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Norah Jones: Die Meisterin des sanften Lauschangriffes

Ihre ersten beiden Platten verkauften sich millionenfach. Jetzt erscheint ihre drittes Album. Im exklusiven stern.de-Interview erzählt Norah Jones über Musik in der Werbung, die Produktion ihres neuen Albums, Ipod-Kultur und ihr Politikverständnis.

Frau Jones, der Erfolg Ihrer Platten war sozusagen nicht zu überhören, weil sie auch in Flugzeugen, Hotelhallen oder Fahrstühlen gespielt wurde. Nutzt es der Musik, wenn sie zum Geräuschteppich wird?

Es freut einen natürlich zunächst, wenn die eigene Musik so gemocht wird, klar. Aber mir geht es wie Ihnen, Pop-Musik ist heute eben überall. Wenn sie in Hotels auf die Toilette gehen, im Supermarkt und im Fernsehen, egal auf welchem Kanal. Man muss Musik heute fast nicht mehr kaufen, weil man sie sowieso immer und überall hört.

Johnny Cashs Song "Hurt" wurde sogar in einer Werbung für Turnschuhe benutzt. Gehört solche Musik dahin?

Ich hatte eine harte Zeit, als sehr viele Firmen anfragten, ob sie meine Songs in der Werbung einsetzen dürften. Ich wollte das nie, weil ich dachte, es täte meinen Songs nicht gut. Aber es hat sich geändert, sehr viele Künstler erlauben das heute. Und ich glaube, es tut dem Fernsehen und der Werbung gut, wenn wenigstens gute Musik gespielt wird. Hat doch alles zwei Seiten.

Bob Dylan musizierte für einen Werbespot einer Bank...

Ich fand es seltsamer, als er Werbung für die Dessous-Firma "Victoria's Secret" machte. Aber dann habe ich gedacht, hey, das ist Bob Dylan, was kann ihm besseres passieren?

In welcher Werbung könnten Sie sich Norah-Jones-Songs vorstellen?

Kann ich nicht sagen, ich hatte wirklich viele Anfragen, aber ich muss das Gefühl bekommen, dass es zusammenpasst. Manchmal wollen sie auch nur den Song, den jemand anders dann singt, manchmal nur die Melodie, ich konnte mich bisher noch nicht entscheiden. Aber wissen Sie, ein Grund dafür, dass es viele Künstler heute machen, liegt auch darin, dass eine Menge guter Musik nicht im Radio gespielt wird. Und wenn die Werbung gute Musik populär macht, habe ich nichts dagegen. Überlegen Sie doch mal, wie oft Ihnen Musik in der Werbung gefallen hat. Ich glaube, jedem fällt dazu etwas ein.

Welche Folgen hat Ihrer Meinung nach die Ipod-Kultur? Musik wird nicht mehr in Plattengeschäften sondern per Mausclick am Computer gekauft.

Ich muss gestehen, dass ich das auch mache. Das Problem ist aber, dass die Menschen zwar viele, aber nur einzelne Songs kaufen. Ich mag Alben, ich weiß selbst, wie viel Arbeit, Ideen und Mühe dahinter steckt, zehn oder zwölf Lieder auf einem Album zusammenzustellen, das ist ja ein Kunstwerk. Und wenn dann jemand nur Lied vier, sechs und neun kauft, fühlt man sich missverstanden. Und Sie sehen ja auch, wie verzweifelt die Plattenindustrie versucht, Alben mit Bonus-Material und Extra-Songs aufzuwerten, damit sie gekauft werden. Ich habe das nie verstanden. Wenn ich Extra-Lieder hätte, wären sie auf dem Album und nicht irgendwie im Anhang. Ich habe ja schon Probleme aus meinem neuen Album eine Single auszusuchen. Ich finde alle Songs wichtig und nicht einen wichtiger als die anderen.

Glauben Sie denn, dass der Ipod Musik wieder populärer gemacht hat?

Ja, ganz sicher. Jeder nutzt und hört doch mehr Musik, wenn er sie in einem kleinen Kasten überall dabei hat, im Auto, beim Sport, bei Freunden. Ich weiß nicht genau, wie viele Stücke ich auf meiner Festplatte habe, aber es ist ein gutes Gefühl diese große Auswahl zu haben.

Die Musikindustrie hofft aber, mit dem digitalen Geschäft den Markt besser kontrollieren zu können.

Das hofft sie, es wird ihr aber nicht gelingen.

Robbie Williams hat angekündigt, seine Musik nur noch im Internet zu veröffentlichen.

Ja, ich verstehe was er damit meint. Das Internet ist ein wundervoller Marktplatz für alle. Jeder kann seine Musik ausstellen und jeder kann sie zu Hause hören. Mein Problem ist etwas altmodisch: Ich bevorzuge Vinyl-Platten. Sie klingen besser.

Sie leben das, wovon Millionen andere träumen. Wie ist es, so berühmt zu sein?

Ich empfinde mich nicht als berühmt oder als Celebrity. Und ich glaube, die Menschen um mich herum sehen mich auch nicht so. Meine Musik hat mehr Erfolg als andere Musik, das ist das einzige, was mich unterscheidet. Ich bin ganz froh, mich aus diesem anderen Zirkus herauszuhalten. Aber ich sehe auch im Fernsehen diese Talent-Shows und sehe, wie verzweifelt da junge Leute berühmt werden wollen. Manche haben auch Talent, aber viele nicht. Und das kann ziemlich traurig sein, wenn einer nur singt, um berühmt zu werden und nicht singt, um zu singen. Wenn jemand die ganz einfache, kommerzielle Popmusik mag, wenn er nur auf die Bühne will, kann das ja okay sein. Popmusik ist da eine Maschine und wenn man einfach Teil der Maschine sein will, mag das funktionieren. Aber wenn jemand wirklich seine eigene Musik machen will, geht das in solchen Shows nicht gut.

Liest man die Kritiken Ihrer Musik spürt man den Kritiker leiden, der nicht weiß, wo er sie einordnen soll. Jazz? Country? Pop? Wo sehen Sie sich am liebsten?

Keine Ahnung, ich kann das nicht sagen. Das ist ihr Job. Ich würde sagen, ich singe Songs. Mehr nicht.

Lesen sie Kritiken Ihrer Hörer auf Amazon.com?

O Gott, Amazon ist auch so eine Errungenschaft des Internets, jeder fühlt sich plötzlich als Musikkritiker. Ich habe da schon abenteuerliche Sachen gelesen.

Auch die der Jazz-Puristen, die Ihnen vorwerfen zu kommerziell zu sein?

Ich mache meine Musik ja nicht, um diesen Jazz-Priestern zu gefallen. Wenn ich kommerzielle Musik machen wollte, müssten das ganz andere Songs sein.

Ihr neues Album "Not too late" ist, wie Sie sagen, ihr persönlichstes. Wie meinen Sie das?

Wissen Sie, normalerweise geht man ja in ein Studio, da stehen dann auch Menschen von der Plattenfirma und andere herum. Und alle haben Ratschläge und Hoffnungen für das, was sie da singen sollen. Wir haben das ganz anders gemacht. Wir haben das Studio bei uns in der Wohnung, und es kamen Freunde vorbei, mit denen wir die Songs eingespielt haben. Das ganze Album war also Teil unseres Lebens, und wir haben auch gesagt, es ist fertig, wenn wir es fertig finden. Erst dann habe ich die Aufnahmen zur Firma geschickt, und die haben daraus dieses Album gemacht.

Wann ist ein Song für Sie ein guter Song?

Wenn mich nichts mehr beim Anhören stört.

Sie arbeiten und leben mit ihrem Freund dem Bassisten Lee Alexander...

...und Sie wollen jetzt wissen, ob das gut geht, Liebe und Arbeit.

Geht es?

Ja, absolut. Aber wir definieren das gar nicht oder analysieren unsere Beziehung. Es geht eben so, er kennt mich besser als andere, er ist ruhiger als ich, und da ergänzen wir uns.

Stimmt es, dass Sie aus Spaß mit Freunden in einer Punk-Band spielen?

Das ist wirklich so ein Spaß-Projekt, und wir machen auch keine Punk- oder Rock-Musik. Wir spielen ein paar Stücke ganz ohne Gattung, ganz anders als meine Musik.

Inwiefern anders?

Sehr, denn ich spiele Gitarre.

In New York stehen Sie zur Zeit zum ersten Mal vor der Kamera. Sie drehen mit dem chinesischen Regisseur Wong Kar-Wei den Film "My Blueberry Nights". Auch ein Versuch, etwas anderes auszuprobieren?

Ja, irgendwie schon, aber ich habe erst gezögert. Als mich Kar-Wie anrief, dachte ich zuerst, dass ich am Soundtrack mitarbeiten soll. Aber meinte dann, ich soll eine Hauptrolle spielen. Ich war erstmal ratlos, weil ich keinen einzigen seiner Filme kannte. Doch das Drehbuch und die unkonventionelle Art Kar-Weis hat mich überzeugt. Es ist für mich eine komplett andere Art, zu arbeiten. Wenn ich ein Lied mache, gehe ich ins Studio und singe und fertig. Aber vor der Kamera wird jede Szene in kleinen Takes aus verschiedenen Winkeln gedreht. Da lernt man zu warten.

Haben Sie Schauspielunterricht genommen?

Ja, ich habe ein paar Stunden genommen, aber als der Regisseur davon hörte, sagte er mir sofort, nein lass es sein, sei vor der Kamera einfach so, wie du bist.

Sie spielen neben Jude Law und Natalie Portman.

Was mich zuerst wahnsinnig nervös machte, ich brachte schon am ersten Drehtag kein Wort über die Lippen. Und dann sollte auch noch Jude Law kommen. Doch beim Film lernt man schnell eine andere Sorte von Teamarbeit kennen. Hier war es jedenfalls so, alle haben mir geholfen.

Musik ist in den vergangenen Jahren wieder politischer geworden und erreicht eine Generation, die lange als unpolitisch galt.

So wie mich. Und ich kann auch sagen, dass ich mich jahrelang nicht für Politik interessiert habe, weil ich ihr nicht vertraut habe. Und so ging es sehr vielen in meiner Generation. Wir hätten uns ja mehr engagiert, wenn man gesehen hätte, dass man der Politik mehr vertrauen kann und dass sich etwas bewegen kann. Aber das war nicht in Sicht, und so sind viele wie ich äußerlich unpolitisch geblieben. Aber Sie müssen sehen, dass sich das verändert hat. Wir machten nichts in der Politik, aber sie macht etwas mit uns. Sie schickt in den USA junge Menschen in den Krieg, sie findet nicht die richtigen Lösungen für die Probleme der Umwelt. Auf einmal geht mich das alles etwas an. Ich bin im vergangenen Jahr zum ersten Mal zu einer Wahl gegangen.

Kann dieser Aufbruch einer Generation zu einem Regierungswechsel führen?

Damit ist es ja nicht getan. Wir haben in den USA nur zwei Parteien und die Wahlverlierer, die Demokraten, arbeiten noch sehr heftig daran, sich wieder aufzubauen. Auch die müssen ja erstmal das Vertrauen schaffen, damit Menschen wie ich ihnen zuhören. Auch mit denen ist es noch ein langer Weg.

Würden Sie sich bei den Demokraten engagieren?

Kann ich noch nicht sagen. Wir haben ja in den beiden Parteien noch mal unterschiedliche Strömungen mit unterschiedlichen Kandidaten. Man weiß ja noch nicht, wer sich durchsetzt und ob der Richtige dann auch der Stärkste ist. Die Politik wird bei uns zur Hälfte vor der Wahl gemacht.

Wenn sich der Pop zur Politik äußert, kann es aber auch mächtigen Ärger geben. Die US-Band "Dixie Chicks" wurde wüst beschimpft, als sie den Irak-Krieg kritisierten.

Na ja, da war das Problem, wie ich etwas sage. Wenn man einfach nur pöbelt, pöbeln andere zurück. Ich glaube, man muss sein Statement gut überlegen und vor allem gut formulieren. Man will ja etwas erreichen.

Zum Schluss noch eine musikalische Frage. Kennen Sie deutsche Pop-Musik?

Mhmmm... gab es mal eine...Nena? Ich kann mich an dieses Lied mit den Luftballons erinnern. Und neulich war ich in Paris und da sprachen viele von so lustigen Jungs aus Deutschland. Heißen die Tokio Hotel oder so? Ich kenne die Musik aber nicht.

Das Interview führten Hannes Roß und Jochen Siemens