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James Blunt: "Ruhm macht misstrauisch"

Wie fühlt es sich an, vom mittellosen Ex-Offizier zum Pop-Idol zu werden? Exklusiv im stern: James Blunt über sein erstes Jahr als Superstar.

Ich muss Sie gleich ein wenig enttäuschen. Ja, mein Leben hat sich im vergangenen Jahr komplett auf den Kopf gestellt, aber es ist nicht so durchgedreht wie das von Pete Doherty. Ich nehme keine Drogen, habe keine Orgien in Hotelzimmern. Manche Kritiker bezeichnen mich deshalb als Langweiler, als Weichei. Sollen sie doch! Ich kann damit gut leben.

Bis vor kurzem war ich ein musizierender englischer Ex-Offizier, ziemlich pleite und abgebrannt, wohnte in einer Zwei-zimmerbude in Fulham in West-London. Inzwischen bin ich so bekannt, dass ich mich nur noch mit Kapuzenpullover und Sonnenbrille in ein Einkaufszentrum wage. Wenn einmal Zeit dafür ist. Wenn die Leute mich erkennen, brauche ich für 100 Meter zwei Stunden. Schon komisch, auf was man dann so alles seinen Namen schreiben soll: Unterarme, Rücken, Schuhe, Jacken und iPods - was die Leute gerade bei sich tragen. Einmal hat mir sogar eine Frau ihre Brust zum Signieren hingehalten. Ich habe ihr dann doch lieber eine CD von mir signiert.

Der meistgewünschte Song auf Hochzeiten

Wenn ich heute meinen Song "You're Beautiful" auf Konzerten vor 10.000 kreischenden Fans singe, dann wird mir das selbst manchmal zu viel. So viel Aufsehen um einen Song! Es gibt das Stück inzwischen als Handyklingelton, es gibt Comedians, die sich darüber lustig gemacht haben. Ganz ehrlich: Ich hätte nie für möglich gehalten, dass man mit einem Lied seine eigene Welt verändern kann. "You're Beautiful" hat das für mich getan. Neulich las ich, dass er der meistgewünschte Song auf Hochzeiten und Beerdigungen in England ist. So etwas rührt mich wirklich: wenn Menschen zu meiner Musik feiern - und auch trauern.

Das ist die positive Seite des Ruhms, all die Anerkennung und Liebe, die mir entgegengebracht wird. Das genieße ich, klar. Es wird aber auch immer schwerer, den Menschen zu vertrauen. Du lernst jeden Tag auf Tournee zehn neue Gesichter kennen, musst dafür zehn andere aus deinem Kopf löschen, damit du nicht den Faden verlierst. Jeder zerrt an dir, will irgendetwas. Wenn ich nach einem Konzert einem Mädchen ein Autogramm gebe und mich dann noch ein wenig mit ihr unterhalte, dann kann es passieren, dass am nächsten Tag eine schmutzige Schlagzeile in der Boulevardpresse daraus wird. Ich bin da sehr vorsichtig geworden. Eine Ex-Freundin von mir hat unsere Liebesgeschichte in diesem Jahr an eine britische Zeitung verkauft. Das hat mich echt fertiggemacht. Ruhm macht nicht unbedingt glücklich, Ruhm macht dich misstrauisch.

Die beste Entscheidung meines Lebens

Ich will hier aber nicht rumjammern. Damit muss man leben. Das Showgeschäft ist keine flauschige Wohngemeinschaft von Studenten, es ist wirklich ziemlich gnadenlos. Ich habe immer noch viele Freunde aus meiner Armeezeit im Kosovo. Sie kennen mich, wie ich bin, da brauche ich mich nicht zu verbiegen. Als ich damals als Nato-Peacekeeper in den Kosovokrieg ging, überlegte ich, was ich mitnehmen könnte. Manche Soldaten nehmen ihre Playstation mit, andere ein Kartenspiel, andere Pornohefte. Ich entschied mich für meine Gitarre. Es war wohl die beste Entscheidung meines Lebens. Im Kosovo habe ich meine ersten Songs geschrieben, die deshalb ziemlich düster klingen. Ein paar Auftritte hatte ich auch, aber du kannst keine Liebeslieder vor Soldaten spielen. Die wollen nicht daran erinnert werden, was sie gerade vermissen. Deshalb habe ich sie mit Partysongs unterhalten. Bald werde ich ein Konzert für die britischen Truppen im Kosovo geben. Ich möchte etwas zurückgeben von dem Glück, das ich mit der Musik hatte.

Natürlich hat mir die Musik nicht nur Glück gebracht, sondern auch Geld. Ich war der erste britische Musiker in den vergangenen zehn Jahren, der es schaffte, in den USA in die Top Ten zu kommen. Ich habe mehr als drei Millionen CDs verkauft. Und darauf bin ich stolz. Ich bin schon dabei, ein paar neue Songs für meine nächste CD zu schreiben. Bevor die erscheint, will ich aber auch ein bisschen das Leben genießen. Jetzt muss ich es wohl zugeben: Ich habe mir vor kurzem eine Villa auf Ibiza gekauft. In England ist das Wetter wirklich zu schlecht, um das Leben zu genießen. Seien Sie jetzt aber bitte nicht eifersüchtig! Ein bisschen Glamour muss sich auch ein Langweiler wie ich gönnen dürfen.

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