Peter Urban "Ich rechne so mit Platz 15 bis 10"


Zum neunten Mal kommentiert Peter Urban, die gute Seele des Grand Prix, den Euro-Wettbewerb. Dass er Gracia keine großen Siegeschancen ausrechnet, verriet er im stern.de-Gespräch.

Für Fans, schreibt Jan Feddersen in seinem Buch "Ein Lied kann eine Brücke sein", sei der Grand Prix Eurovision ein Ereignis wie für andere "Weihnachten, Bundesligastart, Beaujolais Primeur oder Wimbledon". Geht Ihnen das auch so?

Nein, so könnte ich das nicht sagen. Für mich ist es eine nette Abwechslung, als ob ich zu einem großen Spielewochenende fahre, zu ’ner Sportveranstaltung. Man taucht ab in eine komplett andere Welt, das ganze Drumherum um den ESC ist ja, wenn man vor Ort ist, weitaus größer, als man sich das hier so vorstellen kann. Gerade in den Ländern, in denen die europäische Einigung und die Eurovision relativ neu sind, spielt so'n Ereignis noch eine viel größere Rolle, da ist das ein Staatsakt. Das war in Estland und Lettland so, und ich denke, in der Ukraine wird es genauso sein. Durch die gestiegene Teilnehmerzahl und die Einführung des Semifinales ist es für mich allerdings auch mehr Arbeit geworden: zwei Sendungen in einer Woche zu bestücken und insgesamt 39 Titel zu kommentieren, das zaubert man ja nicht so aus dem Hut.

Wo Sie die große Bedeutung des ESC in anderen Ländern beschreiben: Bei uns sieht’s ja gerade – im 50. Jahr des Wettbewerbs – wieder eher nach Krise aus: Der Vorentscheid hatte schlechte Kritiken & Quote, dann der Skandal um die Chartmanipulationen durch Gracias Produzent David Brandes...

Ach, na ja, Krise. Ich glaube, das geht immer in Wellen. Da ist mal ’ne Niederung, dann kommt ein Guildo Horn oder ein Stefan Raab oder ein Max und dann ist wieder ’ne Höhe erreicht, dann kommt vielleicht eine Corinna May oder eine Lou, und man hat wieder ein Wellental. Und dann kommt wieder ein, ich würde sagen: neutrales Jahr wie dieses. Das Angebot im Vorentscheid war nicht überragend, eher durchschnittlich. Dazu war das Programm vom Boulevard-Faktor her nicht so spektakulär: Es gab keinen Klatsch, keine Skandale, das war einfach zu normal. Wahrscheinlich würde die Sendung JETZT, nach diesem Pseudo-Skandal um Gracia, eine viel höhere Einschaltquote erreichen.

Nur ein Pseudo-Skandal?

Also die Künstlerin hatte mit den Plattenkäufen ja nichts zu tun, und die Qualifikation über die Chartplatzierung hätte sie auch so erreicht. Das hat mir die Phonowirtschaft gerade noch mal bestätigt, sie wäre sowieso in den Charts gewesen, sie ist nur durch die Manipulation, die der Brandes offenbar gemacht hat, höher gekommen.

Sind denn die Single-Charts noch eine relevante Größe, wenn man sie durch den Kauf von 2000 Platten derart beeinflussen kann?

Null. Ich habe dafür plädiert, und das wird auch so kommen, dass der Charts-Einstieg nicht mehr relevant sein wird für diesen Wettbewerb. Aber wie gesagt: Die bisher geltende Vorgabe wäre auch ohne die Manipulation erfüllt gewesen, die Künstlerin wusste nichts davon, und sie ist mit 280 000 Telefonanrufen gewählt worden. Insofern halte ich das schon für eine legitime Wahl. Außerdem ist Gracia doch ein Farbtupfer im Programm: Aus Deutschland kommt diesmal eine Hardrock-Nummer, oder, milder gesagt, ’ne Pop-Hardrock-Nummer, das ist doch mal was Neues, das hatten wir doch auch noch nicht (lacht).

Hardrock ist ja eine hübsch gesagt. Thomas Hermanns, der die Party auf der Reeperbahn moderieren und die deutschen Votes verkünden wird, fühlt sich von Gracia gar an die junge Cher erinnert...

Nun ja, ich finde schon, dass sie gut singt, aber bei einer Nummer wie "Run and Hide" kommt es nicht so auf Persönlichkeit an. Es ist eine Performance, die visuell gestylt ist, da bist du in so ’nem Rahmen, Hardrock-Braut, mit Lederweste und BH, das heißt, das ist 'ne Rolle, die du da spielst, und auch musikalisch sind da starke Schablonen zu erfüllen: dramatische Refrains unter hartem Rhythmus. Für persönliche Entfaltung bleibt da nicht viel Platz. Ich finde Gracia aber ganz überzeugend in der Rolle.

Wird sie also den achten Platz von Max in Istanbul toppen?

Das glaub ich nicht, der Song von Max hatte ja große internationale Qualitäten. Zwar war da keine Performance vorhanden, aber das war ja auch schon wieder ganz charmant. Diesmal halte ich unseren Beitrag für eher im Mittelfeld angesiedelt, ich rechne so mit Platz 15 bis 10. Wenn's besser wird, freut's mich, aber unter den Konkurrenzbeiträgen gibt es doch einige, die für mich attraktiver sind...

Die Buchmacher sehen Griechenland vorn, gefolgt von Norwegen und Ungarn.

Norwegen erstaunt mich, denn Wig Wam, das sind plauzige Männer in Kiss-Kostümen! In meiner persönlichen Favoritenliste habe ich auch Griechenland, Helena Paparizou, ein sehr rhythmischer Song, so ’ne Mischung aus griechischer Tanzfolklore und Latinopop. Ungarn habe ich auch dabei, N0X hat wieder diesen ethnischen, folkloristischen Touch, der ja durch Ruslanas Siegertitel für die Ukraine stark betont worden ist, die Kostüme liegen irgendwo zwischen Volkstracht und Video/MTV-Ästhetik. Das wird man dieses Jahr öfter sehen. Ja, und Malta fand ich noch gut: eine Sängerin, die schon 1998 teilgenommen hat, Chiara heißt sie und war damals schon eine sehr beleibte Dame. Ich hatte damals mit den Worten "ein runder Beitrag aus Malta" abmoderiert und kriegte dann Ärger mit dem Verband der Fettleibigen Deutschlands. Die tritt nun wieder an, ist aber nicht dicker geworden, und sie singt super.

Was erwarten Sie vom Moderatoren-Trio Ruslana, Wladimir Klitschko und DJ Pascha?

Hoffentlich reden die nicht so viel. Das ist ja der Albtraum vieler dieser Sendungen, dass zu viel, oft auch zu verkrampft witzig moderiert wird. Ziemlich anstrengend, dann als Kommentator einen Witz, der keiner war, zu übersetzen. In diesem Fall befürchte ich auch ein Tempo- und Timing-Problem: Ruslana spricht kein Englisch, Wladimir spricht zwar Englisch und Deutsch, aber nicht so richtig schnell... DJ Pascha kenn ich nicht, das ist wohl ein lokaler Held, vielleicht ist der ja ganz witzig...

Da ist von Ihnen wieder ironische Distanz gefragt...

Ich beschäftige mich ja nicht das ganze Jahr mit solchen Dingen, sondern lass das auf mich wirken und kommentier das dann mit einem Abstand, der allerdings im Laufe dieser Woche immer geringer wird, du wirst da reingesogen wie in eine Blase. Du hörst die Songs vier, fünf, sechsmal in der Probe und pfeifst auf einmal Lieder mit, die du sonst nie mitpfeifen würdest. Da muss man dann schon aufpassen, dass man nicht auf einmal zu euphorisch wird. Oft hilft da ein Blick auf die Kostüme: Da erlebt man ja die tollsten Überraschungen. Leute, die die ganze Woche über in Jeans geprobt haben und gut aussahen, haben auf einmal in der Generalprobe den unglaublichsten Fummel an, völlig hanebüchen am Geschmack vorbei.

Noch mal zur deutschen Situation: War nicht der Vorentscheid im letzten Jahr, als man mit Viva kooperierte und Jörg Pilawa/Sarah Kuttner moderierten, deutlich lebhafter als der dieses Jahr?

Ja, während in diesem Jahr so 'n bisschen der Reizpunkt fehlte, war die Kombination Pilawa/Kuttner diesbezüglich ja ungeheuerlich (lacht). Das sind ja Welten gewesen, und das zu beobachten hat Spannung gebracht. Durch die Zusammenarbeit mit Viva war auch das Teilnehmerfeld sehr prominent besetzt, weil alle gesagt haben, unsere Videos werden bei Viva gespielt, dann kriegen wir noch diesen Fernsehauftritt, das ist doch ein tolles Forum. Nach dem Viva-Verkauf fehlte leider die Basis für diese Kooperation. Da muss man sich was anderes ausdenken fürs nächste Jahr.

Stefan Raab hat ja nun dieses Jahr einen Konkurrenzwettbewerb veranstaltet, den Bundesvision Song Contest...

Ja, ich weiß gar nicht genau, was das sollte. Wollte er jemandem was beweisen oder eins auswischen? Für mich war das ’ne reine Promo-Show für die Künstler, die angeblich aus irgendwelchen Bundesländern kamen, was aber oft gar nicht stimmte. Raabs Talentsuche im Vorjahr, wie hieß das noch, "SSDSGPS", das fand ich spannend, das war ’ne tolle Idee. In diesem Jahr hat er einfach nur versucht, der ARD die Schau zu stehlen – ohne dass das irgendwem was gebracht hätte. Aber die Krise, in Anführungszeichen, die würd ich nicht daran festmachen, weil ich die Quote einfach für ein Ereignis des Tages halte, das mit dem Konkurrenzprogramm zu tun hatte und vielleicht mit zu wenig Polarisierendem und Spektakulärem im Angebot.

Machen Sie weiter, bis Sie noch mal einen deutschen Grand-Prix-Sieger erleben?

Ich weiß gar nicht, ob man das erleben will (lacht). Das ist mir ehrlich gesagt relativ egal. Mir macht das Spaß, ich freu mich für jeden, der da gute Songs abliefert, der 'ne gute Performance macht, ich geh da überhaupt nicht so ran, als ob D da nun gewinnen müsste.

Haben Sie sich 1982, als Nicole gewonnen hat, überhaupt schon für den Grand Prix interessiert?

Ehrlich gesagt, hab ich mich mehr dafür interessiert in den späten 60er, frühen 70er Jahren. Da hab ich's immer geguckt, auch Udo Jürgens gewinnen sehen und Sandy Shaw, solche Dinge. Das hatte so 'n europäischen Spiel ohne Grenzen-Touch für mich. In den 80ern hab ich’s dann weniger gesehen, aber ich hab’s immer verfolgt, musikalisch wusste ich es immer einzuordnen (…) Übrigens hab ich auch noch mal verglichen, wie Deutschland in den letzten acht Jahren, seitdem ich das mache, so abgeschnitten hat, von wegen Krise und so: In den letzten acht Jahren war D fünfmal unter den ersten 10, einmal 5., einmal 3., nur zweimal gab’s richtige Abstürze: Corinna May und Lou.

Peter Luley

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