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Eurovision Song Contest: ESC-Prognose: Siegt Italien und wird Deutschland wieder Letzter?

Zwei Mal hat Italien den Eurovision Song Contest bereits gewonnen. In diesem Jahr könnte ein dritter Sieg dazu kommen: Francesco Gabbani gilt mit "Occidentali's Karma" als großer Favorit. Doch gleich mehrere Länder könnten ihm noch gefährlich werden.

ESC-Finale mit Levina

Mit den Favoriten beim Eurovision Song Contest ist das so eine Sache: Frankreich lag in den Prognosen 2011 haushoch vorne - und landete im Finale abgeschlagen auf Rang 15. 2014 sah Armenien wie der sichere Sieger aus und wurde dann von einer bärtigen Lady aus Österreich geschlagen. Doch es geht auch anders: Loreen wurde 2012 mit "Euphoria" ihrer Siegerrolle ebenso gerecht wie im Jahr danach Emmelie de Forest aus Dänemark.

In diesem Jahr hat der ESC wieder einen haushohen Favoriten: Francesco Gabbani aus Italien liegt in den Wettbüros und in den Prognosen der Fans vorne. Viele halten seinen Sieg heute Abend in Kiew für eine klare Sache. Doch seit dem ersten Semifinale hat Portugal aufgeholt und Italien in den Prognosen vom Samstag sogar überholt. Es wird spannend. Schweden, Bulgarien und Armenien singen ebenfalls um den Sieg mit. Das sind die Favoriten für Kiew:

1. Italien - Francesco Gabbani mit "Occidentali's Karma"

Der Sänger ein gutaussehender Charmebolzen, der Song eine originelle Kritik auf den westlichen Lebensstil, die Bühnenshow eine witzige Idee: Zu Recht gilt Francesco Gabbani als Favorit für Kiew. Der Italiener bringt alles mit, was einen Sieger ausmacht. Sein auf Italienisch gesungenes "Occidentali's Karma" (Das Karma des Westens) klingt beim ersten Hören zwar wie viele Italo-Pop-Songs: ein bisschen Eros Ramazzotti, ein wenig Adriano Celentano. Doch anders als bei den berühmten Vorbildern singt Gabbani keine Liebesschnulze, sondern beschäftigt sich im Songtext mit der Sehnsucht von gestressten Westeuropäern auf Erleuchtung. Die augenzwinkernde Kritik kommt ohne Pyroshow und Schnicknack aus, lediglich einen Mann im Gorillakostüm bringt der 34-Jährige mit auf die Bühne nach Kiew. Klingt albern, ist in der Inszenierung aber perfekt. Wozu Hologramme, wenn auch ein Karnevalskostüm geht? Diese Reduzierung der Italiener gewinnt keinen Technikpreis, aber Herzen. Spätestens wenn Gabbani im Refrain sein "Namaste" in die Menge ruft, springt der Funke über. Mitreißend und witzig - so könnte Italiens dritter ESC-Sieg aussehen.

2. Portugal - Salvador Sobral mit "Amar Pelos Dois"

Ein trauriger und belangloser Fado-Song - so könnte das vernichtende Urteil nach den ersten Klängen von "Amar Pelos Dois" lauten. Doch der auf Portugiesisch gesungene Titel entpuppt sich als Meisterwerk: ein poetisches Liebeslied über eine nicht erwiderte Liebe, authentisch vorgetragen von einem einzigartigen Sänger. Salvador Sobral sieht aus wie ein Nerd: Man-Bun-Frisur, viel zu großes Sakko, pickliges Gesicht. Doch er trägt "Amar Pelos Dois" (Liebe für zwei) so zerbrechlich und authentisch vor, als ob er sich jeden Abend vor Liebeskummer ins Bett weinen würde. Ein wohltuend entschleunigter Song mit vielen Emotionen, der ohne Showeffekte auskommt. Polarisierend und faszinierend.

3. Schweden - Robin Bengtsson mit "I Can't Go On"

Kein Land schnitt beim ESC in den vergangenen fünf Jahren so gut ab wie Schweden: zwei Siege, ein dritter und ein fünfter Platz lautet die Erfolgsbilanz. In diesem Jahr könnte eine weitere Topplatzierung dazu kommen. Mit "I Can't Go On" schicken die Skandinavier typischen Schwedenpop nach Kiew. Ein solider Mainstreamtitel mit eingängigem Refrain. Singen wird ihn der 27-jährige Robin Bengtsson der aussieht, als hätte er eben noch für Anzüge gemodelt. Ein smarter und gutaussehender Typ, dem es allerdings ein wenig an Charisma mangelt. Durchgestylt wirkt auch die Choreographie, bei der Bengtsson mit seinen Begleitern auf Laufbändern tanz. Eine geniale Idee, perfekt inszeniert. Vielleicht ein bisschen zu perfekt, um es ganz nach oben zu schaffen.

4. Bulgarien - Kristian Kostov mit "Beautiful Mess"

Er ist der jüngste Teilnehmer im Wettbewerb: Der 17-jährige Kristian Kostov könnte der Überraschungssieger des diesjährigen ESC sein. Seine Ballade "Beautiful Mess" wird bei britischen Buchmachern auf Platz zwei gehandelt. Der Song aus schwedisch-bulgarischer Feder klingt düster und geheimnisvoll. Dank verschiedener Ethno-Elemente - unter anderem kommt das bulgarische Streichinstrument Gadulka zum Einsatz - sticht er wohltuend aus dem sonstigen Balladenbrei heraus. Bei den ersten Proben in Kiew wirkte der Bengel mit der Zahnlücke allerdings etwas verloren auf der Bühne. Doch mit einer Portion Welpenschutz könnte der Kleine für eine große Überraschung sorgen.

5. Armenien - Artsvik mit "Fly With Me"

Der Song beginnt mit einem Flüstern - und endet mit einer Explosion: Der armenische Beitrag "Fly With Me" mischt verschiedene Stilelemente. Electropop trifft auf orientalische Klänge, vorgetragen von einer Sängerin, die wie die bezaubernde Jeannie daher kommt. Artsvik verkörpert den Zauber aus tausend und einer Nacht. Die 32-Jährige wurde in ihrer Heimat durch die Casting-Show "The Voice" bekannt und beeindruckte mit einer imposanten Live-Stimme. Mit ihr macht sich Armenien nach vielen guten Platzierungen in den vergangenen Jahren Hoffnungen auf einen Sieg. Das Lied ist interessant und sticht heraus - und das liegt nicht nur an Artsvik Hochsteckfrisur.

Und wo landet Deutschland?

Viele halten einen traurigen Rekord für möglich: Deutschland könnte nach 2015 und 2016 erneut auf dem letzten Platz landen. Drei Jahre in Folge - das gab es beim ESC noch nie. Doch Levina hat sich in Kiew gut präsentiert, sie strahlte bei den Proben. Auch die Inszenierung ist stimmig. Ihr Auftritt beginnt mit einer spektakulären Kamerafahrt. Einzig das Lied "Perfect Life" vermag nicht so recht zu zünden. Levina wird zittern müssen. Einen letzten Platz aber, den hätte sie nicht verdient.

ESC-Finale mit Levina