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Bundeswehr: Trinken, bis der Notarzt kommt – Ermittlungen bei der Luftwaffe

In Roth bei Nürnberg können Nachwuchssoldaten das "Tor zum Team Luftwaffe" durchschreiten. Alkoholgelage von Gruppenführern und minderjährigen Rekruten sind nicht Teil der Ausbildung. Nach stern-Informationen floss der Wodka allerdings kräftig – eine Feier endete im Krankenhaus.

Die Otto-Lilienthalt-Kaserne im Blickpunkt: ein Saufgelage sorgt für Aufregung

Die Otto-Lilienthalt-Kaserne im Blickpunkt: ein Saufgelage sorgt für Aufregung

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Ein Teil des Ausbildungsbataillons der deutschen Luftwaffe ist in dem Städtchen Roth bei Nürnberg angesiedelt. Es ist eine Lage, die seine Vorteile hat für die rund 100 Soldaten und knapp 300 Rekruten: Der Kommandeur sitzt knapp 250 Kilometer entfernt in Germersheim. Doch manchmal reicht selbst die Distanz von Franken bis zur Südpfalz nicht aus, um Vorfälle geheim zu halten.

Was sich in der Nacht vom 7. auf den 8. November in der Otto-Lilienthal-Kaserne in Roth ereignete, erfuhr deshalb auch der Kommandeur Martin Hess. Der Elitesoldat, 44 Jahre alt und einst selbst in Roth ausgebildet, hatte das Ausbildungsbatallion der Luftwaffe erst wenige Wochen zuvor übernommen.

Bundeswehr: Zwei Notarzteinsätze in der Kaserne

In jener Nacht leisteten Ausbilder und Auszubildende sich einen Alkohol-Exzess. Gereicht wurde Hochprozentiges, unter anderem Wodka. Der Konsum bei den beteiligten Rekruten war so intensiv, dass es zu zwei Notarzteinsätzen in der Kaserne kam. Ein minderjähriger Auszubildender und eine Rekrutin, die schon volljährig war, wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht.

Rekruten unterliegen bei der Luftwaffe eigentlich dem Zapfenstreich, sofern sie keinen Wochenendausgang haben. Ab 23 Uhr ist demnach Bettruhe. Die hochprozentige Feier fand allerdings an einem Mittwoch statt. Und die Notärzte trafen weit nach Mitternacht ein.

Sadistische Praktiken, Saufgelage mit Schweinsköpfen

Der Kompaniechef in Roth will nun "die genauen Umstände aufklären, die zu den Notarzteinsätzen führten", bestätigte ein Sprecher der Luftwaffe dem stern. Dabei geht es auch um die Frage, ob die beteiligten Gruppenführer ihrer Ausbildungsfunktion gerecht wurden. Nach stern-Informationen hatten sie sich vom Ort der Feier entfernt, als die Rekruten zusammenbrachen. Abgeschlossen sind die Ermittlungen zwei Wochen nach dem Vorfall noch nicht.

Der Gelage mit Rekruten ist ein weiterer Fall, der die innere Verfassung der Bundeswehr infrage stellt. Zuletzt hatte "Spiegel Online" abstoßende und teils sadistische Praktiken bei der Sanitäterausbildung enthüllt. Im Sommer hatten Elitesoldaten der KSK bei einem Saufgelage mit Schweinsköpfen geworfen. In Todendorf, Schleswig-Holstein, wird "wegen des Verdachts einer Sexualtat zum Nachteil zweier Soldatinnen" ermittelt.

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