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Eurovision Song Contest: Dank Österreich reicht's für den Sieg

Aus Österreich können dieses Jahr keine Null Punkte kommen - die Ösis sind nicht dabei. Darum könnte es für "Texas Lightning" sogar zum Sieg reichen - meint stern.de-Redakteur Jens Maier.

Okay liebe Nachbarn, die meisten von euch mögen uns nicht sonderlich, ich weiß. Selbst unsere deutsch sprechenden Freunde, die Österreicher, geben uns beim Grand Prix nur ungern mehr als ein oder zwei Pünktchen, meistens sogar gar keine. Doch in diesem Jahr dürfen die Ösis nicht mit abstimmen. Das ist unsere Chance. Deshalb, liebe Franzosen, Belgier, Holländer, Schweizer, Briten, Dänen und Polen, vergesst jetzt mal die Konkurrenz um Liegen auf Mallorca, den Neid auf unsere Autos und den Horror im Zweiten Weltkrieg und ruft für uns an. Für uns und unseren Song "No No Never". Denn dieses Lied und "Texas Lightning" müsst ihr einfach lieben. Warum werdet ihr fragen. Ich verrat's euch!

1. Das Lied ist echt gut

Bitte verzeiht uns die Blamage aus dem letzten Jahr. "Gracia" war wirklich peinlich. Dieses Mal haben wir alles besser gemacht: Weder Dieter Bohlen noch Ralph Siegel noch irgendein Gewinner von "Deutschland sucht den Superstar" haben wir nach Athen geschickt, sondern echte Profis. Die Sängerin und Autorin von "No No Never", Jane Comerford, hat an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater die Fächer Gesang, Performance, Songwriting und Bandcoaching unterrichtet. Mit Oli Dittrich am schlichten, kleinen Trommelset, Uwe "Friendly" Frenzel am Kontrabass, Gitarrist Jon Flemming Olsen sowie Markus "Fastfinger" Schmidt an Gitarre und Banjo bringt sie gestandene Musiker mit auf die Bühne. Der Country-Song hat in Deutschland bereits die Charts gestürmt, wir bringen eine echte Nummer eins mit nach Athen. Ja stimmt, Max Mutzke mit "Can't wait until tonight" war auch eine Nummer eins. Aber dieses Mal hat unsere Interpretin keine zusammengewachsenen Augenbrauen. Und liebe Engländer, Jane Comerford ist Australierin und somit ja so quasi Engländerin. Reicht das nicht, um uns 12 Punkte zu geben?

2. Zusammenhalt gegen die Übermacht aus Süd-Osteuropa

Ganze 18 Jahre (achtzehn!) ist es her, dass ein Lied aus Mitteleuropa den Grand Prix für sich entschied: 1988 trällerte sich Celine Dion mit "Ne partez pas sans moi" für die Schweiz auf Platz 1. In den 90er Jahren gab es immerhin noch ein paar Gewinner aus Großbritannien, Irland und Skandinavien - seit der Jahrtausendwende ist es damit auch vorbei. Der ehemalige Ostblock und Südeuropa dominieren den Eurovision Song Contest. Aller Feindseligkeiten zum Trotz, sind diese Länder sich nämlich nicht zu schade, dem direkten Nachbarn die volle Punktzahl zu geben. Lettland stimmt für Estland und Litauen, Estland für Lettland und Litauen und Litauen für Lettland und Estland. Das ähnliche Prinzip funktioniert auch unter den Skandinaviern Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark, den ehemaligen Sowjet-Republiken Russland, Ukraine, Weißrussland und Armenien und den Balkan-Staaten Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegovina und Mazedonien. Dieser Stimmen-Übermacht haben wir Mitteleuropäer kaum etwas entgegen zu setzen, denn jedes Land hat die gleiche Anzahl an Stimmen, egal wie viele Einwohner es hat. Da hilft nur eines, ihr Belgier, Franzosen, Schweizer und Holländer: Stimmt für uns!

3. Wir haben den Sieg verdient

Mit vier zweiten Plätzen und fünf dritten Plätzen hat Deutschland den Sieg oftmals um nur wenige Punkte verfehlt: Ob Wind, Katja Ebstein, Lena Valeitis, Mary Roos, Mekado oder Sürpriz - sie alle hätten den Sieg verdient gehabt. Und dann das Skandal-Voting von Joy Fleming. Bis heute ist "Ein Lied kann eine Brücke sein" der Kulthit des Grand Prix. 1975 in Stockholm hat sie damit nur Platz 17 belegt - bis heute die größte Ungerechtigkeit des Wettbewerbs. Und ausgerechnet "Nicole" mit "Ein bisschen Frieden", die größte Siegel-Schnulze aller Zeiten, ist unser einziger Sieg in 50 Jahren Grand-Prix-Geschichte. Helft uns, diese Schmach zu tilgen!

Und für alle, die jetzt immer noch nicht überzeugt sind: In diesem Jahr haben wir euch Thomas Anders erspart. Aber vielleicht will er 2007 ja wieder antreten.

Jens Maier