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"Unser Star für Oslo": Weinkrampf, Wasserwerfer, Westerwelle-Bashing

Eine Geschlechterverteilung, von der "DSDS" nur träumen kann: Sieben Frauen und drei Männer - so sah das Teilnehmerfeld der dritten Ausgabe von Raabs Talentsuche in Sachen Grand Prix aus. Dabei glänzte die Jury als heimlicher Star.

Von Ingo Scheel

Die jeweils besten Fünf der ersten beiden Sendungen hatten sich versammelt und diesmal durfte sich der geneigte Euro-Anhänger auf ein multiples Wiedersehen freuen: Mit Leon, dem schwarzen Grönemeyer, mit Kerstin "Timoschenko" Freking, mit dem schicken Cyril, Sharyhan mit dem Pony und Lena mit der Meise unter selbigem. In der Jury diesmal: Nena, die mit jedem weiteren Lebensjahr mehr an den kuriosen Fall des Benjamin Button gemahnt, an ihrer Seite Boris, das Brot mit dem Hutgesicht: Rapper "König Boris" von der Hamburger Formation Fettes Brot. Komplettiert wurde die Jury traditionell vom Mann, der "Dschinghis Khan das Reiten und Singen beigebracht", Stefan Raab. Der Meister selbst, wie gewohnt, ununterbrochen schlürfend, als wäre das Leben eine einzige Weinprobe.

Lena sang schön schräg

Stichwort Weinprobe - Boris, dem seine "Casting-Entjungferung" am Ende gar nicht wehtat, machte einen sympathisch beschwingten Eindruck und konterkarierte so den Gestus seiner Vorgänger Westernhagen und Maffay, die in den ersten beiden Ausgaben von "Unser Star für Oslo" so moderat Urteil gesprochen hatten. Nun bashte Boris beileibe auch keinen Kandidaten, im Gegenteil, der Mann aus Pinneberg war des Lobes voll für das Gesehene und Gehörte. Seine Exkurse bei der Einschätzung der Darbietungen jedoch entpuppten sich als Freestyle, der den Kollegen der ARD, in Erwartung der nahenden Casting-Karawane in wenigen Wochen, den Kitt aus der Brille gedrückt haben dürfte: Da wurde über Tüchercodes der kalifornischen Schwulenszene diskutiert, zum Aufpeppen von Songdarbietungen Arschbomben-Vollzug und Crack-Rauchen empfohlen und selbst der Außenminister war nicht gefeit vor Herrn B. aus H.: "Westerwelle ruiniert das Land, du biegst es in Oslo wieder grade" befand er über den Vortrag des Darlings der ersten Sendung, der 18-jährigen Lena Meyer-Landrut aus Hannover. Die hatte am Morgen noch Englisch-Abiklausur geschrieben, am Abend sang sie so schräg, dass Björk die Knötchen im Zopf von allein aufgegangen wären.

Nena lobte und liebte

Während also aus Boris' Sicht durch die Bank "geil abgeliefert" wurde, lagen derlei irdische Einschätzungen Nena fern: Die freute sich einfach, wenn die Kandidaten sich freuten. Die fühlte genau, wie es sich anfühlt, wenn man sich so richtig bei sich selbst fühlt. Nena lobte und liebte, schwärmte und vor allem: spürte ganz stark, ganz viel. Irgendwann dann auch zunehmend den Spott ihres Beisitzers Raab, der bislang vermisstes Beef heraufbeschwor und Nenas Haarschnitt, ihre Hörbücher vom Dalai Lama und noch so einiges verspöttelte, bis die Grande Dame aus Hagen Nerven zeigte und ein Glas Wasser nach ihm warf. Im Lehrer-Kollegium der Neuen Schule Hamburg dürfte man sich gefreut haben, dass genau in diesem Moment keine Kamera drauf war und man nur mit dem Ohr erahnen konnte, wie Nena vom Pfad der Erleuchtung abkam.

Meri musste Tränen vergießen

So schillernd das Zusammenspiel der Juroren, so unterhaltsam auch das Programm der Oslo-Optimisten: Bewährtes von Robbie Williams und Alicia Keys, Exotisches von My Chemical Romance und Daniel Merriweather, von Sharyhan gar eine Eigenkomposition. Darüber hinaus wieder einmal die Erkenntnis: Wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluß vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, dann wird irgendwo auf der Welt immer noch ein Castingkandidat "Like the Way I do" von Melissa Etheridge singen. Diesmal übernahm Energiebündel Jennifer den Job, die sich damit ebenso in die nächste Runde sang wie Cyril, der auch ohne Gitarre überzeugte und Leon, der Silbermond nach Jan Delay klingen ließ. "Not Ready to Make Nice" von den Dixie Chicks brachte Kerstin eine Runde weiter, Katrin verließ sich auf Duffy, Sharyhan auf ihren eigenen Song und Lena war eben Lena und damit eh' weiter.

Tränen flossen am Ende bei Meri, die nach dem armenischen Vorentscheid 2007 nun auch am deutschen Pendant scheiterte. Kaum zu trösten war Straßenmusikerin Maria-Lisa, die sich und ihrem entzündeten Kehlkopf mit My Chemical Romances "Helena" dann doch zuviel zugemutet hatte. Mit den acht glücklichen Gewinnern gibt es in der nächsten Sendung ein Wiedersehen. Hätte es eine Call-In-Telefonnummer dafür gegeben - auch die komplette Jury wäre diesmal eine Runde weitergekommen.