HOME

Interview Udo Jürgens: "Kein Abgesang auf einen alternden Musiker"

Das Musical "Ich war noch niemals in New York" bringt 23 der bekanntesten Songs von Udo Jürgens auf die Bühne. Im stern.de-Interview spricht der 73-jährige Entertainer über die Inszenierung, aber auch über Selbstzweifel und Zukunftspläne.

Herr Jürgens, schenken Sie Johann Strauß noch immer Rosen?

Das hab ich über Jahrzehnte gemacht, bei jedem Wien-Besuch, weil ich Strauß sehr verehre. Aber ich muss Ihnen ehrlich sagen: Ich bin jetzt 73 - und auf den Sockel dieses Denkmals raufzukrabbeln, um auf seine Geige eine Rose zu legen, ist definitiv nicht einfach. Man muss auch durch ein Blumenbeet, das geht natürlich nur nachts, sonst kommt sofort die Polizei.

Heute sind Sie selbst ein Denkmal.

In bin ein Mensch aus Fleisch und Blut. Mit viel Energie, gelegentlichem Leerlauf, oft voller Verunsicherung.

Aber wenn die Produktionsfirma Stage Entertainment nun aus 23 Ihrer populärsten Songs ein Musical gemacht hat...

... dann ist es nicht so, dass ich starr dastehe und warte, bis mir einer eine Rose anheftet. Ich war ja in die Arbeit einbezogen, wir haben gemeinsam um Qualität gekämpft. Mehrmals habe ich Gabriel Barylli getroffen, der den Text geschrieben hat. Ich habe eng mit Michael Reed zusammengearbeitet, unserem musikalischen Leiter, der lange Andrew Lloyd Webber assistierte. Und ich war bei vielen Proben dabei.

"Ich war noch niemals in New York" ist die Aufarbeitung Ihres Lebenswerks.

Nicht, dass da ein falscher Eindruck entsteht! Ich will keine Leichenfledderei, das soll kein Abgesang auf einen alternden Musiker sein, der noch einmal seine Erfolge ausschlachten will. Eines Tages, wenn ich mich von der Welt verabschiedet habe, werden sie meine ganzen alten Platten neu auflegen. Auch jene, die ich selbst gar nicht mehr hören möchte. Jetzt kann ich die Dinge noch beeinflussen.

Aus dem Soundtrack Ihres Lebens ein Musical zu produzieren, ist eine naheliegende Idee.

Auf jeder Stehparty, bei jeder Goldenen Kamera, jeder Bambi-Verleihung kam jemand und sagte: Du, mit deinen Liedern müssen wir etwas machen! Und nie wurde was daraus. Bei Stage Entertainment war das anders. In der Zentrale in Amsterdam waren sie gleich sehr angetan von dem, was das Kreativteam in Hamburg auf die Beine gestellt hat. Das ist eine hoch professionelle Firma, die haben aus ihrem kleinen Holland heraus eine Internationalität, wie wir sie in Deutschland nicht kennen. Wir hier sind solide, aber hausbacken, mit heraushängender Zunge hecheln wir den Amerikanern und Engländern fast immer hinterher mit ihren tollen Rock-, Pop- und Musicalgeschichten.

Warum erzählt das Musical nicht Ihr Leben?

Weil ich mich dem verweigert habe. Es gibt ein Musical über das Leben von Buddy Holly. Und die tollen Kinofilme über Ray Charles oder Johnny Cash. Aber ich will nicht mein Leben zur Schau stellen.

Spannend genug wäre sie, die Udo-Jürgens-Story.

Ein bisschen Komponisten-Biographie, ein paar Frauengeschichten - nein, das wäre nichts geworden. Deshalb haben wir uns von meinem Leben gelöst, eine Handlung erfunden und in diese meine Musik hineingestellt - nach dem Vorbild von "Mamma Mia", dem Abba-Musical.

Die Hauptfiguren sind ein junges Pärchen, ein altes Pärchen, ein schwules Pärchen. Und ein Kind.

Wir erzählen eine sehr menschliche Geschichte vom Zusammenleben der Generationen. Es geht um die 40-Jährigen, die Macher, die im Beruf fabelhaft erfolgreich sind und zuhause scheitern, im Umgang mit ihren Kindern und ihren eigenen Eltern.

Eigentlich ist die Handlung doch egal. Hauptsache, "Griechischer Wein" und "Siebzehn Jahr, blondes Haar" sind zu hören.

Sie haben unrecht. Nach einer schlecht erzählten Geschichte würden die Leute nach Hause und gehen und sagen: Schöne Songs - aber ein Theaterabend war das nicht. Wir wollen aber, dass sie aus dem Theater kommen und sich wohlfühlen. Weil sie etwas gesehen haben, das sie aus dem eigenen Leben kennen.

Berühren einen Lieder eigentlich noch, die man vor Jahrzehnten komponiert und danach tausende Male gesungen hat?

Wenn ich sie so in die Handlung eingebunden sehe, packt mich das schon. Als die alte Dame ganz zaghaft zu singen anfängt, "ich... war... noch... niemals... in New York". Oder am Ende, wenn Lisa, die junge Frau, im roten Kleid die Treppe herabschreitet und singt: "Was wirklich wichtig ist, weiß ich erst heut" - da hatte ich schon feuchte Augen.

Hatten Sie mal Angst, dass das nichts wird mit dem Musical?

Vor ein paar Wochen hatte ich so eine Phase, da habe ich ziemlich schlecht geschlafen. Und gegrübelt: Was, wenn das schief geht?

Und jetzt?

Wissen Sie, vor kurzem war ich am Broadway, ich hab alles gesehen, was zurzeit läuft. Zwölf Musicals an zehn Tagen. Ich habe Bühnenbildner getroffen und Regisseure, ich war mit Komponisten essen, die haben mir von ihrer Arbeit erzählt. Unsere Produktion hier, das sag ich jetzt einfach mal so aus der Hüfte, das ist sehr frech, die hat hohes Broadway-Niveau.

Fragen Sie sich manchmal: Was kann eigentlich noch groß kommen in meinem Leben?

Überhaupt nicht. Im Januar erscheint mein nächstes Album. Im übernächsten Jahr gehe ich wieder auf Tour. Ich hoffe, die Kraft reicht, dass ich das noch eine Weile machen kann. Das ist das beste Mittel gegen den natürlichen Verfall. Wissen Sie was? Ich hab jetzt das ganze Gespräch lang darüber nachgedacht - wenn ich das nächste Mal in Wien bin, werde ich versuchen, noch einmal zu Johann Strauß hochzuklettern. Das nehme ich mir fest vor.

Interview: Alexander Kühn