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Neues Album Die Beginner kommen endlich nach Hause

Die Beginner
Die Beginner: Denyo, DJ Mad und Eizi Eiz (v. l.) machen seit mehr als 20 Jahren zusammen Musik
© dpa
In den 1990er Jahren feierten Jan Delay und Co. als Absolute Beginner große Erfolge. Nach 13 Jahren Pause steht nun das große Comeback der Beginner vor der Tür. Ihr neues Album trägt den Titel: "Advanced Chemistry".  
Von Judith Liere

Es gibt Bands, an die man ein ganzes Leben lang nostalgisch zurückdenken wird. Weil sie einen in einer Phase begleitet haben, in der gerade alles aufregend und voller emotionaler Umbrüche war. Weil sie einem mit ihrer Musik eine Tür im Kopf aufgeschlossen haben, hinter der sich ein Raum befand, von dem man gar nichts wusste, in dem man sich aber sofort wohlgefühlt hat.

Die Beginner sind so eine Band, jedenfalls für ziemlich viele Menschen, die jetzt zwischen 30 und 40 Jahre alt sind. Für alle, die nicht in diese Gruppe fallen: Die Beginner sind eine Hip-Hop-Band aus Hamburg, die sich in den 1990er Jahren gegründet hat. Am Anfang hießen sie noch "Absolute Beginner", das Adjektiv haben sie 2003 gestrichen. Sie bestehen aus drei Bandmitgliedern: Denyo (bürgerlich Dennis Lisk), DJ Mad (Guido Weiß) und Eizi Eiz (Jan Eißfeldt), der zwischenzeitlich eine sehr erfolgreiche Solokarriere unter dem Namen Jan Delay eingeschoben hat.

Und sie haben einer sehr großen Menge von Menschen den Soundtrack ihrer Jugend und Zitate für die Ewigkeit geliefert. "Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss" ist so ein Satz vom legendären zweiten Album "Bambule", das 1998 erschien, und den seitdem sicher einige Tätowierer in Deutschland auf Rücken und Arme gestochen haben.

"Gymnasiasten-Rap" wurde die Musik, die die Beginner machen, manchmal geschimpft. In den 1990er Jahren war deutscher Hip-Hop halt noch nicht Gangsta und Ghetto. Aber endlich konnte man, anders als beim amerikanischen Rap, die Texte auch in ihrer Finesse verstehen. Etwa im Diss-Track "Geh bitte": "Du hast so viel Stil wie ein Cornetto-Eis/und so viel Plan von coolen Beats wie Abels Bruder heißt". Rhetorische Figuren wie Neologismus, Paronomasie, Malapropismus – wären die Deutschlehrer damals cool gewesen, hätten sie die mit Beginner-Texten erklärt. Deren Lyrics waren teils anspruchsvoller als die Lyrik, die in den Schulbüchern stand. Und sehr viel witziger.

Wenn eine solche Band, die für viele mit einem sehr großen Sack Emotionen und Erinnerungen beladen ist, nach 13 Jahren Pause plötzlich wieder ein Album rausbringt, dann hängen da ganz schön viele Erwartungen dran. Vor allen Dingen, wenn der Hip-Hop, mit dem sie um die Jahrtausendwende so erfolgreich waren, in dieser Form kaum noch existiert. Deutscher Rap ist in der Zwischenzeit Gangsta geworden, raus aus dem Gymnasium, rauf auf die Straße, es geht um Drogen, Bitches, Money, Benz, Knast. Statt jemanden, wie die Beginner 1998, mit "Geh bitte, sag niemand, dass du hier warst" zu dissen, klingt das heute eher so: "Ey Nutte, du sprichst mit dem King, der die Scheine stapelt, Rapper zerfickt und dann ihre Weiber nagelt" (Kollegah).

Als die Beginner vor ein paar Monaten ankündigten, es werde bald ein neues Album geben, war da bei manchen Fans auch ein bisschen Angst. Angst, was die Zeit und auch der neue Hip-Hop mit der Band gemacht haben könnten, ob einem die neue Platte die nostalgische Jugenderinnerung kaputt machen könnte. Und dann kam "Ahnma", die erste Single vom Album "Advanced Chemistry", ein Song mit einem Wumms wie zu "Bambule"-Zeiten, aber mittendrin taucht plötzlich dieser Gzuz auf, ein voll tätowierter Hamburger Straßenrapper mit Knasthistorie, den viele Ü-30-Jährige wahrscheinlich erst mal googeln mussten. Ja, ganz geile Stimme. Aber irgendwie auch ganz schön platt und prollig. Ist das nicht das Gegenteil von Beginner?

Im Interview reagiert Eizi Eiz etwas genervt auf die Diskussion, die auch in den Kommentaren auf der Facebook-Seite der Band geführt wurde. "Gzuz ist für mich erst mal Hamburg und auch Family. Wir sind alle Freunde", sagt er. "Wir machen Musik, und in dem Kontext ist Gzuz’ Stimme einfach ein Instrument.“ Der Straßenrap, für den Gzuz steht, sei kein Gegenpol zu ihnen. "Rap ist erwachsen geworden und gleichzeitig jung geblieben, weil immer wieder neue Zehnjährige dazukommen. Das ist ein breites Spektrum, aus dem sich jeder etwas rauspicken kann, ohne anderen auf die Füße zu treten." Denyo ergänzt, um da bloß keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: "Wenn jemand einen menschenverachtenden Lebensentwurf auf seine Platte spittet und kein Humor dabei ist, sind wir alle raus."

Die Angst der Früher-war-alles-besser-Fans vor dem neuen Album ist übrigens völlig unbegründet, auch wenn Featuring-Gäste wie Gzuz oder Haftbefehl auftreten. Wer den neuen Gangsta-Rap auch mag, freut sich drüber, für alle anderen bleiben noch genug Tracks übrig. Vielleicht müssen diese Gäste auch sein, um nicht den Vorwurf aufkommen zu lassen, man sei irgendwo vor 13 Jahren hängen geblieben.

Advanced Chemistry
Dieses Album treibt jedem Beginner-Fan Tränen des Glücks in die Augen. Auf „Advanced Chemistry“ ist alles drauf, was drauf sein muss: Gute-Laune-Tracks, In-die-Fresse-Tracks, Losalle-tanzen-Tracks, Kopfnicker-Tracks, Hände-in-die-Luft-Tracks, melancholische Katertag-Tracks und so viele geniale Textzeilen und Neologismen („Molotowcocktailkleid“!), dass man für den Rest des Jahres nix anderes mehr hören muss (ab 26. 8.).
© dpa

"Advanced Chemistry" ist ein ganz, ganz großartiges Album geworden, das an "Bambule" anknüpft und sehr viel nostalgischen Rückblick und viele Selbstzitate enthält. DJ Mad findet, dass es trotzdem kein Retro-Album sei: "Da ist viel Attitüde von früher drin, alte Samples, aber auch viele neue Einflüsse. Eine neue Form muss man erst mal entwickeln, ich glaube, das ist uns gelungen."

Und was sind die Beginner jetzt eigentlich für Eizi Eiz, der hier nicht mehr Jan Delay ist? Klare Antwort: "Das ist mein Zuhause. Das andere sind alles Ausflüge."

Und dieses Nachhausekommen fühlt sich auch als Fan verdammt gut an.


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