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Debbie Harry "Ich fühle mich sexy und sehr weiblich"


Mit ihrer Band Blondie war Debbie Harry in den 70ern ein Superstar, nun meldet sich die Sängerin mit einem Soloalbum zurück. stern.de erzählt sie vom Wandel der Musikindustrie, der Künstler-Szene in New York - und wie es ist, mit 62 als Sexsymbol zu gelten.

Sie ist eine der großen Stilikonen der Popmusik. Als eine der ersten Künstlerinnen setzte Deborah Harry in den 70er Jahren offensiv ihr Äußeres zur Vermarktung ihrer Musik ein. Schnell avancierte sie zum Sexsymbol ihrer Generation, vielen gilt sie als das Bindeglied zwischen Marilyn Monroe und Madonna, die die Vermarktung ihres Körpers später auf die Spitze trieb. Mit ihrer Band Blondie landete die in New York lebende Sängerin in den 70er Jahren Welthits wie "Denis" oder "Heart of Glass".

Nachdem sich Blondie 1983 vorläufig auflösten, feierte Harry als Solokünstlerin Erfolge, "French Kissin'" wurde 1986 ein großer Hit. Gleichzeitig widmete sich Künstlerin ihrer Schauspielkarriere und spielte unter anderem in David Cronenbergs "Videodrome" sowie in "Hairspray" von Kultregisseur Johnny Waters. 1999 trommelte Debbie Harry noch einmal ihre Blondies zusammen und eroberte mit dem Song "Maria" weltweit die Charts.

Zur Promotion ihres neuen Albums "Necessary Evil" kam Deborah Harry im August dieses Jahres nach Hamburg. Trotz ihrer inzwischen 62 Jahre ist sie noch immer aktiv, am Vortag hatte sie noch ein Konzert in den Niederlanden gegeben. An diesem Tag ist sie von den Strapazen sichtlich gezeichnet und kämpft mit einer Erkältung und Stimmproblemen. Dennoch wirkt sie entspannt und ausgeglichen.

Debbie Harry, Sie waren gerade zwei Monate auf einer Tournee, die sich für Schwulenrechte in den USA stark macht. Gibt es in Ihrem Land keine Politiker, die sich für diese Themen einsetzen?

Nein. Das Land ist momentan sehr konservativ. Es ist schrecklich.

Inwiefern können Sie denn mit Ihren Konzerten etwas bewirken?

Überall, wo Sie aufstehen und ein Problem ins öffentliche Bewusstsein heben, können Sie Ängste bekämpfen. Aber, entschuldigen Sie: Davon habe ich jetzt erst einmal genug.

Okay, dann reden wir über Ihre Musik. Warum haben Sie 14 Jahre gebraucht, um ein neues Soloalbum zu veröffentlichen?

Ich bin sehr langsam.

Hat es damit zu tun, dass Sie das Rauchen aufgegeben haben?

(lacht) Ich weiß es nicht... Nein, ich habe ja zwischendurch wieder Platten mit Blondie gemacht.

Ihr neues Album heißt "Necessary Evil".

Ja, das ist lustig, nicht?

Notwendiges Übel: Hat dieser Titel etwas zu bedeuten oder ist es reiner Spaß?

Nur Spaß, wirklich. Das scheint mir eine gängige Beschreibung zu sein für Beziehungen zwischen Männern und Frauen - oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften.

Die Songs auf Ihrem neuen Album klingen alle verschieden.

Ich habe mich schon immer der modernen Musik zugehörig gefühlt, weil ich aus New York City kam. Es gibt hier so viele musikalische Einflüsse. Mit Blondie haben wir schon damals verschiedene Elemente verknüpft. Ich mag zwar auch Bands wie die Ramones, die ihr Ding durchziehen. Aber das war nie etwas für mich, ich habe immer die Vielfalt geschätzt.

Früher haben Sie ständig neue Trends gesetzt: Blondie gehörte zu den ersten Bands, die Musikvideos produziert haben, mit "Rapture" haben Sie als erste weibliche Sängerin einen Rap-Song in die Top Ten gebracht. Sie haben Reggae in Ihre Songs integriert. Mit Ihrem Image gespielt. Ist es heute schwerer geworden, innovativ zu sein, als es damals in den 70ern war?

Vermutlich ja. Das Internet hat die Welt enger zusammenrücken lassen. Vielleicht kommt aber bald wieder ein ganz neuer Sound, obwohl ich mir jetzt nicht vorstellen kann, was das sein könnte.

Als sich 1999 Blondie wiedervereinigte, schoss die Single "Maria" in 14 Ländern an die Spitze der Charts. Hatte irgendjemand mit diesem Erfolg gerechnet?

Wir hatten es gehofft. Wir wollten nicht zusammenkommen und dann einfach die alten Songs spielen. Wir wollten kreativ sein und neues Material produzieren. Ich wollte in keiner Oldie-Band sein.

Sie hatten ihre ersten Hits in den 70er Jahren. Inwieweit hat sich die Musikindustrie seither verändert?

Die Plattenfirmen sind nicht mehr so stark, wie sie einst waren. Aber als Musikerin und Autorin kümmern mich diese Strukturen nicht sonderlich.

Sind Sie eine andere Person, wenn Sie als die Kunstfigur Blondie auftreten?

Die Menschen stellen gewisse Erwartungen an Blondie. Wenn ich eine Soloplatte aufnehme, dann muss ich mir keine Gedanken über mein Image machen. Mein Soloalbum ist etwas düsterer geraten, nicht so verspielt wie die Musik von Blondie.

In den 70er und 80er Jahren galten Sie als das ultimative Sexsymbol. Gab es Phasen in Ihrer Karriere, in denen das für Sie eine Belastung war?

Nein, das gehört zum Geschäft. Verglichen mit dem, was heute abgeht, kann man das ja wohl nicht als sexy bezeichnen, was ich damals gemacht habe. (lacht) Als ich angefangen habe, gab es die Frauenbewegung, die die sexuelle Ausbeutung von Frauen ins Zentrum gerückt hat. Im Film gab es das schon, aber in der Musik war das ein neues Abenteuer. Es war für mich keine große Sache, mich sexy zu zeigen. Aber es wurde dann groß vermarktet.

Sie haben Frauen ein neues Rollenbild angeboten - intelligent, sebstbewusst und sexy. War Ihnen das auch ein politisches Anliegen?

Es war für mich eher eine Frage des Überlebens, emotionales und mentales Überleben. Glücklicherweise hat mich mein damaliger Partner, Chris Stein, dabei immer unterstützt. Es war normal für uns. Es gab keinen Wettbewerb zwischen uns. Wir haben sehr gut zusammengearbeitet. Die Musikindustrie hat sich an meinem Image damals gestoßen, sie war damals extrem machistisch, rein von Männern dominiert. Es gab damals keine Frauen, die in der Musikindustrie gearbeitet haben.

Fühlen Sie sich noch immer als Sexsymbol?

Ich weiß nicht. Ich fühle mich sexy und sehr weiblich. Aber ob ich sexy bin - das liegt doch im Auge des Betrachters, oder?

Sie sind in den 70er Jahren sehr schnell sehr berühmt geworden, wurden aber trotzdem immer von der Underground-Szene geschätzt. Wie haben Sie diesen Spagat hingekommen?

Wir wollten nie das Produkt einer Plattenfirma sein, wir haben uns immer als Künstler gesehen. Wir hatten immer eine Vision. Von daher wurden wir immer akzeptiert.

Existiert der kreative New Yorker Underground noch?

Ja, er ist immer da, auch wenn man ihn nicht wahrnimmt. Wenn man in den USA kreativ sein will, muss man nach New York oder Los Angeles gehen. New York war immer ein Zentrum für die literarischen Menschen, Schriftsteller und Verleger. Das ist immer noch da, auch wenn es heute schwer ist: Alle Städte der westlichen Welt sind so bürgerlich geworden, so teuer, dass Künstler kaum leben können.

So wie das legendäre "CBGB", wo Sie selbst in den 70er Jahren mit Blondie aufgetreten sind. Der Club musste kürzlich schließen, weil die Miete knapp 20.000 Dollar betragen hat. Eine unglaubliche Summe.

Ja, die wurden bis auf den letzten Dollar ausgequetscht. So ist die ganze Stadt geworden - das ist nicht gut für die Kunst. Und trotzdem geht es immer weiter. Die Leute kämpfen dagegen an. Wenn man um sein Überleben kämpfen muss, macht einen das nur noch starker.

Damals in den 70ern verkehrten Sie in New York mit allen möglichen interessanten Leuten, von Andy Warhol bis Lou Reed. Trauern Sie diesen Tagen noch hinterher?

Ich vermisse diese Zeiten, weil einige von dem Menschen nicht mehr leben. Aber ich bin sehr dankbar, diese Zeiten erlebt zu haben. Außerdem muss es ja immer weitergehen. Man muss neue Erfahrungen machen, neue Leute kennenlernen, weiter Neues beisteuern. Manchmal ist es sehr anstrengend, aber so ist das Leben! Ich habe mich eben dafür entschieden, eine Künstlerin zu werden.

Als Künstlerin sind sie also rastlos, immer auch ein Stück heimatlos?

Ich denke da an einen Künstler wie Picasso, an seine Übergänge und Brüche, seine Lebenskraft und seinen Willen. Man wird älter und will nicht immer wieder kämpfen. Man möchte es einfacher haben. Auch ich habe da inzwischen einen Gang runtergeschaltet.

Nach mehr als 30 Jahren im Musikgeschäft könnten Sie sich doch zur Ruhe setzen und Ihren Garten pflegen, Rosen schneiden...

Das mache ich tatsächlich! Es gibt mir das Gefühl, etwas wert zu sein. Blumen geben mir zu einem gewissen Grad Befriedigung. Aber das allein reicht mir nicht.

Wie lange warden Sie noch weitermachen und durch die Welt touren?

Solange, bis meine Stimme das nicht mehr mitmacht. Aber deshalb übe ich ja schon Gitarre. Vielleicht werde ich da gut genug sein.

Interview: Carsten Heidböhmer

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