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"Anne Will" "Wir wurden nicht regiert, es war ein reines Reagieren" – Abgesang auf die deutsche Corona-Strategie

TV-Kritik Anne Will
Die Runde bei "Anne Will" diskutierte über die vermeintlich alternativlose Corona-Strategie der Bundesregierung
© Wolfgang Borrs/NDR / stern
Wie schlägt sich die Bundesregierung in der Corona-Krise? Mies, wenn es um die Schulkinder geht, kritisiert die Grüne Annalena Baerbock. Markus Söder verrät, er habe sich sogar schon an höhere Mächte gewandt.
Von Simone Deckner

"Lockdown statt Perpektivplan – ist die deutsche Pandemiepolitik wirklich alternativlos?" lautete das Thema bei "Anne Will" – fast schon eine Suggestivfrage. Die deutlichste Antwort darauf gab "Spiegel"-Journalistin Melanie Amann: "Wir wurden hier nicht regiert, es war ein reines Reagieren", so die Leiterin des Hauptstadtbüros. Das Grundproblem der Regierung im Umgang mit der Pandemie sei, dass sie "Politik nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner" mache und diese dann noch nicht mal gut erkläre. Als Beispiel nannte sie den Wechsel der lange als heiligen Gral geltenden Inzidenzzahl von 50 auf nun 35: "Das ist so, als hätte man das goldene Kalb durch das goldene Kälbchen ersetzt. Das wurde ohne Erklärung lapidar in den Raum gestellt", ärgerte sich Amann.

Es diskutierten:

  • Olaf Scholz (SPD), Bundesminister der Finanzen und Vizekanzler
  • Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Parteivorsitzende
  • Markus Söder (CSU), Parteivorsitzender und Ministerpräsident von Bayern
  • Christian Lindner (FDP), Parteivorsitzender und Fraktionsvorsitzender im Bundestag
  • Melanie Amann, Leiterin des Hauptstadtbüros von "Der Spiegel"

Olaf Scholz verteidigte die 35. Die Zahl sei "ja nicht zufällig gesetzt", es sei "eine vernünftige Strategie" zunächst weiter vorsichtig zu sein. Auch der per Video zugeschaltete Markus Söder stimmt zu: "35 ist ein wichtiger Puffer, vor allem wegen der Mutation", unterstützte er Scholz.Und auch Annalena Baerbock fand "35 als Wert total richtig" – die Fehler lägen ganz woanders: "Was mich am meisten aufregt: Die Kinder geraten kompletti unter die Räder. Alle reden davon, dass die Pandemie fatale Folgen für Kinder hat, und dann folgt einfach: nichts." Baerbock redete sich in Rage. Jedes dritte Kind habe psychische Folgen wegen Corona. Lehrerinnen berichteten, dass sie 20 Prozent der Kinder überhaupt nicht mehr erreichen könnten. "Die verlieren komplett den Anschluss. Ein Jahr lang ist da nichts passiert, das ist das größte Desaster!"

Baerbock: "Schulen sind Bundesangelegenheit!"

Man dürfe das Thema Schulen nicht den Ländern überlassen, so die Grüne (die immerhin erwähnte, dass ihre Partei in ‚einigen' Landesregierungen mitregiert), es müsse Bundesangelegenheit sein. Baerbock wandte sich direkt an die Runde: "Wir können da gemeinsam nächste Woche einen fraktionsübergreifenden Antrag stellen", warf sie den Parteivorsitzenden den Ball zu, "jetzt braucht es Pragmatismus." Baerbock schlug einen "Kinderrettungsfonds" vor: So könne man etwa für Schnelltests in den Schulen sorgen, aber vor allem dafür, dass kein Kind den Anschluss verliere.

"Anne Will": "Wir wurden nicht regiert, es war ein reines Reagieren" – Abgesang auf die deutsche Corona-Strategie

Als Söder sagte, es laufe doch "sehr gut mit dem Distanzunterricht – in Bayern", schüttelte Baerbock heftig den Kopf. "Es ist ja nicht so, dass die Ministerpräsidenten vor sich hin dösen und in der Nase bohren", verteidigte Söder das Vorgehen, man brauche aber "noch ein Stück weit Geduld".

Bei Christian Lindner schien die langsam ausgereizt: "Mich stört, dass wir in einer Alternativlosigkeit gefangen zu sein scheinen: Lockdown und Öffnungen", so der FDP-Vorsitzende. Er hege seine Zweifel daran, dass "das Zuhause bleiben weiter das zentrale Mittel zur Bekämpfung der Pandemie" sei. Lindner setzt vielmehr darauf, regional zu differenzieren: "Wo niedrige Inzidenzen sind, muss mehr möglich sein", forderte er – etwa auch Kulturveranstaltungen. Und noch etwas sei womöglich problematisch: Mit einer Kanzlerin, die Physikerin sei und einem Arzt als Kanzleramtsminister (Helge Braun) bestehe eventuell auch die Gefahr, "dass andere Aspekte hinten runter fallen", so Lindner vielsagend.

Besser planen oder doch beten?

Melanie Amann sprach ebenfalls die Rolle der Kanzlerin in der Krise an: "Angela Merkel hat sich in ihre Expertise zurückgezogen, wenn man es positiv ausdrücken möchte – wenn man es negativ nennen will, könnte man auch sagen: in Fachidiotentum", kritisierte Amann. Die Menschen brauchten endlich Perspektiven. "Es hilft nicht, wenn man gesagt bekommt ‚Spring durch diesen brennenden Reifen' und wenn man gesprungen ist, hört man: ‚Jetzt musst du noch durch drei weitere brennende Reifen springen'". Die Journalistin hatte auch einen konkreten Vorschlag, wie es besser gehen könnte: "Im Kanzleramt ist sowieso gerade alles leer", sprach sie Olaf Scholz an, "setzten Sie da eine Task Force rein, die sich nur auf die Bekämpfung der Pandemie konzentriert."

Olaf Scholz signalisierte dafür zwar kein Grünes Licht, bekannte aber: "Wir waren nicht so super, was das Bestellen beim Impfen angeht". Nun gehe es darum, besser zu planen: "Ich möchte nicht erleben, dass wir plötzlich Millionen Impfdosen haben, die dann nicht verimpft werden. Das müssen wir auf jeden Fall verhindern", so der Vizekanzler. Nach einer bestens durchgeplanten Strategie hörte sich das nicht gerade an. Vielleicht muss Markus Söder also im Hinblick auf die Pandemie-Politik der Regierung wieder das tun, was er vor Weihnachten 2020 schon getan hat, wie er bei "Anne Will" offenbarte: "Ich habe auch gebetet."


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