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Stefan Raab: Vom Kampfterrier zum Schoßhündchen

Früher füllte er seine Sendungen mit Krawall und Provokationen. Jetzt präsentiert sich TV-Großunternehmer Stefan Raab als Anti-Bohlen und empfiehlt sich für die große Familienshow.

Von Alexander Kühn

Soll ja immer noch Menschen geben, die nicht mitbekommen haben, dass der alte Raab nicht mehr existiert. Was nur daran liegen kann, dass sie lange nicht mehr ProSieben geschaut haben. Kein Turmspringen, keine Wok-WM. Nichts, was irgendwie nach Stefan Raab riecht. Auch nicht "Unser Star für Oslo", seine Suche nach einem international vorzeigbaren Kandidaten für den Eurovision Song Contest, die an diesem Freitag ihren Abschluss finden wird.

Es müssen dieselben Menschen sein, die sich reflexartig bekreuzigen, wenn sie nur seinen Namen hören. Weil sie ihn sich immer noch so vorstellen, wie der stern ihn vor zehn Jahren auf einem Titelbild zeigte, Raab mit fiesem Grinsegesicht und Teufelshörnchen, darunter stand: "Satansbraten".

Früher war Raab der Rabauke

Raab sang vom Kiffen. Er überfiel harmlose Zeitgenossen mit dämlichen Fragen. Zupfte Rex Gildo am Toupet. Reizte den Rapper Moses Pelham so sehr, dass der ihm eins auf die Zwölf gab. Bei einem Auftritt in der "ZDF-Hitparade" sang er mutwillig einen falschen Text, demolierte Instrumente und ließ den Siegerpokal fallen. Eine bis dato weitgehend unbekannte Frau Zindler, die mit ihrem Nachbarn einen Streit vom Maschendrahtzaun gebrochen hatte, wovon sie lauthals und mit sächsischem Idiom in einem Fernsehbeitrag kündete, veralberte er mit einem Countrysong. Über ein Mädchen zog er her allein wegen ihres Namens: Lisa Loch.

Und jetzt? Ist er 43. Und aus dem Gröbsten raus. Trägt in der Öffentlichkeit fast immer Sakko, auch vor ein paar Wochen, als der stern ihn in Köln besucht. Wenn man hinter ihm steht, sieht man, dass ihm die Haare ausgehen. Nimmt der Fotograf die Stelle ins Visier, Haarverlust kreisrund überm Stiernacken, schaut Raabs Pressefrau nicht sehr froh. Im Interview äußert Raab sich über die Kollegen Jauch und Gottschalk; hinterher fragt er einen vorsichtig, ob das auch nicht falsch rübergekommen sei. Als er über "Unser Star für Oslo" spricht, wird er staatstragend: "Mir geht es darum, in unseren Shows einen talentierten Künstler zu finden, mit dem sich die Menschen identifizieren."

Er wirkt, als habe er die Kreidefelsen von Rügen gefressen

Da sitzt er also, zunächst bei seinem Haussender, zum Ende hin nun beim Kooperations-Partner ARD - und arbeitet daran, dass Seriosität einkehrt im Casting-Showgeschäft. Als Jury-Präsident von "Unser Star für Oslo" wirkt er, als habe er die Kreidefelsen von Rügen gefressen. Man hört ihn loben: "geiler Groove", "besser als das Original", "ich war echt geflasht". Und wenn er doch mal kritisieren muss, dann betont er, dass das "auf hohem Niveau" geschehe. Deutschland hat den Anti-Bohlen.

Bei "USFO" wird niemand beschimpft, weil er mit nasser Hose vor die Jury tritt. Teilnehmerinnen werden nach ihrem Gesang beurteilt und nicht nach ihrer Oberweite. Wer hier mitmacht, darf sich auf den Auftritt konzentrieren - ohne daran zu denken, mit welchen Schnurren aus dem Knast er die Leser von "Bild" unterhalten könnte.

Wie ernst es Raab meint mit der Förderung musikalischen Nachwuchses, spürte man erstmals, als er den schluffigen Max Mutzke unter seine Fittiche nahm. Der hatte in Raabs Sendung "TV total" einen Gesangswettbewerb gewonnen und durfte 2004 für Deutschland zum Song Contest nach Istanbul fahren. Raab schrieb ein Lied für ihn. Reist mit in die Türkei, wo er den Bub fürsorglich vor zu viel Rummel abschirmte. Wenn man die beiden dort bei Pressekonferenzen erlebte, kamen sie einem vor wie Vater und Sohn.

Zum ersten Mal beschlich einen damals auch das Gefühl, dass Raab den Song Contest ernster nimmt, als man es vermutet hätte. Das war ein anderer Raab als jener, der unter dem Pseudonym "Alf Igel" das Lied komponiert hatte, mit dem der unansehnliche Guildo Horn 1998 Deutschland vertrat: "Piep, piep, piep", hieß es darin, "Guildo hat euch lieb".

Es war auch ein anderer Raab als 2000, als er selbst beim Song Contest angetreten war. In einem Kostüm, das an den späten, von Burgern übersättigten Elvis erinnerte: weißer Anzug, mit Pailletten besetzt, Schlaghosen, dazu eine grässliche Sonnenbrille. "Wadde hadde dudde da", sang Raab. Worauf Dieter Thomas Heck, der Pate des deutschen Schlagers, öffentlich stöhnte, bei so einem Text bekomme er Magenschmerzen.

Die Samstagabendshow des jungen Jahrtausends

Manchen Hierarchen in der ARD tat ebenfalls der Magen weh bei dem Gedanken, dass man dem Song Contest zuliebe gemeinsame Sache mit Raab machen würde. Können nur Hierarchen gewesen sein, die lange nicht mehr ProSieben geschaut haben. Dort verwaltet Raab längst das Erbe großer Familienunterhalter wie Kulenkampff oder Frankenfeld. "Schlag den Raab" ist die Samstagabendshow des jungen Jahrtausends. Das Spektakel wäre eine Zierde für jeden öffentlich-rechtlichen Sender. Und wenn sie klug sind bei der ARD, behandeln sie Raab so pfleglich, dass er eines Tages, wenn er der Zielgruppe von ProSieben entwachsen ist, seinen Vorruhestand im Ersten verbringt.

Der alte Raab war ein Kläffer. Er pisste jedem ans Bein, der am Wegesrand stand. Wenn er es für geboten hielt, schnappte er zu, danach bleckte er sein Gebiss, von dem man immer denkt, es bestehe nicht aus den üblichen 32 Zähnen, sondern aus mindestens doppelt so vielen. Inzwischen ist das Hündchen so was von stubenrein und zahm, dass man es unbesorgt ins Wohnzimmer lassen kann. Fast möchte man es streicheln.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo