HOME

Stern Logo Eurovision Song Contest

Eurovision Song Contest: Neue Regeln gegen die "Ostblockmafia"

Von Schiebung und "Ostblockmafia" war die Rede: Nach dem verheerenden Abschneiden der Westeuropäer beim Grand Prix 2007 sind die Regeln dieses Jahr geändert worden. Sympathie-Wertungen sollen verhindert werden. Ob das klappt, ist allerdings fraglich.

Von Jens Maier

Das Geschrei im vergangenen Jahr war groß: Kein westliches Land konnte sich im Halbfinale von Helsinki durchsetzen, im Finale gewann dann auch noch eine Serbin. Von "Ostblock- " oder "Balkanmafia" war deshalb die Rede und davon, dass der Osten sich die Stimmen gegenseitig zuschustern würde. Der Hauptvorwurf: Die Stimmen würden nicht aufgrund der Güte eines Liedes, sondern aufgrund von Sympathien für die einzelnen Länder verteilt.

Dass der serbische Siegertitel "Molitva" wegen der osteuropäischen Punktwertungen gewann, hat sich zwar als falsch erwiesen - Marija Serifovic hätten auch die Punkten aus West- und Mitteleuropa zum Sieg gereicht-, doch da war das Lauffeuer schon entfacht. Die Empörung war besonders bei den Ländern mit wenigen Punkten groß: Großbritannien erreichte nur 19 Punkte, davon übrigens zwölf aus dem ehemaligen Ostblockstaat Litauen, die anderen sieben kamen aus Island; Frankreich, ebenfalls 19 Punkte, davon elf aus dem Osten; Spanien mit 43 Punkten und Deutschland mit immerhin 49 Punkten. Zum Vergleich: Die Siegerin Serifovic erhielt ganze 249 Punkte.

Qualität der Lieder fraglich

Lauthals wurde eine Regeländerung verlangt. Ob die schlechte Bewertung vielleicht mit der Qualität der Lieder zu tun haben könnte - England ließ beispielsweise vier als Flugbegleiter verkleidete, stimmlich wenig begabte Interpreten über die Bühne hüpfen-, wurde nicht hinterfragt. Schließlich handelte es sich bei den Kritiker-Nationen um die "Big Four", die größten Geldgeber des Wettbewerbs. Die European Broadcasting Union (EBU) hat deshalb die Regeln für den Wettbewerb 2008 angepasst.

Erstmals finden zwei Halbfinals statt, mit je 19 Teilnehmern. Über die Reihenfolge und die Zuordnung zu welchem Halbfinale hat das Los entschieden. Neun der 19 Kandidaten bekommen aufgrund des Televotings einen Platz im Finale. Aber dieses Mal haben nur die Teilnehmer des jeweiligen Finals das Recht, für die jeweils anderen Teilnehmer abzustimmen. Beispiel: Russland, das im ersten Halbfinale dabei ist, darf für Griechenland voten, das ebenfalls im ersten Halbfinale gesetzt ist. Russland darf aber nicht für Weißrussland abstimmen, das erst im zweiten Halbfinale dran ist.

Alles klar? Dann wird es jetzt noch verwirrender. Die vier Länder Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien müssen sich als größte Geldgeber der Veranstaltung keinem Halbfinale stellen, sondern sind gesetzt. Ebenso ist es beim Gastgeberland Serbien. Damit die Zuschauer dieser Länder trotzdem im Halbfinale abstimmen dürfen, werden sie einem der beiden Finals zugelost. Deutsche und Spanier stimmen in der ersten Runde ab, die Zuschauer der anderen drei Nationen in der zweiten.

Zusätzlich wird es eine "Back-up-Jury" geben, die aus jedem Halbfinale einen weiteren Kandidaten ins Finale schicken darf, der es aufgrund des Abstimmungsergebnisses nicht geschafft hätte. Somit kommen aus jedem Halbfinale zehn Teilnehmer in die Endrunde, plus die fünf gesetzten Kandidaten, aus 43 Bewerbern bleiben also 25 Starter.

Im Finale stimmen wieder alle ab

Vor der letzten Konsequent hat die EBU allerdings zurückgeschreckt: Die Beschränkung der Stimmabgabe bezieht sich nicht aufs Finale. Am Samstag dürfen alle 45 Nationen für ihren Favoriten anrufen, egal, ob sie im Halbfinale dabei waren oder nicht. Ob sich die neuen Regeln bewähren, wird sich also am Dienstag und Donnerstag zeigen, wenn die beiden Halbfinals stattfinden.

Insbesondere die Wahl der "Back-up-Jury" könnte Anlass zur Kritik sein. Zuschauervotings mögen zwar nicht immer fair, aber dennoch transparent sein, was man von Jury-Entscheidungen nicht behaupten kann. Auch ist unklar, wie sich die neuen Regeln auf die Einschaltquoten auswirken. Der NDR zum Beispiel wird nur das erste Halbfinale live ausstrahlen, in dem Deutschland auch abstimmen darf. Die zweite Runde hat einen undankbaren Sendeplatz Freitag früh um 0.45 Uhr erhalten.

Spannend wird es übrigens für den zweiten Halbfinal-Teilnehmer Türkei. Seit der Einführung des Zuschauervotings sind stets zehn oder zwölf Punkte aus Deutschland an den Bosporus gegangen. Am Donnerstag wird es erstmals null geben, denn Deutschland wird nicht abstimmen dürfen.