Eurovision Song Contest "Egal, ob wir gewinnen"


Zum neunten Mal kommentiert Peter Urban, die gute Seele des Grand Prix, den Euro-Wettbewerb. Ob Gracia oder sonst ein Deutscher gewinnt, sei ihm egal, bekennt er im Gespräch mit stern.de.
Von Peter Luley

Nur 3,56 Millionen Zuschauer beim nationalen Vorentscheid im März, schlechte Kritiken noch dazu – und mit dem "DSDS"-Starlet Gracia eine Siegerin, deren Legitimation nach der Wahl wegen der Charts-Manipulation ihres Produzenten David Brandes in Zweifel geriet und deren Durchschnittsnummer "Run & Hide" international kaum Titelchancen zugebilligt werden. Man muss kein notorischer Nörgler sein, um den Eurovision Song Contest kurz vor seiner 50. Austragung hierzulande mal wieder in der Krise zu verorten. Hatte im vergangenen Jahr noch eine Kooperation von ARD und Viva ein vergleichsweise illustres Teilnehmerfeld mit würdigem Gewinner (Max, 8. Platz in Istanbul) generiert und die erfrischend freche Co-Moderatorin Sarah Kuttner hervorgebracht, so herrschten diesmal Beckmannsche Beliebigkeit und Ratlosigkeit vor. Neben allerlei peinlichen Szenen gab es vor allem eine Erkenntnis: Die Boom-Phase der Gaga-Songs à la Guildo Horn und Stefan Raab ist genauso vorbei wie die Zeit der Siegel-Schnulzen. Wie aber soll es mit dem Sangeswettstreit weitergehen?

Ortstermin mit Peter Urban im Café Funk-Eck in der Hamburger Rothenbaumchaussee. Seit 1997 kommentiert der 57-jährige NDR-Redakteur den Song Contest – mit sanft-sonorer Stimme, dem Ethos eines Sportreporters und dezent-ironischer Distanz. Wer, wenn nicht er, das Radio-Urgestein, der promovierte Pop-Fachmann ("Rollende Worte – Die Poesie des Rock") könnte da Rat geben und die Richtung weisen, mit Sachverstand und Nüchternheit? Leidet er nicht selbst unter der Misere, denkt er womöglich gar ans Aufhören? Weit gefehlt. Der schluffige Grandseigneur ist gut gelaunt. Eine nette Abwechslung sei der einwöchige Aufenthalt in Kiew für ihn, ein Abtauchen in eine völlig andere Welt. "Gerade in den Ländern, in denen die europäische Einigung und die Eurovision noch relativ neu sind, spielt so ein Ereignis noch eine viel größere Rolle, da ist das ein richtiger Staatsakt." Maue Auswahl beim deutschen Vorentscheid? "Ach, na ja, das geht immer in Wellen." Der Mann hat schließlich auch schon Lou und Corinna May überstanden. Schlechte Quote? "Ein Tagesereignis." Gracia? "Visuell durchgestylte Performance mit ziemlich engem Rahmen. Sie gibt die Hardrock-Braut in Lederweste und BH, und auch musikalisch sind da starke Schablonen zu erfüllen: dramatische Refrains unter hartem Rhythmus. Ich sehe den Beitrag im Mittelfeld angesiedelt, rechne mit Platz 15 bis 10." Und der Skandal um die Charts-Manipulation? "Die Künstlerin hatte mit den Plattenkäufen ja nichts zu tun. Sie hätte die Qualifikation auch so erreicht und wurde von 280 000 Anrufern gewählt, insofern halte ich die Wahl für legitim. Aber wie relevant sind denn eigentlich noch Charts, wenn man sie mit dem Kauf von 2000 Platten beeinflussen kann?"

Okay, okay, Maestro, stattgegeben. Ehrlich gesagt: Man möchte mit Peter Urban nicht über Krise reden. Sondern über sein Metier. Wie bei den Buchmachern die Wetten stehen, wie er selbst die Konkurrenz einschätzt. Da holt er mit blitzenden Äuglein einen Zettel raus. Griechenland hat er da drauf, Helena Paparizou, "ein sehr rhythmischer Song, so ’ne Mischung aus griechischer Tanzfolklore und Latinopop", und Ungarn auch: "NOX bietet wieder diesen ethnischen, folkloristischen Touch, der ja durch Ruslanas Siegertitel für die Ukraine stark betont worden ist. Das wird man dieses Jahr öfter sehen." Nur der hoch gehandelten norwegischen Gruppe Wig Wam kann er nichts abgewinnen: "Das sind doch plauzige Männer in Kiss-Kostümen!"

So kann er ewig weitermachen, Anekdoten über die beleibte maltesische Sängerin Chiara erzählen, deren Auftritt er einst mit "ein runder Beitrag" abmoderierte und daraufhin "Ärger mit dem Verband der Fettleibigen kriegte". Ob Deutschland nach Nicoles Friedenshymne von 1982 vielleicht irgendwann noch mal gewinne, sei ihm egal, bekennt er freimütig. Er freut sich lieber an den "hanebüchenen Kostümen zwischen Volkstracht und MTV-Ästhetik". Wer dem Plauder-Profi Urban zuhört, merkt bald, dass er der guten Seele des Grand Prix begegnet. Krise? Im nächsten Jahr kann doch schon alles wieder ganz anders aussehen. Jetzt wollen wir erst mal Kiew gucken. Ein Prosit mit der Apfelschorle und: Auf eine gute Performance, Peter!


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