HOME

The Notwist-Interview: "Songs sind nicht nur Datenmengen"

Mitte der 90er Jahre machten The Notwist Weilheim zum Mittelpunkt der deutschen Musikszene. Inzwischen hat ein Großteil der Band das Künstlerkollektiv verlassen. Nur Martin Gretschmann hat sich der Landflucht verwehrt. stern.de sprach mit dem Elektro-Gehirn der Band über das neue Album, den Neid der Amerikaner und das Kulturgut Musik.

Seine Alben im Zwei-Jahres-Turnus zu veröffentlichen, gehört in der Musikszene schon zum guten Ton. Nehmen sich Künstler eine längere Auszeit, wird der neue Longplayer gleich als Comeback gefeiert. Bei The Notwist ist das anders. Egal wie erfolgreich ein Album ist - und "Neon Golden" wurde von der "New York Times" in die Liste der zehn besten Alben des Jahres 2002 aufgenommen - die Gebrüder Markus und Michael Acher sowie Martin Gretschmann nehmen sich für den nächsten Schritt Zeit. Ihre Fans wissen das und warten. Sechs Jahre haben The Notwist über ihrem neuen Werk "The Devil, You + Me" gebrütet. Dafür liefern die Bayern Musik ohne Verfallsdatum. Denn wo gewöhnliche Popsongs aufhören, fangen die der Herren aus Weilheim erst an.

Als Indietronic wird der Notwist-Sound gerne klassifiziert und Gretschmann winkt das Etikett ("Kannscht so lassen") gerne durch. Na, also. Auch wenn sie ihren Frickel-Pop in einem Tonstudio namens "Alien Research Center" komponieren, weltfremde Spinner mit Schubladen-Phobie sind The Notwist deshalb nicht.

Warum brauchen The Notwist für ein neues Album länger als die sonst üblichen zwei Jahre?

Man muss eine Idee haben, um eine neue Platte zu machen. Das braucht Zeit. Darüber hinaus funktioniert das Notwist-Prinzip sehr demokratisch: Man probiert so lange herum, bis ein Song auch dem letzten Mitglied gefällt. Das spontane Aufnehmen und Musizieren greift bei unseren anderen Projekten [Lali Puna, Console, Tied & Tickle Trio, Anm.d.Red.]. Bei The Notwist gehen die Uhren etwas langsamer.

Apropos Nebenprojekte. Wie steht es um die Musikszene in Weilheim? 1998 fragte das britische Musikmagazin "The Wire" immerhin "Is Weilheim the new Seattle?"

Die romantische Vorstellung vom Künstlerkollektiv, das sich jeden Abend auf ein Bier trifft und dabei neue Bands gründet, ist überholt. Seit gut fünf Jahren sind wir alle im Umland verstreut. Nur ich lebe noch in Weilheim.

Trotzdem haben The Notwist das bayerische Örtchen Weilheim auf der Karte der internationalen Musiklandkarte verortet. Sogar in den Staaten rollt man Ihnen den roten Teppich aus. Was mögen die Amerikaner an The Notwist?

Wir spielten vor rund zehn Jahren das erste Mal in den USA. Anfangs waren unsere Gigs schlecht besucht. Mit "Neon Golden" waren wir dann aber zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Amerikaner finden unsere Texte gut, weil ein paar Fehler darin sind. Man hört deutlich, dass jemand den Text geschrieben und gesungen hat, der kein Muttersprachler ist. Markus [Acher] hat einen ganzen anderen Zugang zur englischen Sprache, er fomuliert anders, worum ihn der Sänger von Themselves [HipHop-Formation mit der The Notwist die Band 13&God gründete] zum Beispiel regelrecht beneidet. Hierzulande werden wir wegen unserer deutsch-englischen Texte schon mal belächelt. Aber letztendlich sind Texte Poesie. Da muss nicht alles korrekt sein.

Seit der Veröffentlichung von "Neon Golden" im Jahr 2002 hat sich der Musikmarkt gravierend verändert. Radiohead verschenken ihr Album als Gratis-Download, in den USA werden Singles nur noch digital veröffentlicht. Wie reagieren The Notwist auf den Umwälzungsprozess?

Mir liegt es am Herzen, dass gerade jüngere Leute ein Bewusstsein für den Wert von Musik entwickeln. Songs sind eben nicht nur Datenmengen, die auf einem Server rumliegen. Meiner Ansicht nach ist es völlig legitim, wenn sich einer eine Notwist-Platte kauft und sie fünf Freunden kopiert. Einer der Freunde kauft sich dann vielleicht ein Portishead-Album und kopiert sie fünf Freunden. Solange das Prinzip des Tauschs funktioniert, dem eine finanzielle Investition zugrunde liegt, ist das okay. Wenn aber jeder Musik von vorneherein gratis haben möchte, dann wird es für kleinere Bands jenseits von Radiohead und Co. schwierig, Alben zu finanzieren. Dann haben wir ein Problem.

Der ästhetische Wert eines Tonträgers besteht also nach wie vor?

Unbedingt. Für das neuen Album "The Devil, You + Me" haben wir ein sehr hochwertiges Booklet kreiert, um den Leuten den Unterschied zwischen in schlechter Qualität herunter geladenen Dateien und einem selbstgekauften Album zu verdeutlichen.

Mal ehrlich: Nach fast 20 Jahren im Musikgeschäft, ist man den "Platte-Tour-Platte-Tour"-Zirkus nicht irgendwann leid?

Nicht, wenn man wie wir verschiedene musikalische Projekte am Laufen hält. Würden wir uns nur auf The Notwist konzentrieren, bestünde durchaus Gefahr, dass es sich irgendwann tot tritt. Durch Tied & Tickled Trio, 13 & God und Console haben wir genügend Abwechslung. Wenn man dann eine Platte mit einer anderen Gruppe veröffentlicht hat, ein Lebensabschnitt abgeschlossen ist, dann freuen wir uns alle wieder sehr auf The Notwist.

Interview: Verena Stöckigt