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Grup Tekkan: Die Karriere startete im Jugendzentrum

Mit einem schrägen Song, der als Amateurvideo im Internet kursiert, haben drei türkische Jungs einen regelrechten Medienhype losgetreten. stern.de sprach mit dem Leiter des Jugendzentrums in dem der Song aufgenommen wurde.

Die Geschichte hört sich an wie das Drehbuch zu einem Pro-Sieben-Drama über Jugend heute, ist aber tatsächlich passiert: Bei einem Musik-Workshop Ende 2005 im Jugendzentrum von Germersheim produzierten die drei türkischen Jungs Ismael, 18, Selcuk, 17, und Fatih, 17, alias "Grup Tekkan" ein Video, auf dem sie ziemlich schräg ein Liebeslied singen. Irgendjemand stellte dieses Video ins Netz. Es verbreitete sich rasend im Internet, und bald lachte halb Deutschland über die schmalz-triefende und trashige Art, wie die Jungs "Wo bist du mein Sonnenlischt" säuselten und dabei keinen Ton trafen. Egal, der Song wurde Kult: Fernsehsender stürzten sich auf die Jungs, Stefan Raab lud sie in seine Sendung ein, eine große Plattenfirma nahm sie unter Vertrag, Jamba vermarktete das Stück als Klingelton. Und alles begann im "Hufeisen", dem integrativen Jugendzentrum im kleinen Städtchen Germersheim. Leiter ist Reinhard Werner, 54, der seit 30 Jahren im Bereich Jugend- und Sozialarbeit tätig ist.

Herr Werner, der Hype um Grup Tekkan nimmt kein Ende. Was war in den letzten Tagen in ihrem Jugendzentrum los?

Wir hatten viele, viele Anrufe von Zeitungen, Sat1 war da, die Praktikantin lief völlig aufgelöst durchs Jugendzentrum, weil sie im Fernsehen war, ein Übertragungswagen vom Jugendradio stand vor der Tür. Jeder wusste Bescheid. Die Fernsehteams wollten hauptsächlich die Jugendlichen interviewen und wir als Betreuer achteten ein bisschen drauf, dass alles im vertretbaren Rahmen blieb. Es wurden keine schwierigen oder für die Kids problematischen Fragen gestellt. Von den Eltern gab es bis jetzt noch keine Reaktionen. In der türkischen Gemeinde selbst herrscht sowohl Stolz als auch Abneigung.

Was halten Sie von der Aufregung, die derzeit um ihre Schützlinge passiert?

Mal ganz abgesehen von dem Song - ambivalent. Ich finde es gut, dass wir mit unserer Arbeit bundesweit positive Schlagzeilen machen und beweisen, dass die Jugendlichen nicht nur herumhängen, sondern auch etwas auf die Beine stellen. Auf der anderen Seite ist es auch problematisch, dass wir jetzt keinen Kontakt zu den Jungs mehr haben und die Sache nicht mehr steuerbar ist.

Aus pädagogischer Sicht - haben Sie nicht Angst um die drei Jungs, dass ihnen der Ruhm zu Kopf steigt?

Wir hatten leider keine Chance mehr, bei ihnen das Bewusstsein zu wecken, für das, was passiert - obwohl wir ein langes Gespräch mit ihnen geführt haben. Schließlich fühlen wir uns noch verantwortlich für die Jungs. Ich bin aber auch stolz, was sie in der kurzen Zeit gelernt haben. Zum Beispiel sehr professionelles Arbeiten bei den Fotoshootings, auch wenn sie todmüde waren. Sie haben mir erzählt, dass sie noch nie so hart gearbeitet haben wie in den letzten Tagen. Aber es wurde ihnen auch die Kontrolle über ihr Leben entrissen. Sie reisen jetzt viel herum, man hat ihnen einen Manager an die Seite gestellt, der auf die Jungs aufpassen soll. Ich habe keine Ahnung von dem Geschäft, wie das abläuft und deswegen auch nur begrenzt Einblick, was mit den Jungs passiert. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie mit dieser vollkommen fremden Situation problemlos fertig werden.

Man kennt ja die Geschichten aus dem Showbiz, auf den schnellen Erfolg folgt oft ein tiefer Fall in die Bedeutungslosigkeit, der gerade für so junge Menschen schwer zu verarbeiten ist. Könnte das den drei Jungs auch blühen?

Sicherlich. Aber hätten wir, selbst wenn wir es gekonnt hätten, ihnen diese Möglichkeiten verbauen sollen? Sie sehen immerhin ein Ziel und daran arbeiten sie. Das ist ihre große Chance, mehr aus ihrem Leben zu machen, vielleicht auch nur kurzfristig. Große Förderung ist ihnen von ihrem sozialen und familiären Hintergrund nicht mitgegeben worden.

Wie reagieren denn die anderen Jugendlichen im Zentrum darauf?

Jetzt haben sie Fans, die früher Freunde waren, und auch jetzt noch Freunde sind. Und einige sind sicher neidisch. Aber die meisten sind stolz auf ihre Freunde, da ist noch nichts zerbrochen.

Eigentlich sollte heute ihre erste Single erscheinen. Doch der Loop, den die Jungs für ihr Workshop-Lied aus dem Netz gefischt hatten, stammt von einem jungen HipHopper aus Kanada, den keiner für seine Rechte an dem Song entschädigt hat. Das Wort "Betrug" taucht in diesem Zusammenhang auf.

Da bin ich richtig sauer. Merken die Leute an den Live-Auftritten wirklich nicht, was das für drei Jungs sind? Man unterstellt mehr oder minder offen Betrug, dabei sind die Jungs einfach bei ihrer Wahrheit geblieben und antworteten auf die Frage, ob sie alles gemacht haben, mit ja. Was verstehen die Drei von Urheberrecht und Verwertungsrecht? Sie haben den Song zusammengebastelt. Was haben meine Kollegen und ich davon verstanden? Die Jungs hatten Spaß an der Produktion und haben angefangen, einen Traum zu träumen, der plötzlich Realität wurde. Böse Realität und viel Schadenfreude von selbsternannten Rettern der Musikurheberrechte. Kein Mensch will damit irgendjemandem etwas streitig machen, sondern die kreativen Potenziale von jungen Menschen sollen gefördert werden. Wir werden vorsichtiger sein in Zukunft! Übrigens gilt mein Respekt dem Komponisten aus Kanada, Michael Manu. Wie der sich auf die Nachricht hin verhalten hat, das hat wirklich Stil! (Anm. der Red.: Als Manu endlich einen Anruf von der Plattenfirma bekam, zeigt er sich selbstverständlich einverstanden von dem Angebot der Plattenfirma, mit dem Geld will er sein Studio einrichten und er soll gesagt haben "ich bin zufrieden, wenn jeder etwas zu essen bekommt".)

Das Interview führte Kathrin Buchner