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Die Böhsen Onkelz: Comeback einer Skandalband

Die Böhsen Onkelz kehren nach neun Jahren auf die Bühne zurück - und 200.000 Menschen wollen dabei sein. Wie eine frühere Skinheadband durch gesellschaftliche Ächtung zum Massenphänomen wurde.

Von Nicolas Büchse und Hannes Roß

Die Böhsen Onkelz

Die Böhsen Onkelz

Am Anfang war die Zahl. 200.000. So viele Menschen werden am kommenden Wochenende die zwei Comeback-Konzerte der Böhsen Onkelz am Hockenheimring besuchen. Neun Jahre nach ihrer Trennung wird die Band wieder auf der Bühne stehen. Ignoriert von einem Großteil der Deutschen sind sie unheimlich groß geworden. Schon vor elf Jahren engagierte ein Konzertveranstalter die Böhsen Onkelz als Vorband, als er in Hannover die Karten für die Rolling Stones nicht loswurde.

Trotzdem haben nicht einmal sie selbst damit rechnen können, dass sie so groß zurückkommen. Die 90.000 Karten für das erste Konzert am Hockenheimring waren innerhalb von 56 Minuten ausverkauft, beim zweiten dauerte es nur 36 Minuten. Es hätten problemlos 500.000 Karten verkauft werden können. 500.000. Die Onkelz haben mehr Mitglieder als SPD oder CDU. Und bei den Onkelz gibt es auch neun Jahre nach der Trennung keine Wechselwähler.

Und das, obwohl Sänger Kevin Russell in der Zwischenzeit im Drogenrausch zwei junge Männer zu Krüppeln fuhr und dann auch noch Fahrerflucht beging. Jede andere Band hätte so eine Geschichte zerstört. Bei den Böhsen Onkelz hat man das schale Gefühl, es macht die Gruppe nur noch anziehender für ihre Millionen von Fans. Der Unfall fügt sich in die Geschichte dieser Band, in der es um Gewalt, Drogen, rechtsradikale Provokation geht, um Schuld und Vergebung. Und um die Frage, wie vier ehemalige Skinheads zu einer zu einer der kommerziell erfolgreichsten deutschsprachigen Rockbands werden konnten.

Die Fans

Die Kneipenterroristen sind eine der erfolgreichsten Böhse-Onkelz-Coverbands. Rund hundert Coverbands touren mit den ewig gleichen Liedern durch die Gasthäuser und Mehrzweckhallen der Republik. Keine andere deutsche Rockband wird so viel auf Bühnen kopiert wie die Böhsen Onkelz. Ihr Publikum ist meist durstig und zornig, viele Handwerker, Arbeiter, prekär Beschäftigte, viel Schichtdienst. Viel Druck von Gesellschaft und Arbeitswelt, der am Wochenende ein Ventil sucht. Mit harten Riffs und harten Texten. Deutschsprachig Songs, die verstanden werden, einfache Harte-Macker-Weisheiten wie "Lieber stehend sterben als kniend leben".

Das wievielte Mal sie heute die Songs der Böhsen Onkelz spielen, wissen die Kneipenterroristen nicht, die sich nach einem gleichnamigen Song der Gruppe nannte. Auf jeden Fall liegen sie bei über 1500 Konzerten. 1500 Mal. Was kann es schöneres geben als ein böser Onkel zu sein. Ja, was eigentlich?

"Es sind die Texte, die machen Mut, geben Kraft. Wenn sich zwei Leute im Onkelz-Shirt treffen, dann grüßen die sich", erklärt Bassist Robert in der Pause. Es sei die Botschaft: Euch geht es so wie uns, die die Band so authentisch wie keine andere Gruppe ausdrücke. Und ihre Fähigkeit, die Schwierigkeiten des Lebens auf gröhlbare Formeln herunter zu brechen.

Die Onkelz sind so etwas wie die Schutzheiligen der Zukurzgekommenen, die Helden aller Underdogs. Auch wenn ihre Bodenständigkeit nur noch Inszenierung ist, sie Millionen verdient haben, Coverbands verklagen, wenn der Schriftzug zu sehr dem ihren ähnelt, und es in der Fanszene längst heißt, dass sich Onkelz-Chef Stephan Weidner Backstage divenhaft teuren Rotwein kredenzen lässt. Das alles beschädigt das Bild der Fans von den Böhsen Onkelz nicht. Als die Gruppe 2008 ihr Abschiedskonzert auf dem Lausitzring gab, knieten tatsächlich 100.000 Fans am Ende der Show nieder. Wie Gläubige bei einer Andacht, nur das bei dieser schwer tätowierte Männer in Lederkutte weinten.

Schon steht Jörn wieder auf der Bühne und dann passiert sie, die so typische Onkelz-Irritation. Ein Kurzgeschorener hangelt sich auf die Bühne, sein Arm schnellt hoch, und für einen Augenblick scheint man Zeuge eines Hitlergrußes geworden zu sein, doch dann sind Mensch und Arm schon wieder unten.

Sänger Jörn sagt nach dem Konzert: "In dem Moment habe ich einen Schreck bekommen: War das jetzt ein Hitlergruß? Ich glaub nicht. Aber man fürchtet immer das Schlimmste bei Konzerten." Jörn erzählt, wie er einmal vor gut zehn Jahren die Bühne bei einem Konzert verließ, um einen Zuhörer "mit steifem rechten Arm" auf die Schnauze zu geben. So ähnlich hätte das auch Onkelz-Bassist Stephan Weidner vor einigen Jahren mit einem Nazi im Publikum gemacht.

Jörn kennt die Onkelz noch aus der Zeit, als sie vor vielen ausgestreckten Armen spielten, und das störte sie nicht. 1985 reiste er zu einem Skinhead-Open-Air bei Lübeck. Drinnen spielten die Onkelz vor 600 Glatzen, Sänger Kevin Russell sprang kahlrasiert auf einem LKW-Anhänger herum und gab dem braunen Mob, was er wollte, grölte: "Deutsche Frauen, deutsches Bier/Schwarz-weiß-rot, wir stehen zu dir!"

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