INTERVIEW »Als wär's mein letztes Album«


Michael Franti ist das Gewissen des Hip-Hop. Der Zwei-Meter-Mann mit der erotischen Grabesstimme rapt gegen die Todesstrafe, gegen Rassismus, gegen soziale Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung. Und für die Legalisierung weicher Drogen.

Michael Franti ist das Gewissen des Hip-Hop. Der Zwei-Meter-Mann mit der erotischen Grabesstimme rapt gegen die Todesstrafe, gegen Rassismus, gegen soziale Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung. Und für die Legalisierung weicher Drogen. Schon damals bei den »Beatnigs« und den »Disposable Heroes Of Hip Hoprisy«, jetzt mit seiner Band »Spearhead«. Mit seinem neuen Album (boo boo wax/ Labels) fordert der Rapper aus San Francisco vor allem eines: »Stay Human«.

Götz Bühler im Gespräch mit Michael Franti .

Sie sind sehr politisch, treten bei Demonstrationen auf und sagen: »Früher meinte man, 'wenn Amerika niest, erkältet sich der Rest der Welt'. So wie Bush sich verhält, kriegt der Rest der Welt jetzt wahrscheinlich Krebs.« Haben Sie keine Angst, Ärger zu bekommen?

Noch nicht. Aber ich fühle mich schon beobachtet. Als ich neulich auf Kuba war, sagte ich auf der Bühne: »Ich hoffe, dass die Blockade der USA gegen Kuba bald aufgehoben wird.« 5.000 Leute standen auf und jubelten. Als ich zurück nach Amerika kam, stand in einem Artikel in der LA Times, ich hätte die kubanische Regierung während meiner Show kritisiert. Woody Harrelson war auch mit auf Kuba. Über ihn stand in dem Artikel, er hätte jeder Frau in Kuba auf den Arsch geguckt, seine Haare würden ausfallen, und seine Zähne wären nur noch Stumpen, weil er sie nicht mehr putze. Woody schrieb einen Leserbrief zurück. »Dass ich jeder Frau in Kuba auf den Arsch gucke, mir Zähne und Haare ausfallen, stimmt. Was Sie allerdings über Michael Franti schreiben, ist komplett gelogen.« Das ist ein echter Freund. Man muss sich darüber bewusst sein, dass man auf der schwarzen Liste steht. Aber man darf keine Angst haben.

Ihr neues Album ist voll wunderschöner, tanzbarer Musik. Dabei behandelt es die Todesstrafe.

Ich fragte mich: »Was, wenn ich nur noch dieses eine Album machen könnte?« Ich wollte all meine musikalischen Einflüsse von Soul bis Funk und Dub verarbeiten und mich gleichzeitig mit dieser Idee der Todesstrafe beschäftigen. Ich wollte eine Geschichte darüber erzählen, wie jemand unschuldig hingerichtet wird. Aber es war einfach zu viel für einen Song. Also schrieb ich die verschiedenen Segmente, die sich wie eine Radiosendung durch das ganze Album ziehen. Die andere Seite des Albums ist der Titel: »Stay Human«. Es ist wie eine Frage: Wie bleiben wir menschlich, in einer Welt, die es immer weniger ist?

Ich hatte bis zum bitteren Ende der CD gehofft, dass die fiktive Figur der »Sister Fatima« doch noch begnadigt wird. Aber das wäre wohl unrealistisch gewesen...

Das einzige, was an dieser Geschichte ein wenig unrealistisch ist, ist, dass der Gouverneur Selbstmord begeht, als sich herausstellt, dass Sister Fatima unschuldig hingerichtet wurde. Aber es ist realistisch, dass Leute unter sehr dubiosen Umständen in der Todeszelle landen - von Mumia Abu-Jamal bis zu Leonard Peltier. Als Kind war ich gegen die Todesstrafe, weil ich dachte: Was, wenn sie den Falschen erwischen und ich dieser Falsche bin? Jetzt bin ich gegen die Todesstrafe, weil niemand das Recht hat zu töten, unter welchen Umständen auch immer. Egal, ob bei Bandenkriegen oder beim Bombardement eines anderen Landes.

Sie sprechen auf dem neuen Album auch »Marihuana für medizinische Zwecke« an.

Durch dieses Thema habe ich den Schauspieler Woody Harrelson kennen gelernt, der auch den Gouverneur auf der neuen CD spielt. Das Thema liegt mir sehr am Herzen. Im Moment ist einer meiner Freunde deswegen für fünf Jahre im Gefängnis. Er hat Krebs seit er sechs ist und hat mit neun angefangen, Marihuana zu rauchen. Er arbeitete gerade an einem Buch über die Erfolge seiner Behandlung. Amerika und die ganze Welt sind sehr verwirrt, wenn es um Drogen geht. Zigaretten und Alkohol sind überall legal, Millionen Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen. Aber ich habe noch nie gehört, dass jemand vom Kiffen gestorben ist.

Ist der Song »Thank You« ein Dank an Ihren Vater?

Der Song ist irgendwie für alle meine Väter. Curtis Mayfield, Sly Stone, Stevie Wonder, Bob Marley, Marvin Gaye - Leute, die Soulmusik vom Herzen geschrieben haben. Nicht nur über Liebe, sondern über das Leben. Das vermisse ich heute in der Musik. Besonders im Hip-Hop. Es geht nur darum, wie viel man vom System abbekommen kann. Wie viel Geld, wie viele Autos, wie viele Frauen. Und dann steht mein Ego gegen deines. Wir sollten lieber versuchen unsere Egos beiseite zu lassen und zusammenzufinden.

Sie sind seit 13 Jahren im Musikgeschäft. Was hat sich verändert?

Der größte Einfluss auf den Hip-Hop war in den letzten zehn Jahren das Geld. Viele rappen nur noch, um reich zu werden und dann in Rente zu gehen. Ich sage den Kids immer: Ihr werdet vielleicht nicht reich, aber in Rente geht ihr auf jeden Fall. Ich versuche mir immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass ich das hier der Musik wegen mache. Am besten noch, bis ich 70 oder 80 Jahre alt bin.


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