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Interview Sarah Connor: "Ich finde es sexy, wenn er mich auf Deutsch beschimpft"

Mit ihrem neuen Album "Soulicious" ehrt Sarah Connor alte Soul-Helden. Sogar ein posthumes Duett mit Marvin Gaye befindet sich darauf. Im Interview mit stern.de spricht die 26-Jährige über ihre Funktion als Soul-Nachhilfe-Lehrerin, über Familie und radikale Diäten.

Frau Connor, Ihre Stimme haben Sie von Ihrem Großvater geerbt, der aus New Orleans stammt. Hat er Sie mit der Soulmusik aus den 60ern und 70ern vertraut gemacht?

Ich habe meinen Großvater nie kennen gelernt und bin auch leider noch nicht in New Orleans gewesen. Aber mein Vater war mit dem Soul-Virus infiziert - er hat mir all die Lieder vorgesungen. Ich hatte damals gar nicht den Bezug zu den Künstlern, mochte aber diese leidenschaftliche Musik. Und mein Vater hat mich mit Aretha Franklin und Otis Redding in den Schlaf gewogen. Dieses wohlige Gefühl von damals habe ich heute immer noch, wenn ich die Songs höre.

Auf Ihrem neuen Album "Soulicious" covern Sie alte Soulklassiker. Was verbinden Sie mit den ausgesuchten Songs, unter anderem Evergreens wie Dusty Springfields "Son of a Preacher Man"?

Auch das ist ein Wiegenlied. Mein Vater hat es immer gespielt, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Diese musikalischen Perlen liefen bei uns rauf und runter. Während andere Schlager oder Disco hörten, waren bei uns immer noch die 60er und 70er präsent. Für mich bedeutet Soul Leidenschaft und Kraft, selbst 40 Jahre später haben die Songs nichts von ihrer Power verloren.

Marvin Gaye singt das Duett "Your Precious Love" mit Ihnen - obwohl er seit 1984 nicht mehr lebt. Wie haben Sie die Erben überzeugt, Ihnen die Bänder mit seiner Stimme zur Verfügung zu stellen?

Mein Platten-Boss hat ein Layout des Songs mit meiner Stimme an die Verantwortlichen von Motown geschickt. Wochen später kam dann ein Anruf, dass es klappt. Übrigens die erste Genehmigung außerhalb der USA für ein solches Projekt. Beim ersten Hören des Songs mit der eingesetzten Stimme von Marvin Gaye bin ich bei mir in der Küche rumgetanzt wie eine Irre. Und mein Vater hat sich natürlich auch gefreut: Eines seiner Idole zusammen mit seiner Tochter - das hat ihn fast sprachlos gemacht.

Angenommen, Sie könnten eine Zeitreise in die Blütezeit des Soul unternehmen - mit welchen Künstlern würden Sie gerne das Mikrofon teilen?

Ganz klar: Luther Vandross. Auch, wenn der erst in den 80ern richtig erfolgreich war. Und von den Lebenden natürlich Aretha Franklin. Die darf jederzeit anrufen - und ich würde sofort in jedes Studio auf der Welt rennen.

Böse Zungen könnten behaupten, Sarah Connor vergehe sich an musikalischen Klassikern. Wollen Sie ihren teilweise sehr jungen Fans als Nachhilfe-Lehrerin gute Musik schmackhaft machen?

Ich wollte niemals an den Klassikern kratzen, sondern sie nur mit dem nötigen Respekt in die jetzige Zeit transportieren. Ja, Sie haben Recht - ich fühle mich dabei auch ein wenig als Lehrerin, die ihren Fans eine Stunde in Musikgeschichte gibt. Die Kids sollen wissen, wo gute Musik seine Wurzeln hat. Schließlich spielen sie in den Clubs heute noch die Originale - mit dem gleichen Ergebnis wie damals. Die Menschen tanzen entfesselt.

Wann haben Sie eigentlich bemerkt, dass Sie eine besonders gute Stimme haben?

Das war in der Schule. Ein Lehrer hat mich darauf aufmerksam gemacht, weil ich ständig in den Pausen gesungen habe. Dann kam die Chor-AG und irgendwann wusste ich, dass meine Zukunft in der Musik liegt.

Haben Sie je daran gezweifelt, mit der Musik ihren Lebensunterhalt verdienen zu können?

Mit 16 Jahren habe ich mir das natürlich gewünscht, wusste aber, dass es verdammt schwer wird. Deshalb wollte ich Jazz-Piano, Journalismus oder Meeresbiologie studieren. Als ich das erste Mal eine Hauptrolle in einem Musical spielen konnte, waren die Weichen für die Zukunft gestellt.

Gab es einen Notplan für den Fall des Scheiterns? Haben Sie einen Beruf erlernt?

Nee, aber ich sage meiner Schwester immer, dass sie vor dem Sprung ins Showgeschäft zumindest ihr Abitur machen soll. Ich selbst habe in der zwölften Klasse abgebrochen, weil ich damals meinen ersten Plattenvertrag bekam. Ich dachte, jetzt ist mein Leben gesichert - und das hat ja glücklicherweise auch funktioniert. Nun kann ich leider nicht - wie meine Freundinnen - das relaxte Studentenleben erleben. Aber ich liebe meinen Job, habe einen süßen Mann und zwei tolle Kinder. Was will ich mehr?

Viele weibliche Soul-Sängerinnen haben eine beträchtliche Leibesfülle. Sie haben eben gerade 30 Kilo abgenommen. Wie passt das zusammen?

Gut, wie ich finde. Ich habe ein sehr bewusstes Gefühl zu meinem Körper und nur während der Schwangerschaft heftig zugelegt. Für mich war die radikale Diät eher psychologisch wichtig. Sie markiert nach der schweren Krankheit meiner Tochter Summer einen Wendpunkt, an dem ich mich gehäutet habe. Das ist der erste Schritt zu mir selbst zu finden. Da mögen andere sagen: "Wie dünn sieht die denn aus?" Ich fühle mich so wie ich bin weiblich.

Was war für Sie das Schwierigste bei der dreimonatigen Crash-Diät?

Es gab drei Monate lang absolut nichts Süßes. Nachts träumte ich von Tiramisu so groß wie das Matterhorn. Das war wirklich schwierig und hat genervt. Aber nach dem "Echo" im März konnte ich meiner Leidenschaft freien Lauf lassen. Nachts um zwei habe ich mir eine große Portion Tiramisu aufs Zimmer bestellt.

In Deutschland sind Sie schon lange ein Topstar. Wäre jetzt nicht mal der Angriff auf die britischen und US-Charts angesagt?

Für mich ist das Thema ein zweischneidiges Schwert. Ich hatte 2004 in England und den USA Interviews und Chartplatzierungen, in Japan war mein Album sogar auf Platz 12 der Japan International Artist Charts. Sehen wir der Realität doch mal ins Auge - die warten dort nicht auf eine Sarah Connor. Es gibt dort hunderte Talente, die alle so gut singen können wie ich. In den Ländern finden sich keine Daniel Kübelbocks in den Charts, sondern wirkliche Stars. Um bekannt zu werden, müsste ich eine wahre Ochsentour auf mich nehmen. Von Radiosender zu Talkshow; da wäre ich Monate unterwegs. Aber natürlich wäre es schön, einen Hit in den USA zu landen.

Sie leben immer noch in Delmenhorst, obwohl Sie längst in eine Großstadt hätten ziehen können. Ist das ihre Form von Heimat und Geborgenheit?

Ich bin in Hamburg-Altona aufgewachsen, ganz alternativ. Mit Töpfern, Tanzen und Klavierunterricht. Als ich mit zehn Jahren nach Delmenhorst zog, habe ich mich über die Natur gefreut. Später, so mit 17, war ich fast jeden Tag auf Partys unterwegs. Wenn ich den ganzen Rummel nicht mehr sehen kann, gehe ich einfach in Delmenhorst spazieren. Das ist für mich Heimat. In einer Großstadt möchte ich nicht mehr leben.

Wie funktioniert die Aufteilung mit der Kinderbetreuung?

Wir haben zwar eine neuseeländische Nanny, die uns mit unseren beiden Kindern unterstützt. Aber ansonsten gibt es eine klare Regelung. Wenn ich nicht da bin, kümmert sich mein Mann Marc um die Kinder - und umgekehrt. Das läuft wirklich gut, da kann ich mich einhundertprozentig auf ihn verlassen.

Marc ist ein Rocker, Sie haben ihn domestiziert. Wie sehen die Freiheitsausbrüche von ihm aus?

Ha, sehr gut. Marc ist eigentlich ziemlich faul und hat kaum Lust auf Sauftour zu gehen. Wenn er mal mit den Kumpels loszieht, dann aber richtig. Vor sieben Uhr morgens kommt er kaum nach Hause. Dann höre ich immer die gleiche Leier: Nie wieder Alkohol…

Sie sind erfolgreicher als Ihr Ehemann - entladen sich da mal Eifersüchteleien?

Nein, weil wir ja auf zwei unterschiedlichen Weiden grasen. Es geht eher darum, dass Marc manchmal nicht weiß, wo er musikalisch steht und noch viel ausprobiert. Wie gut, dass ich weiß, was ich will.

Wie lässt es sich besser streiten: auf Englisch oder Deutsch?

Wir streiten und lieben uns auf Englisch - das hört sich einfach schöner an. Aber ich finde es schon verdammt sexy, wenn mein Mann mir deutsche Schimpfwörter an den Kopf wirft.

Hat Ihr Sohn schon einen Berufswunsch?

Momentan schwankt er zwischen Sänger und Müllmann.

Wer ist strenger in der Erziehung?

Ich durchschaue die Tricks der Kinder nicht so schnell wie Marc. Ich bin eher die Energische, die auch mal auf den Tisch haut. Marc ist eher der Ruhigere, dafür aber sehr konsequent. Eines ist wichtig: ich würde Marc niemals vor den Augen der Kids in den Rücken fallen, selbst dann nicht, wenn ich seine Entscheidung nicht teile. So ein Verhalten hat mich als Kind bei meinen Eltern immer total verunsichert.

Was möchten Sie in 30 Jahren im Lexikon über sich lesen?

Sarah Connor - die Stimme.

Interview: Thomas Soltau