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Interview

Neue Single: "Es gibt Tage, da liebe ich es, Clueso zu sein. An anderen habe ich wirklich keinen Bock drauf"

In seiner neuen Single "Sag mir, was du willst" stellt sich der Popsänger Clueso die Frage, was er noch in seinem Leben erreichen will. NEON hat ihn zum Interview getroffen. 

Clueso im gelben Strickpullover auf einem roten Sessel mit blauem Hintergrund

Cluesos neue Single "Sag mir, was du willst" ist am 14. Februar 2020 erschienen

Clueso hat auf den größten Bühnen Deutschlands gestanden und acht Gold- und Platinalben veröffentlicht. Jetzt hat er eine Single herausgebracht: In "Sag mir, was du willst" überlegt er, wo er gerade im Leben steht und ob er glücklich ist. Erstmals hat der 39-jährige Erfurter mit Produzenten zusammengearbeitet, dem Duo DECCO aus Stockholm und Wien. Im Interview mit NEON verrät er, wie er mit Kritik umgeht, warum er nicht aus Erfurt weggezogen ist, und ob er einen Plan für die Zukunft hat.

Der Titel deiner neuen Single "Sag mir, was du willst" klingt so, als wüsstest du gerade nicht, was du willst.
Ich schreibe oft autobiografisch und habe mal gesagt "Ich erzähle Geschichten, die erfunden, aber keine Lügen sind". So ist es wirklich ein bisschen.

Das heißt, dass in deinen Texten immer etwas Wahres steckt, aber nicht alles wahr ist?
Wenn ich Songs schreibe, ist es, als würden meine Figuren loslaufen. Ich packe dann alles in den Song, was am besten zu meiner Aussage passt. Es muss nicht genauso passiert sein. Aber bei "Sag mir, was du willst" ist alles so passiert. Ich wurde neulich gefragt, ob es mir bei der Zeile "Ich mach nicht viel falsch, leider auch nichts richtig" wirklich so gehen würde – und ja, das ist so. Ich hatte erwartet, dass Leute denken, dass diese Zeile eher dem Hörer zugewandt geschrieben ist. Aber in Wahrheit geht es um mich.

Wie kamst du darauf, dieses Mal keine Figur für den Song zu erfinden?
In erster Linie wollte ich keinen Lovesong schreiben. Ich fand die Melodie und diesen Dialog "Sag mir, was du willst" einfach cool und dachte, da stell' ich mir doch selbst die Frage. Ich stelle mir alle paar Jahre die Frage, was ich eigentlich will. Die Antwort ergibt sich aus dem, wie man lebt.

Hast du eine Antwort gefunden?
Was ich gerade in der Musik will, weiß ich. Ich bin davon abgekommen, dass ich alles selber machen muss und zu einem Produzenten gegangen, was ich beim letzten Album nicht gemacht habe. Da habe ich alles selber gemacht, auch gemischt. Und privat … eigentlich wollte ich immer gerne wegziehen. Jetzt wohne ich aber immer noch in Erfurt und will gar nicht mehr weg.

Du singst oft davon, dass du gerne ein bisschen planlos lebst. Trotzdem bist du in Erfurt fest verwurzelt. Ist das kein Widerspruch?
Vielleicht wirkt es für manche widersprüchlich, ist es aber nicht, weil ich genau durch diese Planlosigkeit einfach das mache, was für mich am besten passt. Und das war Erfurt, all die Jahre. Eigentlich habe ich tausend Gründe, nicht mehr in Erfurt zu leben: Einfach mal durchzudrehen oder richtig geil essen zu gehen, ist dort schwierig. Aber wenn ich nach Hause komme, ist es wie ein kleines Vakuum. Früher habe ich es genossen, dass ich viele Leute kannte und viel los war und jetzt ist es genau das Gegenteil. Ich liebe es, zu Hause erst einmal Ruhe zu haben und mich dann wieder um die Menschen zu kümmern, die mir nahestehen. Das ist perfekt. Ich werde zu nichts verführt. In Erfurt habe ich jeden Tag nur eine bestimmte Auswahl und das tut mir sehr gut.

Wenn du ohnehin eher planlos lebst, könntest du dir dann auch vorstellen, noch mal was ganz anderes zu machen?
Ich lebe nicht komplett planlos. Das kommt daher, dass bei mir ohnehin schon viel geplant ist, weil es geplant sein muss. Meine freien Momente muss ich mir extrem spontan einteilen, zum Leidwesen aller, die mit mir zu tun haben. Die sagen mir: Man kann dich nicht festnageln auf Termine. Und das stimmt. Ich wehre mich extrem dagegen, weil ich das den ganzen Tag habe. Ich habe tausend Termine. Ich denke natürlich auch an die Zukunft und daran, wie sie für mich aussehen kann. Aber ich mache mir nicht so einen Druck. Irgendwann wird das schon kommen.

Fühlst du den Druck von außen? Viele Menschen stürzt es in eine Krise, wenn sie irgendwann merken: Beruflich bin ich erfolgreich und habe mich selbst verwirklicht, aber ich habe keine Familie gegründet.
Es fühlt sich für mich sehr schön an, wenn meine Freunde mit ihren Kindern in den Raum kommen. Aber ich mache das, was ich als Künstler mache, gerne und genieße den Luxus, dass ich Zeit für mich habe, weil ich sehe, wie müde Eltern oft sind. Die sagen: Kinder zu haben und Eltern zu sein ist das Schönste und Schlimmste, was dir passieren kann. Zugleich. Ich habe auch in einer WG gewohnt mit Freunden, die Kinder hatten, die da rumgesprungen sind. Und ich weiß noch, wie wir vier Männer am Ende waren, weil die Kleinen uns fertiggemacht haben.

Die Kinder haben mit in der WG gewohnt?
Die waren oft da. Und das ist, wenn auch im schönen Sinne, wirklich energiezehrend. Ich kann da beide Seiten nachempfinden. Aber ich denke nicht, nur weil ich älter werde: "Oh Gott, ich brauche das jetzt auch."

In deiner neuen Single singst du, dass dir alle die Hände schütteln und sagen, dass es so cool sei, was du schon erreicht hast. Das klingt so, als wäre dein Erfolg für andere viel größer als für dich selbst.
Ja, klar. Ich muss mich ja selber darauf besinnen, dass das, was ich gemacht habe, erfolgreich ist. Für die anderen ist es immer "Wow". Das, was ich gemacht habe, war für die aber auch schon "Wow", als wir im Centrum [ehemaliger Club in Erfurt, Anm. d. Red.] gespielt haben und eine Hip-Hop-Band hatten. Alle sagten damals schon, wir hätten es geschafft. Als ich den ersten Label-Deal hatte, bei dem ich 5000 Mark gekriegt habe, war es für die Leute noch krasser. Die Außenwahrnehmung ist immer anders. Ich kann dieses Künstlersein gut ausleben, aber ich vergesse das zum Glück auch immer wieder. In Erfurt ist das schwer, da ist es wie "Hallo, Herr Kaiser", weil ich so viele Leute kenne.

Fällt es dir schwer in dem Wissen, dass die Leute dich erkennen, durch Erfurt zu laufen?
Ja, aber ich kenne jeden Weg. Ich weiß ganz genau, auf welcher Straße ich wie auf einem Laufsteg laufe und in welcher kleinen Gasse mich keine Sau sieht.

Es gibt Tage, da liebe ich es, Clueso zu sein. An anderen Tagen habe ich wirklich keinen Bock drauf, wenn ich kaputt oder müde bin, zum Beispiel. An diesen Tagen gehe ich nur durch die Seitengassen. Oder ich gehe gar nicht raus.

Du hast schon viel erreicht, vielleicht sogar alles, was du mal erreichen wolltest. Hattest du am Anfang deiner Karriere konkrete Ziele, auf die du hingearbeitet hast?
Nee, ich schieße gut in die Ferne, mit einem gesunden Größenwahn. Aber was anschließend passiert, da bin ich sehr entspannt. Ich habe mir nach Platten selten angesehen, wie viele wir verkauft haben. In den Anfangsjahren hat mich das gar nicht interessiert, sondern eher, wie die Kritik war. Wie geht die Welt draußen damit um, wie gehen die Fans damit um, wie ist die gesamte Wahrnehmung, was denken die Szene und die Kollegen? Wie empfinden die das? Wenn die das cool fanden, dann war das manchmal echt genug.

Wie gehst du jetzt mit Kritik um?
Heute nehme ich Kritik an, aber nicht die Emotion darin. Es gab zum Beispiel mal eine Kritik, die mich sehr getroffen hat, weil sie so persönlich und emotional war. Das würde mich jetzt nicht mehr so treffen. Nach einem Konzert in Hamburg hat ein Journalist geschrieben, dass das Konzert scheiße gewesen sei. Für uns war es das krasseste Konzert auf der ganzen Tour. Der Applaus war wie in einer Komödie – fast eine Minute zu lang. Ich musste schon fast lachen. Wir dachten: "Sie müssen jetzt mal wieder aufhören zu klatschen!" Das war so exorbitant geil, aber der Typ hat eine so schlechte, emotionale, hasserfüllte Kritik geschrieben. Wo kommt das her, habe ich mich gefragt. Warum so böse? So schreibt doch keiner. Das hat mich früher viel mehr gestört. Mittlerweile weiß ich, dass die Emotion in einer Kritik nichts mit mir zu tun hat. Das ist auch ein konkreter Tipp: Lies für dich raus, wo die Emotion und wo die Kritik ist. Das fällt schwer, aber es hilft. Und wenn ich etwas fühle und dafür brenne, dann perlt Kritik von mir ab. Dann finde ich es einfach schade.

Glaubst du, man wird unglücklich, wenn man seine Ziele so früh erreicht?
Wenn man zu früh Erfolg hat, dann kennt man den Weg davor nicht. Dann fällt der Weg zurück schwerer. Für mich ist es zum Beispiel so: Ich kenne den Unterschied zwischen einer Zeit vor "Gewinner", einem Song von mir, der wirklich viele Leute begeistert hat, und danach. Aber es war auch okay für mich, als es danach wieder weniger wurde, weil ich den Weg bis zu diesem Erfolg erlebt hatte. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte das nicht gekannt und es wären auf einmal weniger Leute zu meinen Konzerten gekommen, das wäre schwer für mich gewesen.

Du hast in jungen Jahren deine Ausbildung zum Friseur abgebrochen. Denkst du daran manchmal zurück? Hast du Angst, dass du irgendwann nicht mehr erfolgreich bist?
Ja, ich mache mir schon solche Gedanken. Aber es ist auch immer eine Entscheidung: Ob ich es auf Erfolg anlege oder auf das, was mich gerade umtreibt und mir wichtig ist. Wie bei "Sag mir, was du willst": Das ist wirklich ein Popsong mit Inhalt für mich persönlich. Und wenn das keiner wahrnehmen würde, würde ich mich fragen, was ich falsch gemacht habe. Das Album "Handgepäck" war ein Liebhaberalbum, es war klein angelegt. Das war für die Fans. Ich saß auf irgendwelchen Inseln und habe Songs geschrieben, die etwas erzählen, auf das ich gerade Bock hatte. Das ist eine bewusste Entscheidung. Wenn man jetzt eine große Hochzeit plant und keiner kommt, dann ist das ärgerlich, weil man nicht damit gerechnet hat. Es kommt drauf an, was man selber gerade erreichen will.

Ist es dir mehr wert, wenn du weißt, dass deine Fans einen Song mögen, oder dass es ein Hit wird?
Was mir wichtig ist: Ich möchte einerseits wahrgenommen werden, aber andererseits auch einen Song machen, den ich am nächsten Tag nicht jedem erklären muss. Bei den Fans war es mir immer wichtig, dass sie das ganze Album geil finden. Ich war bis jetzt immer jemand, der Alben abgegeben hat. Jetzt will ich aber mehrere Nummern direkt raushauen. Im Popbereich gehe ich als Erster diesen Weg, früher haben das viele Hip-Hopper oder Amis gemacht. Kaum jemand im Pop haut sechs, sieben Singles raus. Das probieren wir gerade aus. Das ist sinnvoll, auch wegen der veränderten Hörgewohnheiten, der veränderten Art, Musik zu hören, die durch das Streaming entstanden ist. Mir kommt es wahnsinnig gelegen, weil ich immer viel mehr schreibe, als ich für ein einzelnes Album brauche. Jetzt kann ich endlich mal gleich einen Song raushauen, wenn ich ihn fertig habe.

Hattest du Angst davor, dich neu zu erfinden?
Ein Teil von mir. Ich hatte große Angst, dass es zu needy wirkt und zu unnatürlich aussieht. Wie ein älterer Herr in bunten Klamotten, der mit Farbe rumwirft. Ich hatte aber schon immer eine sehr hohe Affinität zum urbanen Sound. Jetzt muss ich schauen, dass das nicht missverstanden wird und zu anbiedernd wirkt und ich meine eigene Note finde.

Du hast dich schon mal neu erfunden. Du hast mal Hip-Hop gemacht und dann die Richtung gewechselt. Hat sich das damals auch so angefühlt?
Ja, es hat sich genauso angefühlt. Erst bin ich allein in dem neuen Umfeld und dann freue ich mich, wenn meine Fans und Kollegen merken, dass man sich einen Kopf gemacht hat und mal was Neues ausprobiert. Das Alte kann man ja schon. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich immer wieder weiterentwickeln kann als Mensch und Künstler.

Cyndi Lauper

Könntest du dir vorstellen, irgendwann mit deinem Klarnamen auf die Bühne zu gehen? Oder ist es einfacher, als Kunstfigur dazustehen?
Das hat sich bei mir so ergeben. Kat Frankie, mit der ich Songs aufgenommen habe, hat schon ein paar Mal zu mir gesagt, sie würde es gar nicht aushalten, nur mit einem einzigen Namen so viele verschiedene Sachen zu machen. Bei mir war das, was ich mache, schon immer breit gefächert und – zum Teil im positiven Sinne – konzeptlos. Damals, als ich Rap gemacht habe, fand ich die Roots geil, dann fand ich Neil Young geil, irgendwie habe ich alles gehört und auch alles gemixt und deshalb war immer alles Clueso. Jetzt als Thomas Hübner auf die Bühne zu gehen … da müsste ich schon viel erklären. Da stelle ich mir selber die Frage: Warum heißt der jetzt Thomas Hübner? Was ist noch privater als die Mucke, die ich sowieso schon als privat empfinde? Ich könnte mir eher vorstellen, dass ich eine Instrumentalplatte mache – und die heißt Thomas Hübner.

Welche Menschen haben dich beeinflusst? Du sprichst oft von Udo Lindenberg oder von deinem Opa.
Ja, in unsicheren Zeiten ist es gut, zuzuhören und vor allem, den Richtigen zuzuhören. Und selbst wenn die Richtigen die Falschen sind, dann helfen sie trotzdem.

Wie meinst du das, wenn die Richtigen die Falschen sind?
Manche Vorbilder können auch gut sein, wenn sie eigentlich keine guten Vorbilder sind. Ich habe immer viel ausprobiert. Mal war ich etwas frecher, habe mehr kokettiert, die Jacke etwas anders getragen – bis ich gestolpert bin. Dann habe ich gemerkt, dass das nicht ich bin. Es macht Spaß, aber es passt nicht zu mir. Und dass ich mir vielleicht das falsche Vorbild gesucht habe. Auch anhand von falschen Vorbildern kann mal lernen, wer man ist.

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