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Lady Gaga: Neue Madonna verzweifelt gesucht

Lange schon sucht die Popwelt eine würdige Nachfolgerin für Madonna. Derzeit gilt Lady Gaga als Favoritin. Zumindest die öffentliche Provokation beherrscht die New Yorkerin perfekt, wie sie bei einem Auftritt in Berlin bewies.

Von Sophie Albers

Es war wohl die "Re-Invention"-Tour, die Madonna vor fünf Jahren endgültig das Glaubwürdigkeits-Genick brach. So als habe die Benennung des Kunststücks, das ihr seit Jahrzehnten die Herrschaft im Königreich Pop sicherte, den Zauber gebrochen. Plötzlich war die Wahrheit zu sehen: eine gealterte Frau, die unter größter Anstrengung eine Maschinerie am Laufen hält, die leichte Unterhaltung vorgaukelt. Dann kam auch noch das berüchtigte Kinder-Shopping in Malawi, und schließlich ließ die für ihre Progressivität gefeierte Entertainerin ihr neues Album von Timbaland produzieren - nach allen anderen. Kein Wunder, dass Madonna Oberarme hat wie Martina Navratilova in ihrer aktiven Zeit: Sie presst schließlich einen Thron zusammen, der unter ihr auseinanderfällt.

Weil angeblich niemand unersetzbar ist, sucht die Musikindustrie schon seit Jahren eine Nachfolgerin, die ihren eigenen Thron mitbringt. Eine Prinzessin, die das Millionengeschäft mit den Fans sichert. In regelmäßigen Abständen werden Anwärterinnen in den Thronsaal geschickt, die allerdings bisher allesamt gescheitert sind: Britney Spears wurde zwar von der Königin persönlich geküsst, drehte aber kurz darauf völlig durch. Kate Perry ist schlicht und ergreifend zu uninteressant. Amy Winehouse zu kaputt, Beth Ditto natürlich doch zu fett, um mehr als ein Nischenpromi zu sein, und die schlaue Peaches ist zu anspruchsvoll. Und dann ist da noch Lady Gaga.

Aufgepumpte Prinz-Eisenherz-Frisur

Die bringt eigentlich alles mit, was es für eine Madonna braucht: Sie kommt aus New York, ist blond, definiert sich über das, was sie trägt und redet gerne und viel über Sex. Vielen gilt die 23-Jährige, die Feuilletonisten mit Montaigne-Zitaten sabbern macht, als Favoritin. Wiederum anders als bei Madonna wurde Lady Gagas Musik von Anfang an gelobt. Erstaunlicherweise, denn die Songs sind nicht wirklich vom Pop-R'n'B-Rest zu unterscheiden: dicke Stimme, dicke Beats, dicke Sex-Metaphern für viel Geld kristallklar produziert wie die Köstumchen. Doch wie Gaga in einem schwarz-weißen Petticoat-Kleid und pinkfarbenen Overknee-Highheels auf die Bühne schaukelt mit ihrer 80er-Jahre-Sonnenbrille und dem kreischblonden Haar, das aussieht wie eine aufgepumpte Prinz-Eisenherz-Frisur, guckt sie tatsächlich so pompös gelangweilt wie Madonna damals im Film "Susan verzweifelt gesucht".

Lady Gaga ist am Montag in Berlin, um auf der Internationalen Funkausstellung Kopfhörer vorzustellen, die den komprimierungsverstümmelten Dateien wieder mehr Sound geben sollen. "Heartbeats" heißen die von der Sängerin persönlich designten Stöpsel mit Glitterverbrämung, die an Reflektoren auf Schülerjacken erinnern, aber bei Gaga natürlich Teil eines Gesamtkunstwerks sind. Der Look der glitzernden Hörhilfe entspräche ihrer eigenen Spiritualität, sagt Gaga. Außerdem sei sie von Dreiecken besessen, deshalb die Form, die natürlich auch für Weiblichkeit stehe.

Beleidigte Vagina

Das ist der Einsatz für Viva-Moderatorin Collien Fernandes, die noch mal das - zugegeben alte - von Gaga selbst verbreitete Gerücht geklärt haben will, dass die Sängerin einen Penis habe. "Meine wunderschöne Vagina ist schwer beleidigt", kontert Gaga völlig unbeeindruckt. Fernandes muss allerdings den Raum verlassen, wie sie empört vor Kameras berichtet und sich so ein eigenes Stück vom Aufmerksamkeitskuchen abschneidet. Aber erst hinterher. Im Saal läuft die Gaga-Show wie am Schnürchen. In einer Popkarriere im Jahr 2009 ist auch das Versautsein Terminsache.

Lady Gaga sitzt auf der Bühne, erzählt PR-begabt von "ehrlichen Kopfhörern" und dass sie von Kopf bis Fuß vom Designer Marc Jacobs eingekleidet sei. Für Madonna hat es eine Zeit vor der Versace-Werbung gegeben. Lady Gaga fängt gleich als Werbebildchen an. Sie baumelt mit den Beinen, die den Boden kaum erreichen und sieht aus wie eine Puppe. Das - immerhin - ist Madonna nie gewesen. Und der bleibt nichts weiter übrig, als weiter durchzuhalten mit dem Thron-Zusammenpressen.