

Liebesliedschreiber und Kotzbrocken

Dylan war immer alles zugleich. Alt und jung. Liebesliedschreiber und Kotzbrocken, Landschaftsmaler, Sechsfachvater, PR-Genie und strenger Hüter seiner selbst. Er nahm über 50 Alben auf, manche seien schlechter noch als seine Konzerte, schrieben US-Kritiker. Gekauft wurden sie trotzdem. Millionenfach. Ruhm, Grammys, Platinplatten. Eigentlich toll alles, aber er sprach darüber stets so leidend, so angeekelt von der Welt, dass man sich am liebsten persönlich bei ihm entschuldigen wollte. Für alles. Nur die Finanzbehörden wissen, wie reich er ist.

Streng genommen sieht er heute seltsam aus mit seiner Tante-Gertrud-Frisur, den verkniffenen Augen. Aber das ist ihm egal. Um nicht zu sagen - scheißegal. Dylan mag für Generationen ein Gott sein oder mindestens ein Heiliger. Wenn ihm der Weihrauch zu viel wird, stellt er aus Daffke ein Dixi-Klo in seinen Vorgarten, bis sich die Nachbarn im Lokalradio von Malibu über den angeblichen Gestank empören. Er scheint derlei Provokation zu lieben, er wird am 24. Mai 75. Was er nicht liebt, sind Auftritte im Weißen Haus. Jedenfalls hat er 2012 nicht einmal die Sonnenbrille abgenommen, als Präsident Obama ihm die "Medal of Freedom" umhing. Die höchste Auszeichnung der USA. Angela Merkel hat die auch, und sie ist immerhin die mächtigste Frau der Welt. Angeblich.

Dass er erneut eine Platte mit Sinatra-Hits aufgenommen hat, verstörte die "Dylanologen" (so nennt man jene, die sich wie Forensiker mit seiner Musik, seiner Poesie beschäftigen) diesmal nur kurz. Für den Musikkritiker der "FAZ" war nämlich schon die erste Sinatra-Platte ein gesungener Seniorenteller, was sollte da noch groß kommen? Gerockte Schnabeltasse? Gott darf alles! Egal, ob er auf einer Wiese neben dem Sparkassen-Karree von Tübingen vor 8000 Schwaben spielt oder im Mainzer Zollhafen vor SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer - seine "Mysterienspiele", wie der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering die Songs nennt, sind bis heute Erweckungserlebnisse für, nun ja, für jeden.

Dr. h. c. Dylans zähklebrige Lieder aus nobelpreisverdächtigen Strophen dauern manchmal ewig. Jede Strophe dabei ein Gedicht, Quatsch, ein Kosmos! Selbst wenn man im Englisch-Leistungskurs auf Eins stand, hat man sie oft nicht kapiert. Ich, zum Beispiel, grüble bei Sara bis heute darüber, was Scorpio sphinx in a calico dress heißen soll. Und wo es solche Kleider gibt. Da war ja selten etwas, das sich süffig singen ließ und mit wenigen Akkorden auf der Gitarre zu greifen war - außer vielleicht Blowin' In The Wind. D-G-A-D, D-G-A-D. Oder Tambourine Man. In the jingle jangle morning I'll come following you. Oft stehen seine Fans heute in den Wiesen und bemerken erst nach einer Weile, dass das, was His Bobness gerade näselt, Don't Think Twice It's Allright sein soll. Er variiert halt gern mal. Bono von U2 und Wolfgang Niedecken von BAP wollten immer sein wie er - und auch das ist Bob Dylan egal. Wenn Adele jetzt gerade auf ihren Konzerten Make You Feel My Love singt, kommt kaum ein Mensch drauf, dass das Stück von Dylan ist. Höchstens ein Musikkritiker.

Als Vereinsmitglied seiner Sekte hat man natürlich alle Folgen seiner "Theme Time Radio Hour" gehört. "Dreams, schemes and themes", raunt er da zu Beginn jeder Sendung. "Driiihms, schiiims and thiiiihhms". Es geht um Themen wie "drinking", "mother", "divorce" und "jail". Also um typische Männersachen. Saufen, Mütter, Scheidung, Knast. Er erzählt dort viel, auch von sich. Und am Ende denkt man, man wüsste alles über den Literaturonkel. Dann aber sagt Sylvester Stallone in einem Interview, er habe Bob Dylan neulich in einem Gymnastikstudio boxen sehen. Der Meister boxt! Möglicherweise lacht er manchmal sogar, schlägt sich vor Lachen auf die Schenkel! Vielleicht steht er nachts besoffen in seinem Garten und singt den Mond an! Atemlos durch die Nacht.
Bob Dylan ist verlässlich unverlässlich. Seit mehr als 50 Jahren. Nichts an diesem Mann ist, was es scheint. Ein Wunder. Wenigstens so viel steht fest.