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Analyse

Eurovision Song Contest: Echte Gefühle statt Fast-Food-Musik - warum Salvador Sobral triumphierte

Salvador Sobral aus Portugal ist der große Sieger des ESC 2017. Mit seiner herzzerreißenden Ballade "Amar Pelos Dois" verzauberte er Jurys und Zuschauer. Europa scheint sich nach Liebe und Harmonie zu sehnen.

ESC-Gewinner Salvador Sobral

Ungläubiger Sieger: ESC-Gewinner Salvador Sobral kann sein Glück nicht fassen

Was für ein Sieg. Ungläubig schaut Salvador Sobral in die Kamera. Es ist 0.34 Uhr in der Kiewer ESC-Arena und der erwartete Zweikampf zwischen Italien und Portugal ist ausgeblieben. Francesco Gabbani war längst geschlagen, musste sich mit einem sechsten Platz zufrieden geben. Stattdessen machten Bulgarien und Portugal den Sieg beim Eurovision Song Contest 2017 unter sich aus.

"Portugal, Portugal, Portugal" skandieren die portugiesischen Fans in der Halle, als die Entscheidung kurz bevorsteht. Sobral sollte sie von einer jahrzehntelangen Erfolglosigkeit erlösen. Seit 1964 nimmt das Land am ESC teil, noch nie hatte es gewonnen. Jetzt war der Sieg greifbar nah. Dann die Verkündung. Bulgarien Zweiter. Der Sieger heißt Portugal. Sobral reißt die Augen weit auf, fällt seiner Schwester Luisa in die Arme. Er hat es tatsächlich geschafft und mit seinem Liebeslied "Amar Pelos Dois" ganz Europa verzaubert.

Liebeslied siegt beim ESC über Italopop

Portugal gewinnt mit 758 Punkten vor Bulgariens Kristian Kostov (615 Punkten) den Eurovision Song Contest 2017. Dritter wurde überraschend Moldawien mit Sunstroke Project. Italien hingegen landete abgeschlagen mit nur 334 Punkten auf dem sechsten Rang. Dabei hatte es wochenlang nach einem klaren Sieg für Francesco Gabbani ausgesehen. Bei Buchmachern und Fans lag sein Italopop-Hit "Occidentali's Karma" mit großem Abstand in Führung. Nachdem Jamala im vergangenen Jahr mit der politischen Ballade "1944" gewonnen hatte, sollte es 2017 doch bitte wieder ein fröhlicher Song zum Mittanzen werden. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen ließen sich Anrufer und Jurys von einem herzzerreißenden Liebeslied verzaubern.

Wenn Sobral singt, taucht er in eine andere Welt ein. Auch am Samstagabend. Sein Auftritt ein Kontrast zu den oft überladenen Shows der Konkurrenz. Keine Windmaschine, keine Pyrotechnik, nichts lenkte von ihm ab. Der 27-jährige Lissabonner stand alleine, nur von einem Scheinwerfer angestrahlt, auf der Bühne und hauchte sein Liebeslied "Amar Pelos Dois" (Liebe für zwei) ins Mikrofon. Charismatisch. Einfühlsam. Zauberhaft. Dazu seine Körpersprache: Sobral verdrehte die Augen, riss reflexartig die Schulter hin und her und rollte mit dem Kopf. Verstörend wirkte das. Aber einzigartig.  

Salvador Sobral lässt sich nicht verbiegen

Überhaupt ist Sobral einer, der sich nicht verbiegen lässt. Er lieferte in Kiew das Gegenprogramm zur Musikmaschinerie ESC, nicht nur gesanglich. Grüblerisch und zurückhaltend erlebten ihn die Fans und Journalisten in Kiew. Bei einer Pressekonferenz trug der Sänger ein T-Shirt mit der Aufschrift "S.O.S. Refugees". Politisches Statement statt Designer-Jacke.

Auch auf der Kiewer Bühne zeigte er klare Kante. "Wir leben in einer Welt völlig austauschbarer Musik - Fast-Food-Musik ohne jeden Inhalt", sagte Sobral nach seinem Sieg in die Kameras. Eine Kritik auch an diesem Contest, in dem gejodelt und spektakelt wurde. "Musik ist Gefühl. Lasst uns versuchen, etwas zu ändern und die Musik zurückzubringen. Das ist das Entscheidende" erklärte er. Elitär? Vielleicht. Doch Sobral, der einer portugiesischen Adelsfamilie entstammt, eckt gerne an. Er polarisiert. Und damit gewann er diesen Wettbewerb.

Woran Italien gescheitert ist? In Kiew verbreitete Sänger Francesco Gabbani stets gute Laune, war in Interviews für jeden Spaß zu haben. Doch der Strahlemann zeigte Nerven. Im Finale wirkte er ausgelaugt. Seine Coolness, sein Charme - sie waren wie weggeblasen. Der Funke mochte bei seinem Gute-Laune-Song "Occidentali's Karma" nicht so recht überspringen. Gabbani strahlte nicht. Klarer Fall von überperformt.

Der Eurovision Song Contest findet 2017 also in Portugal statt. Zum ersten Mal in der Geschichte des ESC. Und vielleicht rücken damit auch die politischen Diskussionen, die Eklats um Russland und die Ukraine, in den Hintergrund. Europa scheint sich nach Harmonie zu sehnen. Es könnte am Tajo tatsächlich nur um die Musik gehen. Obrigado, Salvador Sobral.

Levina