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Eurovision Song Contest

Kommentar ARD - null Punkte

NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber
NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber zeigt sich offen für Reformpläne des deutschen ESC-Nominierungsmodus
© Jörg Carstensen/ DPA
Stefan Raab sollte Deutschland mit einem neuen Konzept beim Grand Prix wieder nach vorne bringen. Dass er nach nur wenigen Tagen entnervt hinschmeißt, wirft ein schlechtes Licht auf die ARD. Wie schon bei der geplatzten Verpflichtung von Günther Jauch scheitert der Senderverbund an der Vielstimmigkeit in den eigenen Reihen.
Von Carsten Heidböhmer

Es war ein mutiger Versuch. Nachdem Deutschland beim Eurovision Song Contest in den vergangenen Jahren stets auf den hinteren Plätzen gelandet war, wollte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber den ganz großen Wurf wagen, ideologische Scheuklappen ablegen und das Undenkbare denken: eine Zusammenarbeit mit dem Privatsender ProSieben und seinem Entertainer Stefan Raab.

In den letzten Jahren hatte die ARD immer wieder am Prozedere bei der Vorauswahl herumgedoktert: Mal war es die große Show mit mehr als zehn Kandidaten, dann durften die Zuschauer nur noch aus drei Teilnehmern auswählen. Schließlich wurde die Demokratie ganz abgeschafft, und eine Jury sollte es richten. Das Ergebnis war immer das gleiche: Deutschland bekam von den meisten Nationen null Punkte.

Keine Unterhaltungskompetenz

Dass Schreiber nun die ARD zu einer Zusammenarbeit mit dem Privatsender ProSieben bewegen wollte, kommt einer Kapitulationserklärung gleich. Mit diesem Schritt gestand er öffentlich ein, dass die ARD im Bereich Unterhaltung nicht genügend eigene Kompetenz besitzt, um einen Wettbewerb vom Schlage eines Grand Prix' erfolgreich zu stemmen.

Diese Kapitulation erforderte viel Mut. Und sie war notwendig. Denn dadurch wurde die Voraussetzung geschaffen, um grundlegend neue Wege in der Fernsehunterhaltung zu gehen. Stefan Raab wäre der richtige Mann gewesen, um dem Grand Prix neues Leben einzuhauchen. Er war für die größten deutschen Erfolge der letzten 20 Jahre verantwortlich. Einmal trat er selbst an, zweimal komponierte und produzierte er die deutschen Titel. Jedes Mal landete Deutschland unter den ersten acht.

Als der Song Contest "Kult" war

Zudem hätte er genau die jugendlichen Zuschauer mitgebracht, die der ARD fehlen. Allein Raab hätte die notwendige Begeisterung entfachen können, die ein solcher Wettbewerb benötigt. Wer erinnert sich nicht an die Zeiten, als der Song Contest "Kult" war und die begeisterten Zuschauer in Scharen über die Grenze ins Nachbarland fuhren, um ihren Kandidaten Guildo Horn oder Stefan Raab telefonisch zu unterstützen?

All das hätte Raab liefern können. Dass es nun anders kommt, ist der komplizierten Entscheidungsstruktur innerhalb der ARD geschuldet. Bei einer zweistündigen Telefonkonferenz am Mittwoch konnten sich die Intendanten der Sendeanstalten nicht auf das von Stefan Raab vorgelegte Konzept verständigen. So nebensächliche Fragen wie die Einbindung der Pop- und Jugendprogramme der Landesrundfunkanstalten standen einer raschen Einigung im Wege.

Schließlich zog Raab die Reißleine: "Die Entscheidungswege in der ARD sind derart kompliziert, dass sie mit unserer Arbeitsweise nicht vereinbar sind", sagte der Entertainer in einem Interview mit dem "Spiegel", das am Montag erscheint. Das erinnert fatal an Günther Jauchs resignierten Ausspruch der "Gremien voller Gremlins", die seine geplante Zusammenarbeit mit der ARD vor zwei Jahren torpediert hatten.

So bleibt wohl auch im kommenden Jahr alles beim Alten, wenn es auch in Oslo bei den meisten Ländern wieder heißt: ARD, das heißt Deutschland, null Punkte. 


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