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Eurovision Song Contest: Ralph Siegel, die Spaßbremse

Lena Meyer-Landrut hat den Eurovision Song Contest gewonnen, und ganz Deutschland freut sich mit ihr. Ganz Deutschland? Nein, ein Mann macht da nicht mit und betont eifersüchtig seine 28 Jahre zurückliegenden Verdienste: Ralph Siegel.

Von Carsten Heidböhmer

"Von Titelnachfolger kann keine Rede sein": Ralph Siegel mag sich über Lenas Sieg nicht recht mitfreuen

"Von Titelnachfolger kann keine Rede sein": Ralph Siegel mag sich über Lenas Sieg nicht recht mitfreuen

Wenn ein von Euro- und Finanzkrise geschütteltes Land in einem verregneten Mai endlich mal ein Erfolgserlebnis zu verzeichnen hat, ist das eigentlich ein Grund zum Jubeln. Und so hat Lena Meyer-Landrut mit dem ersten deutschen Grand-Prix-Sieg seit 28 Jahren die Nation in einen gewaltigen Freudentaumel versetzt. Kaum jemand kann sich der kollektiven Euphorie entziehen. Von "Bild"-Zeitung bis "FAZ" schreiben alle Zeitungen Lobeshymnen auf die 19-Jährige. Doch es gibt einen Mann, der da nicht mitmacht: Ralph Siegel, Komponist von "Ein bisschen Frieden". Mit diesem Titel konnte Nicole 1982 als bis dahin einzige Deutsche den Grand Prix gewinnen.

Ihm geht die "Lenamanie" schon seit längerem auf den Geist. In einem Interview mit dem "Süddeutsche Zeitung Magazin" warf er Lena "Dilettantismus" vor, sie treffe nur selten einen Ton. Um beim Grand Prix erfolgreich zu sein, müsse man etwas machen, "was exorbitant gut ist". Das Lied müsse ans Herz und an die Seele gehen und das Publikum einfach treffen. Diese Qualitäten konnte der 64-Jährige bei Lena und ihrem Song "Satellite" nicht ausmachen. Stefan Raab warf er gar vor, ihm sei der Grand Prix komplett egal.

Raab löste Siegel ab

Dass Siegel so scharf gegen Raab schoss, hat eine Vorgeschichte. Bis 1998 war Ralph Siegel Deutschlands unangefochtener Grand-Prix-König. Insgesamt 17 Mal ging er zwischen 1974 und 2003 für sein Heimatland an den Start. Doch dann stieg 1998 Stefan Raab in den Grand-Prix-Zirkus ein. Mehrmals musste sich Siegel dem Kölner Entertainer im Vorentscheid geschlagen geben und mit ansehen, wie Raab beim Song Contest vorzügliche Platzierungen einfuhr. Siegel dagegen wollte seit dem Erscheinen von Raab auf der Bildfläche nicht mehr viel gelingen: 2002 landete er mit Corinna May abgeschlagen auf dem 21. Platz, 2003 kam er mit Lou auf Platz zwölf, danach versuchte er sein Glück mit anderen Ländern, Malta und der Schweiz. Erfolg wollte sich nicht mehr einstellen. Der Tiefpunkt war 2009 erreicht, als er mit Montenegro bereits im Halbfinale ausschied.

Parallel dazu eilte Raab von Erfolg zu Erfolg. Die von ihm produzierten Künstler Guildo Horn und Max Mutzke landeten 1998 und 2004 auf den Plätzen sieben und acht, bei seiner eigenen Teilnahme 2000 erreichte Raab sogar Rang fünf. Doch so lange Raab den Wettbewerb nicht gewinnen konnte, war die Welt für Siegel in Ordnung. Er sonnte sich in dem Wissen, Deutschlands einziger Grand-Prix-Sieger zu sein und vertrat diese Tatsache mit einer gehörigen Portion Arroganz.

Siegel sieht sich als einzigen Sieger

Man sollte denken, dass Lena Meyer-Landruts Erfolg daran nun etwas ändert. Doch weit gefehlt: Der Münchner besteht darauf, der einzige deutsche Grand-Prix-Sieger zu sein. In einer Mail an stern.de stellte er zwar fest: "Selbstverständlich freue ich mich über den grandiosen Sieg von Lena in Oslo". Gleichzeitig betont er aber, "dass Ralph Siegel noch immer der einzige deutsche Komponist ist und bleibt, der den ESC je gewonnen hat. 'Satellite' ist ein dänisch-amerikanischer Song und kommt nicht aus Deutschland. Von Titelnachfolger kann also keine Rede sein", so Siegel.

Ist das die typisch deutsche Art, Erfolge immer zu zerreden? Es scheint sich hier wohl eher die neidzerfressene Fratze eines Mannes zu zeigen, der sich ohne Zweifel große Verdienste erworben hat, aber nicht wahrhaben will, dass seine Zeit schon lange vorbei ist.

Die Jubelstimmung um den deutschen Erfolg in Oslo wird er damit nicht trüben. Eher schon weckt er Mitleid für seine Unfähigkeit, seinen Erfolg nun mit jemand anderem teilen zu können.