HOME

Eurovision Song Contest: Nach dem Erfolg von Michael Schulte: Wie die ARD den nächsten ESC-Hit schaffen will

Nach dem sehr guten vierten Platz von Michael Schulte beim ESC im vergangenen Jahr hat die ARD Blut geleckt. Bei der Auswahlshow am Freitagabend gehen daher nur Songs mit dreifachem Gütesiegel an den Start. 
Von Lars Peters

Alle Kandidaten des ESC-Vorentscheids

Aly Ryan, lilly among clouds, BB Thomaz, Gregor Hägele, Makeda, Linus Bruhn und S!sters (Laurita und Carlotta Truman) (v.l.n.r.) treten beim ESC-Vorentscheid an

Ein Tarzan-Boy, verschiedene "The Voice of Germany"-Teilnehmer und interessante Newcomer: Der deutsche Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC), der am Freitagabend in Berlin ausgetragen wird, ist ein Schaulaufen von acht Fast-Stars. Das sagt aber nichts über ihren möglichen internationalen Erfolg aus. Zumindest nichts Negatives. Denn mit demselben umfangreichen Auswahlverfahren, das im letzten Jahr Michael Schulte mit "You Let Me Walk Alone" hervorbrachte und Deutschland den vierten Platz beim ESC in Lissabon sicherte, will die ARD auch diesmal einen Hit landen. Die Chancen dafür sind durchaus gegeben.

Seit Anfang der Woche sind die sechs Einzelkünstler und ein Duo in Berlin-Adlershof versammelt und proben ihre Auftritte. Der größte gemeinsame Nenner der Kandidaten ist ihre Teilnahme an "The Voice of Germany". Mit BB Thomaz (vierter Platz 2017), Gregor Hägele (Halbfinale 2017) und Linus Bruhn (Knockouts 2015) haben gleich drei Künstler über die Castingshow eine gewisse Popularität erreicht. Letzterer hatte sich zuvor bereits als junger Tarzan in der gleichnamigen Musical-Aufführung in Hamburg einen Namen gemacht. Aly Ryan, Lilly Among Clouds, Makeda und das Duo S!sters arbeiten hingegen noch an einer breiteren Bekanntheit. Das spielt jedoch beim ESC keine Rolle. Niemand kannte 2010 Lena Meyer-Landrut. Auch die Israelin Netta, die im letzten Jahr den ESC-Sieg holte, war eine Newcomerin.

ARD hatte zuletzt mit dem nationalen Auswahlprozess für den ESC zu kämpfen

Alle sieben bzw. acht Sternchen wittern daher ihre große Chance. Sie legen sich ins Zeug und bieten den Zuschauern am Freitagabend Auftritte, die im Wesentlichen direkt auf der internationalen ESC-Bühne zum Einsatz kommen könnten, ohne sich schämen zu müssen. Da wird auch dem Auge einiges an Show geboten. Das ist für den deutschen Vorentscheid nicht selbstverständlich und verleiht der Sendung und den Beiträgen zusätzliche Strahlkraft.

Aber natürlich stehen beim ESC die Lieder im Mittelpunkt. Hier hatte die ARD seit dem Rückzug von Stefan Raab aus dem nationalen Auswahlprozess 2013 richtig zu kämpfen. Hinterste Plätze waren eher die Regel als die Ausnahme. Nach einer fünfjährigen Durststrecke wandte man sich an eine Unternehmensberatung, um den Erfolg strategisch herbeizuführen. Das gelang mit Michael Schulte. Daher war es nur logisch, dasselbe Auswahlverfahren in diesem Jahr wieder zu nutzen. In einem mehrstufigen Prozess wurden von internationalen und deutschen ESC-Experten erst Künstler gesichtet, dann Songs geschrieben und anschließend auch diese getestet. Beim Vorentscheid treten somit nur Beiträge an, die quasi sowohl vom TÜV als auch der DEKRA und der Stiftung Warentest dafür das Go bekommen haben.

Keines der Lieder hat deutschen Songtext

Musikalisch erwartet die Zuschauer eine gewisse Vielfalt von Radiopop bis zur großen Ballade. Andererseits ist es klar, dass bei nur sieben Beiträgen und dem Anspruch, international punkten zu können, nicht alle Genres vertreten sind. Rock und Schlager etwa sucht man vergebens. Kritisieren lässt sich auch, dass keins der Lieder auf Deutsch vorgetragen wird.

Die größten Chancen auf den Sieg haben vermutlich die beiden Frauen, die am stärksten polarisieren: Aly Ryan und Lilly Among Clouds. Aly, die eigentlich Alexandra Eigendorf heißt und sich den Künstlernamen in den USA zugelegt hat, schlägt sowohl musikalisch als auch mit ihrem Auftritt auf den großen Gong. Ihr Titel "Wear Your Love" geht nach vorn und ziemlich schnell ins Ohr. Der Auftritt ist farbenfroh, dynamisch und schreit förmlich ESC. Lilly Among Clouds bietet mit ihrem Lied im wahrsten Sinne des Wortes eine "Surprise". Sowohl ihre Stimme als auch die Darbietung sind individuell bis sperrig, faszinieren jedoch und ziehen trotz einer gewissen Düsternis in ihren Bann. Auch so etwas kann beim ESC gut ankommen.

Lena Meyer-Landrut tritt bei ESC-Vorentscheid auf

Verstecken muss sich in jedem Fall keiner der sieben Beiträge. Und womöglich überstrahlen sie auch den ein oder anderen Pausenact. Dafür hat die ARD große Namen aufgefahren: Udo Lindenberg, Andreas Bourani, ESC-Siegerin Lena Meyer-Landrut und Vorjahresvertreter Michael Schulte stellen allesamt neue Lieder vor, für die jedoch nicht abgestimmt werden kann. Dabei sollten sie sich aber ohnehin nicht zu sehr auf ihren Namen und bisherige Erfolge verlassen. Denn ob ihre Titel ebenfalls das dreifache Gütesiegel erhalten hätten, ist nicht ausgemacht. Insofern ist es gut möglich, dass der ein oder andere Zuschauer die Songs der bekannten Stars beim Ausschalten des Fernsehers längst vergessen hat und stattdessen die Melodie eines Newcomers summt. Oder gar die des nächsten ESC-Siegers?

Das Erste und One zeigen die Show live am Freitag, 22. Februar, um 20.15 Uhr. Moderatorinnen sind Barbara Schöneberger und Linda Zervakis, Peter Urban kommentiert.

ESC 2018