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TV-Kritik "Günther Jauch": Leben nach dem Lauschangriff

Nicht mal vor dem Handy der Kanzlerin schreckt die NSA zurück. Für Ex-US-Botschafter John Kornblum eine "Dummheit". So easy sah jedoch nur er die Spitzelaffäre.

Von Simone Deckner

Eigentlich hatte man in der Bundesregierung das Thema NSA ja schon zu den Akten gelegt. Kanzleramtsminister Pofalla hatte den Spionageskandal kurzerhand in Terminator-Manier für beendet erklärt. Innenminister Friedrich hatte abgewiegelt und "Antimamerikanismus" geargwöhnt. Die Kanzlerin selbst hatte alles irgendwie nicht so wichtig und den Bündnispartner in Schutz genommen. Sie wisse nichts davon, dass sie abgehört würde, sagte sie noch vor nicht allzu langer Zeit.

Doch diese Woche wurde bekannt, dass sich in den Akten von Edward Snowden auch die Handynummer von Angela Merkel befand. Bereits seit 2002 soll der US-Geheimdienst NSA ihr Handy angezapft haben. Barack Obama sagt, er habe nichts davon gewusst, entschuldigte sich aber trotzdem. Doch die Empörung der Kanzlerin ist enorm. Jetzt, da sie der Spähskandal persönlich betrifft. Selbst Noch-Außenminister Guido Westerwelle ist kurz aus seinem vierjährigen Komaschlaf aufgewacht und warnt mit dramatischen Worten vor einem „Bruch“ des deutsch-amerikanischen Bündnisses.

Und so lautet das Thema bei Günther Jauch: "Handy-Alarm im Kanzleramt – machtlos gegen Amerikas Spitzel?" Als einziger Vertreter der Spitzel traut sich der ehemalige US-Botschafter in Berlin, John Kornblum, ins Studio. Amtszeit: 1997 bis 2001. Ob der NSA denn damals schon Lauschangriffe vorbereitet habe will ein angriffslustiger Jauch von Kornblum wissen. Der verweist auf seine Schweigepflicht, die auch nach Ende des Arbeitsverhältnisses gelte. Man werde verstehen, dass er hier keine Interna preisgebe. Nur so viel: Der Druck auf die Geheimdienste sei wegen der Terrorgefahr immens. Man müsse "einen Spagat schaffen zwischen dem, was man tun kann und dem, was man tun soll." Das Handy Merkels abzuhören, sei allerdings eine "Dummheit ersten Grades" gewesen, so Kornblum.

Überwachung als weltweites Problem

Das bringt Spiegel-Reporter Marcel Rosenbach auf den Plan. Man dürfe den Lauschangriff nicht "verniedlichen". Es handele sich um einen "Grundrechtsbruch". Dass es nicht allein um Merkel, sondern um die Grundrechte von 82 Millionen Bürgern gehe, machen Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar deutlich. Ihr Tenor: Es kann nicht sein, dass massenhaft unbescholtene Bürger überwacht werden. Zeh hat schon nach zehn Minuten keine Lust mehr, nur über das deutsch-amerikanische Verhältnis zu reden. "Das ist ein weltweites Problem. Es wird flächendeckend alles an Daten abgefasst, was man kriegen kann." Man müsse sich jetzt dringend fragen: "„Wie wollen wir leben?"

Sicherlich nicht so, wie es Sicherheitsexperte Stefan Schreiber vorexerzierte. Er präsentierte die Ergebnisse einer Spionageattacke auf Ranga Yogeshwars Handy. Der hatte der Aktion vorher zugestimmt, reagierte dann aber "emotional viel heftiger als erwartet." Die Spitzel wussten nicht nur exakt, mit welcher U-Bahn er wann unterwegs war. Sie zapften sogar sein Handymikro an, als er auf dem Flohmarkt mit seiner Familie unterwegs war. Kostenpunkt für die Trojaner-App: 150 Dollar. Yogeshwar sichtlich erschüttert. "Das ist mehr als befremdlich."

Menschenwürde verteidigen

Wer sage, er habe nichts zu verbergen, unterschätze was eine Vielzahl gesammelter Daten an Kontrollverlust bedeute. "Der Bürger wird gläsern und kann ausgebeutet werden." Es war Zehs Reden: Wer nichts zu verbergen hat, habe alles verloren, so die Schriftstellerin blumig. "Wir bilden unsere Identität aus Geheimnissen." Nichts weniger als die Menschenwürde gelte es zu verteidigen. Zeh fordert einen "digitalen Menschenrechtsschutz", ohne konkrete Beispiele zu nennen.

Die brachte CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach: 80 Prozent des gesamten Internetverkehrs laufe über die USA. So ein Monopol könne nicht gut sein. "Die EU muss sich Alternativen zu Microsoft, Google und Facebook überlegen". Yogeshwar könnte sich sogar vorstellen, "Facebook und Co. so lange zu kappen, bis sie sich an unsere Datenschutzgesetze halten".

Ex-Botschafter Kornblum hörte sich die empörten Reden äußerlich unbeeindruckt an. Er kenne das schon, "dass die Deutschen entrüstet sind wegen Dingen, die die Amis machen." Es sei aber keine Lösung, sich jetzt hilflos zu stellen. Spiegel-Mann Rosenbach hat jedenfalls schon mal vorgesorgt. Er besitzt ein vermeintlich abhörsicheres Cryptophone. Das sei nur "nicht wirklich komfortabel" in der Nutzung. Wolfgang Bosbach hatte da auch noch eine Idee, womöglich revolutionär, wie er vermutete: "Man muss auch nicht immer das Handy benutzen. Man kann sich auch persönlich unterhalten."