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Interview mit Olli Dittrich: "Ich brauche das Scheitern"

Der Komiker ist untergetaucht. Auf seinem neuen Album "11 Richtige" gibt Olli Dittrich den seriösen und gefühlvollen Poeten. Im Interview mit stern.de erzählt der Hamburger, warum Dittsche mit seiner Musik nichts anfangen kann, dass er jetzt mutiger ist und wie er zum Kämpfer wurde.

Sie sind als Musiker sehr facettenreich - da fragt man sich: Bei welcher Musik gehen Sie so richtig ab?

Ich interessiere mich für fast jede Art von Musik - vor allem für jene, die besonders und eigenständig ist. Mit zunehmendem Alter lässt aber mein Interesse nach, immer jeden musikalischen Trend mitkriegen zu müssen. Als Kind waren Freddy Quinn und Udo Jürgens meine Helden, später in der Pubertät war das Entdecken von Musik unmittelbar an die Entdeckung des weiblichen Geschlechts geknüpft - und ist mir daher nachhaltig in Erinnerung geblieben. Wir hörten beim Knutschen Donovan, Cat Stevens, Santana. Wirklich Einfluss auf meine Musik hatten aber die Beatles, Paul Simon und vor allem Elton John.

Was würde Ihre Figur Dittsche beim Bier über das neue Album sagen?

Wenig. Es ist einfach nicht seine Musik. Er würde ja auch über den Rücktritt von Kurt Beck nicht viel zu sagen haben, weil Politik nicht seine Sache ist. Es gibt durchaus topaktuelle Themen, die dennoch nicht in seiner Welt vorkommen. Dittsche hört lieber Boney M.

Das neue Album lässt viele Einflüsse erkennen: Manchmal denkt man, sie hätten mit Götz Alsmann Urlaub in der Karibik gemacht. Dann kommen wieder Chansons oder Songs, die an Klee orientiert sind. Gilt für Sie das gleiche wie in der Komik: Alles ist über alle Grenzen machbar?

Wir haben nicht in Kategorien gedacht, sondern getan, was uns Spaß macht. Robert Palmer hat auch Platten aufgenommen, auf denen jeder Song eine andere Stilistik hatte. Glaubwürdig muss es sein und geschmackssicher. Manche Kompositionen haben mehr als 20 Jahre auf dem Buckel, wurden aber erst jetzt mit großem Orchester richtig lebendig. Wie bei einem Puzzle saßen wir zusammen und haben nach den passenden Teilen gesucht. Hier Mariachi-Trompete, dort eine Harfe, dann eine Sitar mit türkischen Geigen. Es ging uns immer um das Ungewöhnliche und Geschmackvolle.

Viele Fans könnten meinen, der Dittsche hat ein Rad ab. Will der mich mit diesem sehr gefühlvollen Album verarschen?

Glauben Sie das wirklich? Im Leben habe ich so oft etwas Neues angefangen und das Publikum überrascht. Aber nie hat sich einer verarscht gefühlt. Warum auch? Dittsche hat ja gar keine Platte gemacht, sondern Olli Dittrich, was jeder sofort begreift. Diese Diskussion kenne ich schon von Redakteuren beim Fernsehen. Dann heißt es gerne mal: "Der Zuschauer versteht das nicht, man müsse ihn anders abholen". Wenn das Werk gut ist, spricht es für sich.

Sie müssen aber zugeben, dass das Album im Gegensatz zu Ihrem Spaßduo "Die Doofen" eher altersweise klingt und eine ältere Zielgruppe anspricht.

Ach, was soll so eine Sezierung? Das ist doch kein sinnvoller Vergleich. Ich erzähle auf dem Album von mir, was mich antreibt und beschäftigt, was mich berührt. Ob das jemand als altersweise empfindet, weiß ich nicht, glaube ich nicht. Die persönlichen Songs können junge Menschen genauso gut verstehen.

Als Tim haben Sie vor 20 Jahren schon einmal den Sprung ins Pop-Geschäft gewagt, sind aber gescheitert. Wäre das jetzige Album auch damals möglich gewesen?

Sicherlich nicht. Erst jetzt besitze ich das Standing vor mir selbst, und somit die Glaubwürdigkeit, über Themen wie Liebe und Leben so zu singen. Damals bin ich meinen Talenten sehr verkorkst und über Umwegen nachgegangen. Mir fehlte damals der Mut, das Richtige zu tun. Und so etwas hört man dann auch im Werk.

Wären Sie früher Ihren Talenten gefolgt, hätten Sie schon vor 20 Jahren Erfolge feiern können. Bereuen Sie das manchmal?

Ich bereue gar nichts! Ich habe sicherlich schwere Zeiten durchlebt, in denen ich arm war und viele Schulden hatte - und manchmal nicht wusste, wie es weitergeht. Selbstzweifel zu hegen, und das auch in einer Überdosis, war durchaus meine Sache. Ebenso habe ich einen Hang zur Melancholie. Ich bin aber auch Kämpfer, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir nichts geschenkt wurde.

Sie sagten einmal, dass Sie eine Affinität zum Scheitern besäßen.

Ich brauche definitiv gelegentlich den Umweg über das Scheitern oder Zweifeln. Denn erst dann weiß ich manchmal erst, wie es richtig ist.

Man hört trotz aller Wärme in den Liedern auch den Melancholiker, der am Leben zu knabbern hat. Wie schwermütig ist Olli Dittrich?

Schwermut und Melancholie liegen vielleicht nah beieinander. Schwermütig bin ich aber ganz sicher nicht, eher grüblerisch und auch mal sentimental. Und ich besitze eine gewisse Leidensfähigkeit.

Ist Melancholie ein nötiges Mittel, um erfolgreicher Komiker zu sein? Und vor allem, um die Menschen zu berühren? Thomas Gottschalk bezeichnete sie einst sogar als grenzdepressiv.

Ja, das hat er mal gesagt. Und das sehr liebevoll gemeint, weil ich ziemlich wunderlich sein kann und hin- und wieder auch unnahbar. Aber natürlich muss man nicht gleich Melancholiker sein, um Leute zum Lachen zu bringen. Gottschalk selbst ist es ja auch nicht. Er ist mit ganzem Herzen Unterhalter. Darum geht es, authentisch zu sein.

Also in jedem Charakter steckt ein großer Anteil von Olli Dittrich?

Aber natürlich - vielleicht nicht in allen lustigen Media Markt-Figuren. Da versuchen zuallererst Handwerk und meine große Begeisterung, die Sache zum Strahlen zu bringen. An anderer Stelle geht man halt mehr in die Tiefe. Auch Herbert Gönemeyer gibt in seinen Songs nicht minutiös Einblick in sein Seelenleben. Aber bei ihm schwingt immer ein starkes Gefühl mit. Er sagt nicht nur etwas auf.

Muss man bei Olli Dittrich zwischen dem Musiker und dem Komiker unterscheiden?

Man muss nicht, ich tue es ja auch nicht. Oft geht es sogar Hand in Hand. Wichtig ist, alles zu ordnen. Früher war das nicht möglich, was zu Frust und inkonsequenten Werken führte. Musik war eindeutig zuerst da. Erst relativ spät habe ich gemerkt, dass ich mich auch in komische Figuren verwandeln kann.

Bei Texas Lightning sitzen Sie am Schlagzeug, hier müssen Sie die Rampensau geben. Das dürfte ein neues Gefühl für Sie sein.

Bei Texas Lightning ist es so, aber bei anderen musikalischen Projekten stand ich durchaus auch schon ganz vorne.

Außerhalb des Showgeschäfts sieht man Sie eher selten. Wollen Sie Ihre Ruhe, oder sehnen Sie sich gar zurück nach der Zeit, als Sie in dunklen Räumen einer Plattenfirma als Packer gearbeitet haben?

Na, das wäre ja furchtbar, obwohl ich auch gerne an diese Zeit zurückdenke. Es gibt ja immer Sackgassen im Leben, die sollte man verlassen, bevor es zu ernsten Schäden führt. Die Doofen etwa, mit Wigald Boning, waren grandios, etwas ganz Feines. Und zwar genau so lange, wie es sie gab. Zwei Alben. Schluss. Alles richtig gemacht. Mit einem Dritten wären wir in eine Sackgasse geraten.

Wigald Boning sagte einmal, dass Sie ein rigoroser Hang zum Perfektionismus prägt. Wie äußert der sich?

Offenbar ist der Begriff ziemlich negativ behaftet, merke ich öfter. Hm. Klingt dann immer nach verkrampft und unlocker sein. Bei mir heißt das nur, es so gut wie irgend möglich zu machen. Mich nicht mit dem Mittelmaß zufrieden geben, wenn ich weiß, es geht noch viel besser. Dann muss man sich eben anstrengen. Viele Dinge leben leider nur von der Behauptung, toll zu sein, vom Hype. Die beste Werbung für ein Produkt ist aber nun mal das Produkt selbst.

Stört es Sie eigentlich, wenn Fans Ihnen kumpelhaft auf die Schulter klopfen, weil Olli Dittrich nur noch als Dittsche erkannt wird?

Überhaupt nicht. Das ist doch wundervoll, das finde ich nett. Es gibt ja auch kaum Ausfälle. Wie im richtigen Leben. Da ist ja auch mal ein Spinner dazwischen.

Mit Anke Engelke haben Sie sehr erfolgreich das preisgekrönte TV-Format "Blind Date" inszeniert. Wird es eine Fortsetzung geben?

Eigentlich haben wir nach dem sechsten "Blind Date" beschlossen, aufzuhören. Nach der langen Abstinenz kam aber wieder große Lust auf. Vielleicht wird's was im nächsten Jahr.

Was sagen Sie zum irren Erfolg des Komikers Mario Barth, der vor kurzem 70.000 Menschen im Berliner Olympiastadion zum Schenkelklopfen brachte?

Mario Barth ist ein außerordentliches Phänomen. Ich finde es völlig fehl am Platz, auf ihn einzuschlagen, was viele jetzt tun. Was er macht, begeistert Millionen. Davor ziehe ich meinen Hut.

Was macht den perfekten Song für Sie aus? Und kennen Sie einen?

Eine gute Melodie. "Penny Lane" von den Beatles ist so ein perfekter Song.

Sie feiern im November Ihren 52. Geburtstag. Bringt das Älterwerden Vorteile?

Oft gehört: Gelassenheit. Ich reibe mich lange nicht mehr so sehr für jeden Mist auf, kämpfe nicht wie Don Quichotte gegen Windmühlen. Ich opfere mich zwar gern für liebe Freunde auf, habe aber auch gelernt es dort zu lassen, wo ich nie etwas zurück erhalte.

Eine Sache, für die sich Olli Dittrich gerne aufreibt, ist der HSV. Wo landet die Mannschaft in dieser Saison?

Wir werden Deutscher Meister! Und es wird die Saison von Trochowski. Ich darf das sagen, ich bin schließlich kein Trainer.

Der HSV bietet seinen Fans an, sich in der Nähe des Stadions begraben zu lassen. Eine Option für Sie?

Diese Idee könnte auch von Dittsche stammen. Ein Friedhof in Form eines Stadions, das wäre seine Weltidee. Aber für mich ist das wirklich nichts.

Interview: Thomas Soltau