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Manipulierte Charts: Melodien für Millionen

Massenaufkäufe, doppelte Abrechnungen, "mafiöse Strukturen" - durch den Skandal um manipulierte charts kommen die Tricks einer trudelnden Branche ans Licht.

David Brandes ist kein Freund des Schachtelsatzes. Wenn er etwas sagen will, sagt er es, ohne lange herumzureden. Seit vorvergangenem Montag steht Brandes im Verdacht, mit Aufkäufen die deutschen Charts manipuliert zu haben - was ihm vorläufig eine Hitparaden-Sperre für sechs Platten einbrachte. Nun sind seine Sätze noch direkter geworden: "Was mit Gracia passiert, ist eine dreckige Hetzkampagne."

Erstmals am 24. März verriet in der Sat-1-Sendung "Akte 05" ein anonymer Informant, er habe über zwölf Tage Singles der von Brandes produzierten Band Vanilla Ninja aufgekauft, um so die Chart-Platzierung der estnischen Girlie-Band nach oben zu hieven. Auftraggeber sei Brandes' Firma Bros Music gewesen. Und weil die auch den deutschen Grand-Prix-Beitrag "Run & Hide" des Ex-RTL-Superstars Gracia Baur produziert hat, lag für die Reporter der Verdacht nahe: Genau solche Manipulationen hätten Gracia überhaupt erst auf Platz 20 der Charts gebracht - und somit in die deutsche Grand-Prix-Vorentscheidung. Konkrete Beweise? Bislang keine.

"Die Charts werden sauber gerechnet", behauptet Karlheinz Kögel, Geschäftsführer von Media Control. Die Firma erhebt für den Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft jede Woche die Listen der 100 bestverkauften Alben und Singles - mit Hilfe der Daten aller CD-Käufe, die rund 2000 Geschäfte von ihren Kassen direkt an Media Control übermitteln. Werden CDs eines Künstlers in auffallend großen Mengen in kurzer Zeit gekauft, so werden diese so genannten Klumpungen herausgerechnet. "Solche Verkäufe gehen nicht in die Chartsermittlungen ein", so Kögel. "Das System ist absolut sicher." Davon ist der Herr der Hitparaden überzeugt - selbst wenn er im Fall Brandes inzwischen "mafiöse Strukturen" ausgemacht hat.

Ist es das?

Offenbar sind den Datensammlern die Manipulationsversuche der Branche bekannt, sonst wäre das Anti-Klumpungs-Programm doch gar nicht notwendig. Aber erst nach der "Akte 05"-Sendung vom 24. März begannen Media Control und Phonoverband mit Ermittlungen im Fall Brandes. Laut Peter Zombik, dem Geschäftsführer des Phonoverbandes, wurden inzwischen Nachforschungen bis ins Jahr 2003 vorgenommen und "massive Manipulationsversuche" festgestellt. Dies nachzuweisen, sei erst durch jetzt eingegangene Zeugenaussagen möglich gewesen, so der Phonoverband. Aber warum wurde den damals registrierten, verdächtigen CD-Aufkäufen nicht sofort nachgegangen? Öffentliche Schuldzuweisungen sind selten in einer Branche, die sich selbst kontrolliert und gegenseitig stützt. Die Tatsache, dass manipuliert wird, gilt als offenes Geheimnis. "Fast jeder hat das mindestens schon einmal gemacht", schätzt ein Musikproduzent, "die großen Majors wie die kleinen Independent-Labels." Namen aber will niemand nennen: Eine angeschlagene Branche haut sich nicht selbst zu Boden.

Der Musikhandel leidet.

Vor allem im Single-Bereich. Vor fünf Jahren verkaufte die Branche noch 40 Millionen Maxis jährlich, 2004 gerade einmal die Hälfte. 1975 waren 100000 verkaufte Singles nötig, um in die Top 30 zu kommen, heute reichen 7000 Stück - für die Top Ten. Und für 10000 Platten gibt's in einer verkaufsarmen Woche schon mal den Platz Nummer eins. Nie war es so leicht, mit so wenig so viel zu erreichen. Das wissen auch illegale Promoter, die mitunter Tausende von Singles aufkaufen. Diese sind wesentlich preiswerter als Alben - weshalb der Skandal offenbar nur die Single-Hitparade betrifft. "Die Albumcharts sind sauber", sagt der ehemalige Universal-Chef Tim Renner. Der stern veröffentlicht ausschließlich Albumcharts (siehe Seite 180). Wer in den Hitparaden vorn liegt, bekommt auch anderswo die besten Plätze. So ist das "Chart-Rack" in jedem Plattenladen der Ort, wo CDs am prominentesten ausgelegt und die meisten Umsätze gemacht werden. Und je besser ein Titel in der Hitparade abschneidet, desto häufiger spielen ihn Radiostationen und Musiksender im Fernsehen. Generell gilt: Ein Platz in den Charts ist die beste Verkaufsförderung. "Wer da nicht selber nachhilft, hat einen Wettbewerbsnachteil", sagt ein Musikproduzent.

Aber wie? Wer klug ist, denkt an die Einzelhändler. Denen geht es schlecht - was für einen möglichen Betrug gut ist. Während in den großen Technikmärkten Saturn, Mediamarkt und Co. bis zu acht Kunden die gleiche CD kaufen müssen, bevor Media Control sie als einen einzelnen Einkauf wertet, ist im Plattenladen um die Ecke das Verhältnis noch immer eins zu eins. Wer das weiß, muss nur noch zum Telefonhörer greifen. "Ein- bis zweimal im Monat rufen Promoter oder Vertreter von Plattenfirmen bei uns im Laden an", erzählt ein Plattenhändler aus Norddeutschland. "Immer mit dem gleichen Auftrag: eine Woche lang eine bestimmte Single mehrmals täglich über den Kassenscanner ziehen und jeweils einzeln abrechnen. Am Ende der Woche erscheint dann der Auftraggeber, bezahlt alles und nimmt CDs sowie Bons mit." Meist umfasst das Paket 25 Singles. Das Geschäft für den Händler ist dabei die normale Gewinnmarge. "Egal, ob Major Label oder kleine Plattenfirma, alle kommen zu uns", so der Händler. Ein Trick, den die Firmen in vielen Läden gleichzeitig anwenden.

"Das ist der beste Weg,

die Charts zu verfälschen", bestätigt ein Vertriebsspezialist aus der Branche. Kaum jemand erkenne, wenn sorgsam über die Woche in Kleinstmengen eingekauft wird. Er selbst werde manchmal vom Management eines Künstlers angerufen und gefragt, ob er die Chartpromotion für ein Album leiten kann. Mit dem Begriff Chartpromotion sind branchenintern meist jene CD-Aufkäufe gemeint, die auch David Brandes allgemein einräumt. "Jedes System ist anfällig", räumt Peter Zombik, Geschäftsführer des Phonoverbandes ein. "Mit Kenntnissen von Details, Geld und gut organisierten Infrastrukturen ist es möglich, das Chartsystem zu manipulieren."

Was machen die Einkäufer mit all den CDs? Verschenken? Vernichten? Verkaufen? Der norddeutsche Musikhändler glaubt an die für Plattenfirmen finanziell reizvollste Lösung: "Nach meinem Wissen kommen die Platten wieder zurück in den Handel." Und wenn sie dann zum zweiten Mal verkauft werden, läuft auch bei Media Control wieder das Zählwerk. Kurzum: Ablesbar an den Single-Charts ist offenbar nur noch, wie gut eine Promotion - erlaubt oder unerlaubt - funktioniert hat.

Erfassungsprobleme für die Charts gibt es allerdings auch ohne betrügerischen Vorsatz: Manche Einzelhändler bestellen nicht mehr bei der Plattenfirma, sondern kaufen ihre Ware in den großen Technikmärkten ein. Die Preise dort liegen mitunter unter dem Einkaufspreis. Ein Händler: "Da wird der Azubi losgeschickt und soll dann bei Saturn oder anderswo fünf Platten kaufen." Das Resultat: Die CD wird bei Media Control zweimal als verkauft gemeldet - einmal im Discounter, einmal im Plattenladen.

Niemand kontrolliert, ob die Menge gekaufter CDs die Menge gepresster CDs übersteigt. Das räumt der Phonoverband ein. Aber immerhin einen Bereich gibt es, in dem alles ganz sauber zugeht. Garantiert. Denn der Musiker, der eine Goldene Schallplatte erreichen will, muss nicht manipulieren. Für ihn zählt nur, wie viele Platten an den Handel ausgeliefert wurden - der tatsächliche Verkauf interessiert bei dieser Auszeichnung nicht.

Anita Blasberg/Sebastian Pfotenhauer / print