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Eurovision Song Contest: Russlands teurer Sieg

Dima Bilan heißt der Gewinner des 53. Eurovision Song Contests. Damit geht der Sieg zum ersten Mal nach Russland. Das Geheimnis des Erfolgs: ein guter Song und Millionenbeträge. Die No Angels landeten leider abgeschlagen auf dem letzten Platz - zum Glück nicht alleine.

Von Jens Maier, Belgrad

Nach der 39. Wertung stand das Ergebnis des diesjährigen Eurovision Song Contests fest: Russland lag uneinholbar vorne und konnte damit bereits vier Punktevergaben vor Schluss den Sieg feiern. Zuvor hatte sich Gewinner Dima Bilan einen spannenden Zweikampf mit Ani Lorak aus der Ukraine geliefert. Am Ende lag der Russe aber deutlich, mit 272 zu 230 Punkten, vorne. Es ist der erste Triumph für Russland, das vor 14 Jahren sein Debüt beim Grand Prix feierte.

Bilan ist ein alter Bekannter im Grand-Prix-Geschäft. 2005 in Athen nahm er schon einmal teil und scheiterte nur knapp an den finnischen Rockern "Lordi". In Belgrad überließ er nichts dem Zufall, um zu gewinnen. Sein Titel "Believe", den er selbst komponiert hat, wurde in amerikanischen Studios des Produzenten Timbaland abgemischt, seinen Geiger stattete er mit einer echten Stradivari aus, die angeblich 300.000 Euro wert sein soll und obendrein engagierte er den Eiskunstläufer Eugeni Pluschenko für seine Bühnenshow. Alles in allem soll Bilan über 10 Millionen Euro in seinen Auftritt investiert haben.

Bei Pressekonferenzen überheblich

Der war ohne Zweifel perfekt. Barfuß lag der 27-Jährige zu Beginn des Songs auf der Bühne, ganz in Weiß gekleidet, den Scheinwerfer-Spot auf sich gerichtet. Höhepunkt war der Auftritt Pluschenkos, der auf einer Kunsteisbahn Pirouetten drehte und Sprünge absolvierte, während sich Bilan in der Mitte das Hemd vom Leib riss. Mit dem Liedtext, der vom Glauben an sich selbst, hatte das freilich nichts zu tun. Auch gesanglich war Bilan, der in seiner Heimat bereits ein Superstar ist, ganz Profi. Schiefe Töne, wie bei dem Duo aus Aserbaidschan, leistete er sich nicht. Sein Sieg geht deshalb wohl auch in Ordnung, auch wenn er bei den Pressekonferenzen in Belgrad stets überheblich und arrogant aufgetreten war.

Diman setzte sich gegen ein starkes Favoritenfeld von Frauen durch. Vor dem Finale galten sowohl Ani Lorak aus der Ukraine, Charlotte Perrelli aus Schweden als auch die Serbin Jelena Tomašević als heiße Anwärterinnen auf den Grand-Prix-Thron. Ani Lorak landete schließlich auf dem zweiten Platz - und das ist mehr als verdient. Die ukrainische Kylie Minogue glänzte mit einer großartigen und originellen Bühnenshow. Mit perfekten Tanzeinlagen und einem silbernen Wahnsinns-Kleid hat sie die Belgrad Arena gerockt und ihr Disco-Kracher "Shady Lady" hat Sommerhit-Qualitäten.

Favoritin abgeschlagen auf Platz 18

Perrelli hingegen, die 1999 den Grand Prix schon einmal gewonnen hatte, wird als eine weitere gescheiterte Favoritin in die Annalen des Contests eingehen. Sie landete abgeschlagen auf Platz 18, bekam nicht mal von ihren skandinavischen Nachbarn die 12 Punkte-Wertung. Offenbar waren die 100 Millionen Zuschauer an den europäischen Fernsehschirmen von ihrem Aussehen zu sehr erschrocken. Ihr Gesicht war derart von Schönheitsoperationen gezeichnet, dass sie kaum noch aus den Augen schauen konnte. Übrigens hätte sie es ohne die neuen Regeln im Halbfinale (dort lag sie im Zuschauerergebnis auf Rang 12) nicht mal ins Finale geschafft. Nur dank der Backupjury ergatterte sie den Platz, den sonst Mazedonien bekommen hätte.

Nach "Molitva" im letzten Jahr sollte es offenbar 2008 nicht schon wieder eine Gänsehaut-Ballade aufs Siegertreppchen schaffen. Trotz Schützenhilfe mit etlichen Höchstwertungen vom Balkan, erreichte die Serbin Jelena Tomašević nur Platz 6. Auf den dritten Rang schaffte es hingen etwas überraschend die Griechin "Kalomira". Ihr Song "Secret Combination" klang wie ein Abklatsch von Paparizous "My Number One", das 2005 erfolgreich war, doch auch aus Deutschland wurde sie damit mit 12 Punkten bedacht.

Überraschung aus Armenien

Erstmals seit Jahren gingen die Höchstwertung aus Deutschland, die Moderator Thomas Hermanns live aus Hamburg verkündete, nicht an die Türkei, die aber in der Gesamtwertung immerhin auf Rang 7 landete. Überraschungssiegerin des Abends war Sirusha aus Armenien. "Qele, Qele" hatte kein Buchmacher auf dem Zettel. Und das, obwohl ihr Song mit orientalischen Elementen ein echter Ohrwurm ist. Gesanglich war der Auftritt der 21-Jährigen zwar verbesserungswürdig, aber sie lieferte eine gute Bühnenperformance und hatte ein extrem kurzes Kleid an. Ein verdienter vierter Platz, der von der Wahl Sirushas zur Siegerin der Abstimmung der Grand-Prix-Fanclubs gekrönt wird.

Und wo sind die No Angels abgeblieben? Die sind mit "Disappear" im Wertungskeller verschwunden. Einzig zwölf Punkte aus Bulgarien, der Heimat von Sängerin Lucy, die dort zuvor kräftig die Werbetrommel gerührt hatte, und zwei aus der Schweiz verhinderten eine komplette Blamage. Die No Angels teilen sich den 23. Platz mit Großbritannien und Polen, der aber damit leider gleichzeitig der letzte ist.

Der "Wow"-Effekt fehlte

Bereits als Vierte mussten die vier Sängerinnen auf die Bühne. Sicher keine gute Ausgangslage für eine gute Platzierung. Das darf jedoch keine Ausrede sein (siehe Sertab Erener 2003 mit "Every Way that I Can"). "Disappear" kam trotz Windmaschine, flatternder Trickkleider und Pyrotechnik nicht an. Ein Höhepunkt mit Gänsehaut oder "Wow"-Effekt fehlte und im weiteren direkten Vergleich zur Konkurrenz fiel das Lied weiter ab. Traurig für die No Angels, die bis zum Schluss der Probenwoche in Belgrad immer noch an eine vordere Platzierung glaubten. Der weiteren Karriere der Band, die ohnehin ins Stottern geraten war, ist diese Platzierung jedenfalls nicht zuträglich.

Ähnlich schlecht schnitten auch die anderen Teilnehmer der "Big Four" ab: Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien waren als größte Geldgeber des Grand Prix automatisch fürs Finale qualifiziert. Glück brachte ihnen das nicht. Großbritannien landete mit Andy Abraham, der aussieht wie Bruce Darnell und singt wie einer von den Jackson Five, ebenfalls auf dem letzten Platz. Frankreich belegt mit Sebastien Tellier und seinem entspannten Song "Divine" Platz 18. Und Spanien, das als einziges Land im Wettbewerb noch mit einem Blödel-Teilnehmer vertreten waren (nimmt man einmal an, dass Lettland seine Karnevalsnummer ernst meinte) immerhin auf der 16.

Die Diskussionen um die Eurovisionsregeln werden damit neu entfacht werden. Diesmal nicht um die Stimmvergabe der "Ostblockmafia", sondern um den Automatismus der Finalteilnahme der "Big Four". Wäre es nicht besser, wenn sich zukünftig alle Nationen außer dem Gastgeberland dem Halbfinale stellen müssen? Diese Frage wird zu prüfen sein. Zeit ist bis zum Finale im nächsten Jahr genug. Das soll übrigens nach Informationen aus Kreisen der russischen Delegation nicht in Moskau, sondern in St. Petersburg stattfinden. Grand-Prix vorm Zarenpalast? Diese Vorstellung stimmt dann doch wieder mit dem Sieg von Dima Bilan versöhnlich.

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